30.09.2018 07:13
Quelle: schweizerbauer.ch - hal
Bern
«Artgerechter» Stall aufgerichtet
Der alte Milchviehstall am Inforama Rütti in Zollikofen BE fiel noch vor den Ostern dem Baggerzahn zum Opfer. Der neue Stall soll viel Tierkomfort bieten. Der «Schweizer Bauer» sah sich auf der Baustelle um.

Der Stallneubau auf der Rütti in Zollikofen BE ist in vollem Gange. Die Gebäudehülle für 62 Kühe und 35 Aufzuchtkälber wird aufgerichtet. Bis Ende Jahr soll der Stall bezugsbereit sein. Bis dann ist die Kuhherde in einem Stall in Gretzenbach SO untergebracht. Gemäss dem Projektbeschrieb soll ein «artgerechter Laufstall» gebaut werden. Der «Schweizer Bauer» hat sich erkundigt, wie artgerecht er tatsächlich wird.

Doppelte Herdeführung

Der Kredit für den Stall und die Sanierung des Futterlagers beträgt 4,8 Millionen Franken. Diese grosse Investition hat seinen Grund: Ein Versuchsstall soll es werden. Markus Wildisen, Direktor des Inforamas, erklärt, welche baulichen Konsequenzen dieser Versuchsstall verursacht: «Man wird zwei Herden parallel führen können, deshalb muss vieles doppelt gebaut und angeschafft werden.» 

Diese doppelte Herdeführung sei u.a. von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) und von Vetsuisse (Uni Bern) gewünscht worden. Flexible Gruppentrennungen erlauben, die Kuhherde sogar in vier Gruppen zu teilen. Weiter werden zwei Klauenbäder im Einsatz sein, damit unterschiedliche Behandlungen verglichen werden können. 

Mehr als die Norm


Für Fütterungsversuche stehen mit der automatischen Fütterung und der geplanten Gruppenbildung ebenfalls mehr Möglichkeiten offen. Das Tierwohl verlange zudem ein entsprechendes Volumen des Stalles. Wegen des Spardrucks sei man  gewisse Kompromisse eingegangen, sagt Wildisen. Ein Beispiel ist, dass es keinen Schulungsraum im Stall geben wird.

Für die Fachplanung bezüglich Tierwohl wurde von der Hafl die Kuhsignal-Expertin Nathalie Roth miteinbezogen. Kuhsignal-Spezialisten sind sich einig, dass dem Tierwohl zuliebe die Laufgänge und Fressplätze grösser als nach Tierschutzvorschriften gebaut werden sollen. Das kommt im neuen Rütti-Stall zum Tragen, wie der «Schweizer Bauer» erfuhr. In der Abkalbebox für sechs Kühe, die sich direkt neben dem Melkstand befindet, und dem Selektionsbereich seien die Fressplätze tiefer als gefordert. Dasselbe gelte bei den Laufgangbreiten. 

Flexible Nackenbegrenzung

Eine starre Nackenbegrenzung – eine häufige Schwachstelle in Laufställen – gibt es auf der Rütti nicht. Dort wird eine flexible Nackenbegrenzung montiert. Der grosszügige Kopfraum ermögliche den Kühen einen ungehinderten Bewegungsablauf beim Aufstehen und Abliegen. In vielen und oftmals auch in neuen Ställen sind die Stufen im Laufbereich eine Verletzungsgefahr. Das ist kein Thema im neuen Rütti-Stall: Der Stallboden bei den Kühen ist stufenlos und wird auf Rost - wie auf Festflächen von einem Entmistungsroboter gereinigt. 

Zudem werde der Stall grundsätzlich sehr offen gestaltet, weil der Laufhof zwischen der Futtertenne und den Liegeboxen integriert sei und die Nordseite offene Wandteile aufweise. Ein gegenüber dem Fressplatz liegendes flexibles Wandlüftungssystem soll erlauben, die ganze Längswand der Futtertenne flexibel zu öffnen oder zu schliessen.

GLB plant und leitet

Die Informationen, welche in Erfahrung gebracht werden konnten, werden dem Beschrieb «artgerechter Laufstall» gerecht. Planung und Bauleitung kommen mit der GLB Berner Mittelland aus einer Hand. Und was nicht vergessen werden darf ist das Herzstück des Stalles, nämlich der Melkstand. Ein Autotandem 2x4 der Firma GEA soll ab 2019 die Kühe melken.

Der 1972 und 1973 erbaute Rindviehstall entsprach den Ansprüchen der Tierschutzgesetzgebung nicht mehr. Der bis Ende Jahr fertiggestellte Laufstall soll 62 Milchkühen und 35 Kälbern Platz bieten. Gleichzeitig werden die Futterlagergebäude saniert. Der Grosse Rat hatte im März 2017 einen Kredit von 4,34 Mio. Franken gesprochen. Grossrat Kilian Baumann (Grüne, Suberg), verlangte Rückweisung mit der Auflage, das aus seiner Sicht übertriebene Projekt zu redimensionieren. Baumanns Antrag wurde mit 16 Ja zu 110 Nein-Stimmen bei 14 Enthaltungen abgelehnt. Zwar gaben ihm einige Votanten Recht, dass der Preis pro Stallplatz relativ hoch sei. Aufgrund der hohen Anforderungen bezüglich Ausbildung der Landwirtschaftschüler sei dies aber auch gerechtfertigt. Der Kredit selber wurde mit 119 Ja, gegen 2 Nein-Stimmen bei 19 Enthaltungen durchgewunken.  ral/sam

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