4.08.2017 09:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Michaela Götz, lid
Smart Farming
App unterstützt das Abkalben
Landwirte können nicht zu jeder Zeit im Stall sein. Ein Abkalbesensor meldet ihnen, wenn eine Kuh zum Kalben kommt.

Immer häufiger findet die Digitalisierung ihren Weg auch in die Landwirtschaft - sei es bei Melk-, Fütterungs- oder Entmistungsrobotern. Immer häufiger setzen Landwirte digitale Technik auch dazu ein, das Verhalten und die Gesundheit ihrer Tiere zu überwachen; ein Beispiel ist der „Moocall“, ein in Irland entwickelter Abkalbesensor.

Schwanzbewegungen weisen auf Wehen hin

Anna Felber ist Produktmanagerin bei Swissgenetics, einer Firma, welche Landwirten Genetik für die künstliche Besamung ihrer Kühe sowie Hoflieferprodukte anbietet. Die ausgebildete Landwirtin stellt den Moocall auf dem Betrieb der Betriebsleitergemeinschaft von Edwin Hitz und Philipp Dittli in Hütten ZH vor. Diese halten 65 Kühe in einem neuen Laufstall. Die junge Frau befestigt das faustgrosse, grüne Gerät am Schwanz der Kuh, die eben in die Abkalbebucht gebracht wurde. Die Bandlänge lässt sich leicht der Schwanzdicke anpassen. Ein Klick, und das Gerät sitzt fest am Schwanz, ohne dass es die Kuh stört.

Die Kuh namens Calanda wird in den nächsten Tagen ihr neuntes Kalb zur Welt bringen. Der Sensor misst die Bewegungen des Schwanzes. Setzen bei einer Kuh die Wehen ein, dann bewegt diese ihren Schwanz häufiger als sonst; es sind reflexartige Abwehrbewegungen der Schmerzen, die von den Wehen ausgehen. Doch was ist, wenn die Kuh von Fliegen belästigt wird und deswegen mit dem Schwanz wedelt? „Das ist eine andere Bewegung“, erklärt die Landwirtin. Da fächert die Kuh quasi nur mit dem Schwanz, während sie bei den Wehen den Schwanz nach oben schlägt. Eine Forschergruppe in Irland hat viel technisches Knowhow in das kleine Gerät gesteckt, damit dieses das Schlagen des Schwanzes als Zeichen des kurz bevorstehenden Kalbens erkennt.

Geburt sensibel

Setzen die Wehen ein, gibt Moocall Alarm, das heisst, das Gerät schickt dem Tierhalter eine SMS. Halten die Wehen an, kommt eine Stunde später eine zweite SMS. Bei älteren Kühen geht das Kalben meistens schneller als bei Kühen, die das erste Mal kalben. Doch es ist immer gut, so schnell als möglich zur Stelle zu sein. Denn die Geburt ist eine sensible Phase.

Zwar geht sie meistens problemlos vor sich, aber, wenn es zu Komplikationen kommt, dann leiden die Tiere darunter und für den Landwirt kann der Schaden beträchtlich werden. Hat sich zum Beispiel die Fruchtblase über den Kopf des Kalbes gestülpt, erstickt das Kalb. Kann die Mutter das Kalb nicht zur Welt bringen, weil das Kalb falsch in der Mutter liegt, kommt auch sie selbst in Lebensgefahr und wird stark geschwächt.

Alarm via SMS und Kameraüberwachung

Neben dem Geburtsmelder gibt es auch noch zwei Filmkameras, die von zwei Seiten die Abkalbebucht im Bild festhalten. „Zusammen mit dem Moocall bieten sie uns mehr Sicherheit“, sagt Anna Felber, die zukünftige Frau von Betriebsleiter Dittli. Über eine App lassen sich die Bilder der Kameras direkt auf das Smartphone leiten.

So wissen die Landwirte, was in der Abkalbebucht passiert, wenn der Alarm abgeht. Dank der Direktübertragung können sie gleich feststellen, ob die Kuh so liegt, dass das Kalb gut zur Welt kommen kann, ob sie ruhig oder nervös ist. Je nachdem ist mehr oder weniger Eile geboten.

Kosten und Nutzen abwägen

Wegen des tiefen Milchpreises müssen Milchbauern heute mehr Kühe halten und oft sogar noch einem zusätzlichen Erwerb nachgehen. Letzteres hat zur Folge, dass sie weniger Zeit im Stall verbringen können, führt Anna Felber aus. Digitale Geräte zur Tierüberwachung gewinnen deswegen für Tierhalter immer mehr an Bedeutung. Geburtsmelder und Überwachungskameras sind nur zwei Beispiele solcher digitalen Hilfen. Es gibt auch Geräte, welche die tägliche Milchmenge beim Melken, die Wiederkauhäufigkeit und die Bewegungsaktivität der einzelnen Kühe erfassen. Mittels eines Programmes lassen sich die verschiedenen Informationen sogar kombinieren. „Das würde uns noch mehr Sicherheit bieten, die Tiergesundheit zu überwachen“, sagt die Landwirtin. Zwar gibt es auf dem Hof schon ein Milchmengenmessgerät, aber die anderen Geräte müssten noch gekauft werden, allerdings zu einem höheren Preis als der Abkalbesensor und die Kameras. Um herauszufinden, ob es sich lohnt, müssen die Landwirte die Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen

Schon zwei Kälber gerettet

Moocall ist seit Februar knapp ein halbes Jahr auf dem Betrieb im Einsatz. Rund 20 Geburten hat der Abkalbesensor seither angemeldet  „Wir konnten dank des Senders schon zwei Kälber retten“, freut sich die Landwirtin. Und nicht nur das. „Wir können nachts ruhig schlafen“, ergänzt sie. Es ist zwar schon vorgekommen, dass sich das Gerät vom Schwanz gelöst hat, doch der Geburtsmelder bietet deutlich mehr Sicherheit für Mensch und Tier.

Die Stallbaufirma Moser in Amriswil sowie Swissgenetics in Zollikofen vertreiben das Gerät der irischen Firma „Moocall“ seit Oktober 2016 und haben schon 95 Geräte verkauft. Weltweit seien sogar schon 25‘000 Geräte im Einsatz. Offensichtlich stösst die irische Erfindung bei den Bauern auf offene Ohren. Bei den tiefen Milchpreisen sind viele Bauern gezwungen, neben dem Betrieb noch auswärts zu arbeiten. Sie sind deswegen weniger im Stall als früher, erklärt die Landwirtin.

Im Stall der Betriebsleitergemeinschaft ist im Sommer zwar meistens jemand in der Nähe der Tiere, aber im Winter arbeiten die beiden Betriebsleiter im Wald und führen als selbständige Unternehmer Forstarbeiten durch. Vor allem in dieser Zeit sind ihnen der Geburtsmelder und die Stallkamera eine grosse Hilfe.

Neue Technik hat ihren Preis

Moocall kostet die Landwirte 450 Franken und ab dem zweiten Jahr fällt eine jährliche Servicegebühr von 122.- Euro an. Der Service besteht im Support rund um die Uhr, in den Updates und im freien Zugang in das Mobilfunknetz. Ein GSM-Sensor gewährleistet freien Zugang in das beste Mobilfunknetz, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen. „Der Alarm funktioniert selbst auf alten Handys ohne Internet-Zugang“, hält die Produktmanagerin fest.

Der Akku des Gerätes hält bei Dauereinsatz während eines Monates und ist wieder aufladbar. Ein SMS erinnert an das Aufladen. Die "IP farmCam" kostet 385 Franken. Dank Infrarot-Licht, lassen sich auch in der Dunkelheit Objekte gut erkennen. Mit Hilfe einer SD-Speicherkarte in der Kamera lassen sich Filme aufnehmen und wiedergeben. Die Landwirte können kontrollieren, was im Stall passiert ist. Diese vielen Vorteile sind den beiden Landwirten der BLG den Preis wert.

 

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