14.03.2019 09:22
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Viehschau
Volle Euter: Verarbeiter erhöhen Druck
Nationalrätin Irène Kalin (Grüne/AG) fordert ein Verbot des Zitzen-Versieglen an Viehschauen. Die Motion wird nun vom Nationalrat behandelt. Die Milchindustrie greift vor und will Druck auf Aussteller und Viehzüchter machen. Besonders die vollen Euter sind den Verarbeitern ein Dorn im Auge.

«Der Bundesrat wird ersucht, die Tierschutzverordnung dahingehend anzupassen, dass bei Rindern das Verschliessen von Zitzen jeglicher Art zu Schau- und Präsentationszwecken verboten wird.» Das ist der Text der Motion, welche Nationalrätin Irène Kälin (Grüne, AG) eingereicht hat. Sie schreibt in der Begründung für ihren Vorstoss: «Die beliebte Tradition der Viehschauen gerät durch fragwürdige und oft tierschutzrelevante Manipulationen überehrgeiziger Züchter an Ausstellungskühen zunehmend in Verruf.»

Dieser Vorstoss ist hängig und wird von der grossen Kammer am Donnerstag oder kommende Woche behandelt werden. Der Bundesrat hat sich bereits bereit erklärt, die Motion anzunehmen.

Tierschutz sieht pralle Euter als grösseres Problem

An der Expo Bulle von Anfang März hat sich gemäss der Konsumentensendung «Espresseo» der Schweizer Tierschutz (STS) ein Bild gemacht. «Nach wie vor steht das volle Euter im Zentrum, Verkleben ist an der Tagesordnung, ebenso das Stylen mit Emulsionen und Sprays», sagt STS-Tierärztin Julika Fitzi zum Radiosender.

Sekundenkleber werde nicht mehr eingesetzt. Doch bei Collodium sei der Effekt derselbe. Keine Milch dringe aus den Zitzen und der Druck bleibe im Euter bestehen, so Fitzi. Der Tierschutz unterstützt ein Verbot des Zitzenversiegeln. Das grössere Problem seien aber die prallen Euter. «Wir würden es begrüssen, wenn sich die Aussteller an Melkintervalle halten würden, so dass maximal zwölf Stunden nicht überschritten werden», macht Fitzi deutlich.

Gemäss dem Ausstellungsreglement der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Rinderzüchter (ASR) ist Collodium weiterhin erlaubt: «Das äusserliche Versiegeln der Zitzen ist mit zugelassenen Produkten erlaubt, solange das Wohlbefinden der Kuh nicht negativ beeinflusst wird.» Laut Anhang ist dafür einzig «Collodium 8%» erlaubt.

Industrie setzt ihr Gewicht ins Spiel

In die Diskussion eingeschaltet hat sich auch die Vereinigung der Schweizer Milchindustrie. Sie habe die Branche, also Aussteller, Züchter und Verarbeiter, zu einer Lösung bringen wollen. Gemäss Geschäftsführer Lorenz Hirt sind die Gespräche gescheitert. «Wir von der Industrie wollten beim Problem der übervollen Euter an Ausstellungen ansetzen», sagt Hirt zu Radio SRF. Ansetzen wollte die Vereinigung bei den Zwischenmelkzeiten. Diese sollten vorgegeben und kontrolliert werden. Wer das Scheitern zu verantworten hat, sagt Hirt nicht.

Nun geht die Verarbeiter einen Schritt weiter und setzen Druck auf. Und sie bringen ihre Marktmacht ein. «Letztendlich sind wir die Käufer dieser Milchmengen und wollen uns als gewichtige Player ins Spiel bringen», so Hirt unmissverständlich. Die Milchindustrie sei im Moment daran zu definieren, welches die Anforderungen an die Lieferanten seien und wie man diese auch umsetzen könne. Welche Bedingungen und Sanktionen zur Anwendung kommen, lässt Hirt noch offen.

Eine Sanktionsmöglichkeit wäre aber, dass die Verarbeiter die Milch von fehlbaren Züchtern nicht mehr abnehmen würde.

ASR wird politischen Entscheid akzeptieren

Die Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter stellt sich gegen ein Kollodium-Verbot. Das Reglement wurde aber verschärft. Alle Kühe mit einem Championtitel werden nach der entsprechenden Wahl einer Ultraschallkontrolle unterzogen. Neu muss sich jede Kuh vor dem Eintreten in den Ring einer visuellen Vorringkontrolle unterziehen.

Bezüglich Euterfülle gilt ab sofort rot oder grün – entweder ist das Tier in Ordnung oder es wird vom Wettbewerb ausgeschlossen und muss komplett gemolken werden. Diese Beurteilung bzw. Sanktionierung kann sowohl nach visuellen Kriterien und/oder nach Ultraschallkontrolle durch die Kontrollkommission und/oder einen akkreditierten Tierarzt vorgenommen werden.

Die von der grünen Nationalrätin Irène Kälin (AG) Ende September 2018 eingereichte Motion, die jegliches Verschliessen der Zitzen an Kuhausstellungen verlangt, findet sogar beim Bundesrat Zustimmung. Was unternimmt die ASR dagegen? «Die ASR hat entschieden, nichts gegen ein Verbot zu unternehmen. Führt ein politischer Entscheid zu einem Verbot, wird er akzeptiert», sagte Michel Geinoz, Direktor von Holstein Switzerland, Anfang 2019 zu «Schweizer Bauer».

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