17.07.2019 15:44
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Milchmarkt
Umfrage: Wie weiter bei der Milch?
Es braut sich ein heftiger Sturm zusammen am Schweizer Milchmarkt. Verarbeiter senken die Preise für Molkereimilch. Die Bauern sind empört. Welche Möglichkeiten haben die Bauern, um ihre Position zu verbessern? Abstimmen und mitdiskutieren

Die Produzenten von Molkereimilch haben seit Jahren mit tiefen Preisen zu kämpfen. Der erlöste Milchpreis ist oft nicht kostendeckend. Vielen Produzenten müssen sich mit einem Auszahlungspreise von etwas mehr als 50 Rappen pro Kilo zufrieden geben. Und nun trübt sich die Lage weiter ein. Im Juni zogen am Schweizer Molkereimilchmarkt dunkle Wolken auf. 

Marktlage spricht gegen Senkung

Emmi und Migros-Tochter Elsa haben eine Preissenkung angekündigt. Die Direktlieferanten von Elsa wurden über eine Reduktion von 3 Rp./kg per 1. Juli informiert. Emmi erhöhte ab selbem Datum die Marktabzüge (Schoggigesetz) um 0.4 Rp./kg auf 2,6 Rp./kg.  In der Zwischenzeit hat Elsa die Preisreduktion um einen halben Rappen auf 2,5 Rp. reduziert.

Die Bauern erachten die Senkung der Produzentenpreise für Molkereimilch als Affront. Denn die Marktlage deutet eigentlich nicht auf eine Reduktion der Preise hin. Die sinkenden Tierbestände und die tiefen Produzentenpreise haben sich auf die Erzeugung ausgewirkt. Seit August 2018 ist die Milchproduktion im Vergleich zum Vorjahresmonat rückläufig.

Milchproduktion weiter sinkend

Das höchste Minus wurde im Januar (-5%) registriert, im Februar (-3,8%) und März (-1,2%) hat sich das Minus zurückgebildet. Im April wurde 1.8 Prozent weniger produziert als im Vorjahr, im Mai waren -1,1 Prozent. Die kumulierte Produktion der ersten fünf Monate von 2019 beträgt 1'498'801 Tonnen. Das sind 2.3 Prozent oder 35'550 Tonnen weniger als in der Vorjahresperiode.

Der Schweizer Bauernverband (SBV) und die Schweizer Milchproduzenten (SMP) sind erzürnt. «Es ist nicht nachvollziehbar, wenn die bestpositionierten Unternehmen im Schweizer Markt auf die milchärmere Periode hin Milchpreissenkungen durchboxen wollen, während alle wichtigen Marktindikatoren entweder auf Stabilität oder eine positive Entwicklung hindeuten», teilten sie am 5. Juli mit.

Für SBV und SMP ist keine Senkung, sondern ein Anstieg des Preises angezeigt. Denn:

- Die Butterlager sind tief.
- Die Milcheinlieferungen liegen unter Vorjahr.
- Der A-Richtpreisindex steigt.
- Die Marktlage und Aussichten in der EU sind stabil bis verhalten positiv

«Verarbeiter bessern Marge auf»

Sie fordern Elsa und Emmi auf, die die Mehrleistungen des «grünen Teppichs» mit einem 3 Rappen höherem Milchpreis zu entschädigen  «Es kann nicht hingenommen werden, dass die Schweizer Milchproduzenten nachweislich Mehrwerte schaffen, die auf dem Markt sehr wesentlich zu einer besseren Positionierung beitragen und der nachgelagerte Bereich diese eins zu eins für eine Margenverbesserung nutzt», halten die beide Organisationen fest.

Auch der Zürcher Bauernverband (ZBV) kritisiert die Verarbeiter heftig, insbesondere die Migros. «Diese Ankündigung ist eine Ohrfeige für sämtliche Schweizer Milchproduzenten und setzt den Preis national weiter enorm unter Druck», teilte der ZBV vergangene Woche mit. «Die Migros spielt mit ihren Verarbeitungsfirmen einmal mehr ihre Marktmacht aus und versucht so, ihre Margen auf Kosten der Produzenten zu erhöhen. Dieses Vorgehen ist inakzeptabel», kritisierte der ZBV.

Verarbeiter dominieren Markt

Dass die Verarbeiter ihre Marktmacht ausspielen, bestätigt Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaft, gegenüber der «Tagesschau» des TV-Senders «SRF». Rund 20'000 Milchbauern würden vier grossen Nachfragern gegenüberstehen. «Die Milchverarbeiter dominieren den Markt. Konkret heisst das, sie können bestimmen, zu welchem Preis sie die Milch abkaufen. Wehren sich die Bauern dagegen, sagen die Abnehmer: Verkauft die Milch an einem anderen Anbieter. Doch dieses woanders gibt es nicht. Und das genau ist Marktmacht», erklärt Binswanger.

Die Migros sagt darauf, man agiere in einem Markt, der einerseits durch Importdruck und andererseits durch den Einkaufstourismus geprägt sei. Gemäss Lukas Barth, Chefeinkäufer der Migros-Tochter Elsa, kaufen Schweizer Konsumenten jährlich für 300 Millionen Franken Milchprodukte im Ausland ein. Deshalb sei man nicht «gänzlich frei» in der Preisfestsetzung, so Barth zu «SRF».

Migros: Preise am Markt sinken

Die Migros bezahle immer noch einen überdurchschnittlichen Milchpreis, sagte der Migros-Genossenschaftsbund gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Im Rahmen des Programms «Nachhaltige Milch Migros» sei ein neues Preissystem eingeführt worden. Es basiere auf drei Elementen: einem Basispreis, einem Nachhaltigkeitszuschlag und einem Nachhaltigkeitsbonus.

Der durchschnittlich ausbezahlte Milchpreis ändere sich aufgrund der Marktlage. Damit könne sich auch der Basispreis verändern, hält die Migros fest. Der Nachhaltigkeitszuschlag von drei Rappen bleibt unverändert und wird zum Basispreis hinzugerechnet.

Bauern, die sich besonders engagieren und zusätzliche Punkte in den freiwilligen Modulen erzielen, erhalten einen Bonus von bis tausend Franken pro Betrieb und Jahr. Gemäss der Migros sind die ausbezahlten Milchpreise in der Branche seit Februar stetig am sinken. Deshalb habe Tochter Elsa den Basispreis um 2,5 Rappen auf 62,5 Rappen gesenkt. Zusammen mit den drei Rappen Nachhaltigkeitszuschlag betrage der ausbezahlte Preis 65,5 Rappen.

«Das ist keine Partnerschaft»

Am Dienstag protestierte die Bauerngewerkschaft Uniterre vor dem Hauptsitz der Migros Aare in Schönbühl BE gegen die Preissenkung der Migros. Sie sende als grosser Player im Markt ein ganz falsches Signal aus, kritisierte Rudi Berli von Uniterre. Die Produktion eines Liters Milch koste die Bauern rund einen Franken. Der Richtpreis liege bei rund 68 Rappen.

Hart ins Gericht mit der Detailhändlerin ging Milchbauer Werner Locher. Diese ruiniere die Milchbauern. «Sie wollen Ihren Konsumenten zeigen, dass Sie für die Heimat einstehen und verteilen an Schwingfesten Gratismützen mit der Aufschrift ‘Heimatliebe’. Aber was soll das? Das ist doch keine Heimatliebe, wenn die Migros genau diejenigen ruiniert, die zu einem wesentlichen Teil die Kultur und die Landschaft dieser Heimat mitgestalten», sagte Locher.

«Wir sagen ja zu einer Partnerschaft zwischen Landwirtschaft und Detailhandel. Aber wir sagen nein zu einer Partnerschaft, in welcher ein Partner den anderen ruiniert», stellte er klar. 

Aber welche Möglichkeiten bleiben den Molkereimilchproduzenten, ihre Position gegenüber den Abnehmern zu verbessern? Braucht es die Politik? Sollen die Bauern streiken? Braucht es neue Absatzkanäle? Sollen die Milchproduzenten die Konsumenten ins Boot holen? Oder ist es das Beste, die Produktion an den Nagel zu hängen? Abstimmen und mitdiskutieren

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