2.10.2018 09:50
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Milchproduktion
Sind 2 Rappen genug?
Die Branchenorganisation Milch (BOM) einigte sich auf einen Branchenstandard für nachhaltige Milch. Dazu müssen die Molkereimilch-Produzenten 10 zwingende Grundanforderungen erfüllen. Dafür gibt es einen Zuschlag von 2 Rp./kg. Fällt dieser Zuschlag genügend hoch aus? Oder ist dieser zu tief? Mitdiskutieren und abstimmen

Schweizer Milch soll am Markt besser positioniert werden. Denn der Milchkonsum ist seit Jahren rückläufig. Zudem verschärfen andere Länder ihre Standards in der Milchproduktion. 

Zuschlag auf sämtlicher Milch

Die Mehrwerte des neuen Standards in den Bereichen Tierwohl, Fütterung, Futterherkunft, Verarbeitung und Handel, die über die heutigen Vorgaben hinaus gehen, sollen deshalb ausgelobt werden. Ein einheitlicher Auftritt helfe der Branche, ist sich die BOM sicher.

Anfang September haben sich Verarbeiter, Produzenten, und Händler auf einen neuen Branchenstandard geeinigt. Die Einführung ist auf dem 1. Juli 2019 terminiert. Ziel ist es, dass nach einer Übergangsfrist von 4 Jahren sämtliche Schweizer Milch nach strengeren Kriterien produziert und verarbeitet wird. Die Bedingungen sollen für die gesamte Schweizer Molkereimilch gelten und de facto auch für die ohne Silagefütterung hergestellte Käsereimilch. Bauern, die nach diesen Kriterien produzieren, erhalten einen Zuschlag von 2 Rappen je Kilo. «Sämtliche so produzierte Molkereimilch wird mit einem auf der Milchgeldabrechnung separat ausgewiesenen Zuschlag von 2 Rappen entschädigt», teilte die BOM mit. Es gibt auch für B- und C-Milch einen Nachhaltigkeitszuschlag.

«Vorzüge besser verkaufen»

Die Schweizer Milchproduktion habe im internationalen Vergleich ein sehr hohes Niveau, sagt der Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), Stephan Hagenbuch zu «Schweizer Bauer». «Mit dem Branchenstandard wollen wir das Basisniveau möglichst einheitlich gestalten. Das verhindert mögliche Ausreisser nach unten. Wir müssen uns vor dem Ausland nicht verstecken, aber wir müssen die Vorzüge der Schweizer Milch noch besser und konsequenter bei den Konsumenten verkaufen», macht er deutlich.

«BTS oder Raus – das ist ein sehr konkreter Punkt, der für die Konsumenten relevant ist. Das Tierwohl steht bei Tierschützern, Verarbeitern und Grossverteilern im Fokus, und da wir sind gut», macht Hagenbuch deutlich.

2.4 Mio. Tonnen Molkereimilch

In der Schweiz werden rund 2,4 Mio. Tonnen Molkereimilch produziert. Wird der Zuschlag flächendeckend umgesetzt (ohne gleichzeitige Senkung des Basismilchpreises), dürfen die Produzenten mit Mehreinnahmen von insgesamt 48 Mio. Franken pro Jahr rechnen. Damit ein Milchproduzent den Zuschlag erhält, muss er 10 zwingenden Grundanforderungen erfüllen. Der Nachhaltigkeitszuschlag muss separat auf der Milchgeldabrechnung ausgewiesen werden. Diese Grundanforderugen wurden Mitte September von der BOM publiziert.

Das sagt Coop

Coop hat vor ein paar Monaten für die Eigenmarken-Milchprodukte ein neues Tierwohl-Kriterium bekanntgegeben: Raus plus BTS oder Raus plus GMF als Minimum (+4 Rp./kg) und Raus plus BTS plus GMF (+6 Rp./kg) als Zusatz. Auf Anfrage teilt Coop-Sprecherin Andrea Bergmann mit, dass Coop «selbstverständlich» an diesem Programm festhalte, denn das Coop-Programm gehe deutlich weiter als der BOM-Standard. sal

Gemäss der Branchenorganisation sollen für die Anforderungen keine externen Kontrollen notwendig sein. «Es müssen in den kommenden Monaten lediglich die Zugriffsrechte auf diese Daten sichergestellt werden damit garantiert werden kann, dass sämtliche auf den Markt kommende Milch tatsächlich nach den definierten Kriterien produziert worden ist», hielt sie fest. 

2017 haben 19'951 Betriebe Direktzahlungen bezogen, Milchkühe gehalten und Verkehrsmilch abgeliefert. 83% machten bei Raus mit, davon 35% zugleich bei BTS, zusätzliche 3% waren nur für BTS angemeldet. Es bleiben 14% der Betriebe mit 9% der Kühe, die bei keinem der beiden Programme mitgemacht haben. Das entspricht um die 2'800 Betriebe, die von einem BOM-Kriterium «BTS oder Raus» betroffen gewesen wären.

Der Zuschlag wird von Kommentarschreibern auf schweizerbauer.ch mehrheitlich kritisch hinterfragt. «Mit den zwei Rappen kannst du nicht einmal das Stroh heimtransportieren, das du für BTS brauchst», schreibt Chueliueli. «Sind aufgrund dieser Anforderungen der Detailhandel und viele Konsumenten bereit, mehr für die Milch zu bezahlen?», fragt sich Freidenker. «Dank 2 Rappen mehr ist nun alles nachhaltig abgegolten? Und den Mehraufwand machen die Bauern gern? Das glaubt doch nicht mal der knausrigste Konsument», kommentiert Emil. «Und wie wird der Mechanismus festgelegt, dass der Grundpreis nicht einfach so um die 2 Rp. Zuschlag reduziert wird?», fragt sich Eberle.

Wie beurteilen Sie den Nachhaltigkeitszuschlag? Geht er in die richtige Richtung? Ist der Zuschlag aber nicht zu tief angesetzt? Und braucht es überhaupt eine Verschärfung der Standards? Abstimmen und mitdiskutieren.

Zwingende Anforderungen 

Fünf Anforderungen aus dem Bereich Tierwohl

RAUS –BTS: Die Kühe müssen an einem der beiden (oder beiden) Tierwohlprogramme des Bundes teilnehmen. BTS steht für besonders tierfreundliche Stallhaltung, RAUS steht für regelmässigen Auslauf.
Kälberhaltung: Die Mindesthaltedauer auf dem Geburtsbetrieb beträgt bei allen geborenen Kälbern 21 Tage.
Mindestmelkintervall: Die Kühe müssen mindestens zweimal pro Tag gemolken werden.
Einhaltung Richtlinien ASR: Die Tierhalter, welche mit ihren Tieren an Schauen und Aus-stellungen gehen, müssen sich verpflichten, die Richtlinien ASR einzuhalten.
Keine Trächtigkeit bei Schlachtkühen: Bei Schlachtkühen muss die Nicht-Trächtigkeit nachgewiesen gemäss der Branchenregelung Proviande eingehalten werden.

Zwei Anforderungen im Bereich Fütterung 

Sojaschrot: Falls Sojaschrot in der Fütterung verwendet wird, muss dieses nachweislich aus nachhaltigen Quellen stammen.
Palmfett und Palmöl: Die Fütterung der Milchkühe kommt zu 100% ohne Palmfett oder -öl aus.

Drei weitere Anforderungen 

Antibiotikaeinsatz: In der tiermedizinischen Behandlung dürfen ohne tierärztliche Anordnung keine kritischen Antibiotika verwendet werden, welche wegen der möglichen Resistenzbildung in der Humanmedizin umstritten sind.
Biodiversität: Das Bundesprogramm ÖLN muss erfüllt werden. Dies bedeutet, dass in der Regel mindestens 7% der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche besondere Leistungen zur Biodiversität erfüllen.
Name der Kuh und Kalb: Jede Kuh hat ab Geburt einen Namen, welcher in der TVD eingetragen ist. Damit wird die für den Familienbetrieb typische Beziehung Tierhalter zum Tier zum Ausdruck gebracht.

Zusätzliche Anforderungen:
Die BOM will in den kommenden Wochen diese Zusatzanforderungen definieren. Sie stammen aus den Bereichen Aus- und Weiterbildung, Klima, Tierwohl und Antibiotika. Zwei Kriterien müssen die Bauern auswählen und erfüllen.

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