16.07.2019 16:42
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Milchmarkt
«Migros ohne Heimatliebe»
Die Migros wirbt mit ihrer «Heimatliebe». Angesichts ihrer Milchpreissenkung kritisieren Bauern das als reinen PR-Gag.

Vor der mächtigen Migros gehen fast alle in die Knie.

Bauern gehen Risiko ein

Wenn es gegen die grösste Verarbeiterin und Detailhändlerin der Schweiz geht, überlassen die etablierten Bauernverbände und Bauernpolitiker die Bühne den unerschrockenen Basisbauern, die mitunter bereit sind, ein persönliches Risiko einzugehen. So nahmen Ruedi Andres aus Bargen BE und Maurus Gerber aus La Sagne VD an einer Milchpreis-Kundgebung vor dem Einkaufszentrum Shoppyland in Schönbühl BE teil, obwohl ihr Vertrag mit der Migros-Molkerei Elsa dies verbietet. 

Dazu hat sich auch die Migros gegenüber «Schweizer Bauer» geäussert. «Natürlich verbieten wir unseren Produzenten nicht, ihre Meinung zu äussern und auch das zweite verfassungsmässige Recht der Versammlungsfreiheit ist selbstverständlich gewährt. Keiner unserer Produzenten hat also etwas riskiert, wenn er an der Veranstaltung in Schönbühl teilgenommen hat», stellt Lukas Barth, Elsa-Milcheinkäufer, klar.

«Fast nicht verkraftbar»

Vor einem guten Dutzend Milchbauern, ebenso vielen Journalisten und einigen Migros-Verantwortlichen ergriff Andres als Präsident des Bernisch-Bäuerlichen Komitees (BBK) das Wort. «Ein Kollege von mir konnte nicht hierhin kommen, weil sein Melkroboter eine Fehlermeldung hatte. Er ist alleine auf dem Betrieb, das ist vielenorts die Realität», so Andres in seiner bedächtigen und freundlichen Art. Seine Familie halte 50 Milchkühe im Anbindestall.

Gerne würde er «in einen tierfreundlichen Laufstall» investieren. Umso mehr schmerze die angekündigte Preissenkung der Elsa beim A-Preis um 2,5 Rappen per 1. Juli, das sei fast nicht mehr verkraftbar, pro Jahr mache das bei ihm um die 10'000 Franken aus. Sein Sohn mache die Ausbildung zum Meisterlandwirt. «Wir überlegen uns  den Ausstieg», bekannte Andres. Mit einer Rücknahme der Preissenkung könnte die Migros ein positives Zeichen setzen, betonte er.

Heimatliebe, die ruiniert

Bereits vorgezeichnet scheint der Weg zum Ausstieg aus der Milchproduktion bei Werner Locher, Uniterre-Mitglied und Sekretär von BIG-M. Dessen Sohn hat Mutterkühe auf den Betrieb geholt. Locher las einen Brief vor, den er an die Migros-Chefs geschickt hat. «Sie wollen Ihren Konsumentinnen und Konsumenten zeigen, dass Sie für die Heimat einstehen und verteilen an Schwingfesten Gratismützen mit der Aufschrift ‹Heimatliebe›. Was soll das? Das ist doch keine Heimatliebe, wenn die Migros genau diejenigen ruiniert, die zu einem wesentlichen Teil die Kultur und Landschaft dieser Heimat mitgestalten?»

Die entsprechende Mütze mit der Heimatliebe-Aufschrift setzte sich Uniterre-Aktivist Rudi Berli gleich auf. Die Elsa sei kein fairer Partner, wolle bloss ihre Marge verbessern und gefährde schweizweit den Zuschlag von 3 Rp. für den neuen Standard für ‹nachhaltige› Milch», kritisierte Berli. Wenn es so weitergehe, werde es in naher Zukunft in der Schweiz keine Molkereimilchproduzenten mehr geben. Bei fairer Entlöhnung der Arbeit koste die Produktion von 1 Liter Milch in der Talzone etwa 1 Franken.

Das sagt die Migros

Die Migros bezahle immer noch einen überdurchschnittlichen Milchpreis, konterte der Migros-Genossenschaftsbund gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA die Kritik. Im Rahmen des Programms «Nachhaltige Milch Migros» sei ein neues Preissystem eingeführt worden. Es basiere auf drei Elementen: einem Basispreis, einem Nachhaltigkeitszuschlag und einem Nachhaltigkeitsbonus.

Den Basispreis passt die Migros nach eigenen Angaben periodisch an. Der durchschnittlich ausbezahlte Milchpreis ändere sich aufgrund der Marktlage. Damit könne sich auch der Basispreis verändern. Der Nachhaltigkeitszuschlag von drei Rappen bleibt laut Migros unverändert und wird zum Basispreis hinzugerechnet. Bauern, die sich besonders engagieren und zusätzliche Punkte in den freiwilligen Modulen erzielen, erhalten einen Bonus von bis tausend Franken pro Betrieb und Jahr.

Der Migros-Genossenschaftsbund führt ins Feld, dass seit Februar die ausbezahlten Milchpreise in der Branche kontinuierlich sinken. Darum habe ELSA den Basispreis um 2,5 Rappen auf 62,5 Rappen gesenkt. Zusammen mit den drei Rappen Nachhaltigkeitszuschlag betrage der ausbezahlte Preis 65,5 Rappen. «Dies ist nach wie vor deutlich höher als der durchschnittlich in der Branche ausbezahlte Milchpreis», heisst es in der schriftlichen Stellungnahme.

Das Unternehmen habe «sehr lange zugewartet» bis es sich zur aktuellen Preissenkung entschlossen habe. Der Grossverteiler weist ausserdem darauf hin, dass die Migros ihren Lieferanten langfristige Verträge biete und ihnen so zu Planungssicherheit verhelfe. Solche Protestaktionen trügen allerdings nicht zur Problemlösung bei. sda

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