23.09.2019 12:16
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Milchmarkt
«Bei Milch nicht treiben lassen»
Seit dem 1. September läuft der neue Branchenstandard Milch "swissmilk green". Ein erstes Fazit und Diskussionen rund um Mehrwerte gab es am Milchforum der Schweizer Milchproduzenten und der Aaremilch.

Die Vorbereitung dauerte lange, Unsicherheiten gab es bis kurz vor dem Start, aber seit dem 1. September ist es da: "swissmilk green". Milchproduzenten müssen verschiedene Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, dafür werden sie mit einem Zuschlag von 3 Rappen pro Kilo Milch entschädigt.

Interesse ist gross

Die Branche habe die Zeichen erkannt und mit dem neuen Branchenstandard einen grossen Schritt getan, so Hanspeter Kern, Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP). Mit dem "swissmilk green" würden die Mehrwerte der Schweizer Milch sichtbar. Dem stimmte Peter Hegglin, Ständerat und Präsident der Branchenorganisation Milch (BOM) zu. Seiner Ansicht nach ist der Standard auch eine Antwort auf aktuelle Herausforderungen, mit der die Branche umzugehen hat: Freihandel, Preisdruck, Einkaufstourismus und Volksinitiativen sind einige davon. "Wir dürfen uns nicht treiben lassen, sondern müssen proaktiv sein", so Hegglin.

Hegglin zog auch gleich ein erstes Fazit, soweit dies nach 20 Tagen möglich ist. Das Interesse bei den Akteuren sei gross, so der BOM-Präsident. Bereits sind erste Produkte mit dem Logo von "swissmilk green" in den Läden erhältlich. 16 Lizenzverträge sind bereits unter Dach und Fach und über 65 Prozent der Molkereimilch ist mit an Bord.

Migros nutzt Logo nicht

Noch nicht sichtbar ist das Logo bei den beiden grossen Detailhändlern Migros und Coop. Bei Coop wird sich dies ändern, bei der Migros nicht. "Das ist derzeit kein Thema", sagt Lukas Barth, Leiter Agrarpolitik M-Industrie und Milchbeschaffung beim Verarbeiter Elsa. Bei Coop hingegen werden die Konsumentinnen und Konsumenten das Logo rot-weiss-grüne Logo bald zu sehen bekommen, wie Roland Frefel, Leiter Frischbereich von Coop, erklärte. Dies werde bei starken Leaderprodukten wie Past-Milch oder Butter umgesetzt.

Adrian Aebi, Vizedirektor des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), würde es begrüssen, wenn andere Branchen neben der Milch einen ähnlichen Weg gehen würden. Den Bund sieht er diesbezüglich aber nicht als Treiber. "Wir möchten die Akteure vorangehen lassen und dann schauen, was wir mit unseren Mitteln tun können, um die Bewegung zu unterstützen", so Aebi. Wenn aber nichts gehe, dann müssen wir mit Gesetzen kommen, so Aebi. Und das wolle niemand.

Was läuft im Ausland?

Nachhaltige Milchproduktion beschäftigt nicht nur die Schweiz. Das zeigte die Direktorin und Professorin Dr. Hiltrud Nieberg, Institutsleiterin des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft, auf. "Nachhaltigkeit ist international und national in der Milchwirtschaft ein Top-Thema und wird zunehmend wettbewerbsrelevant", so Nieberg. Ob das Australian Dairy Industry Sustainability Framework, die neuseeländische Branchenstrategie "dairy tomorrow", das irische "Origin Green" oder das Nachhaltigkeitsmodul Milch aus Deutschland – weltweit geht es um ähnliche Themen. Hinzu kommen Programme von Verarbeitern, wie etwa von Fonterra aus Neuseeland oder Friesland Campina aus den Niederlanden.

Eines unterscheidet die meisten dieser Programme von "swissmilk green": Es gibt kaum je einen Nachhaltigkeitszuschlag für die Bäuerinnen und Bauern. Zwar erhalten z.B. bei Friesland Campina Spitzenbetriebe einen Zuschlag. "In den meisten Fällen ist es aber mehr als eine Marktbearbeitungsstrategie, als Marktzutritt zu sehen", erklärte Nieberg. Ohne diese Strategie würde die Milch nicht mehr so gut vermarktet werden können und der Milchpreis wäre dementsprechend niedriger. "Ich begrüsse es für die soziale Situation der Schweizer Bauern aber sehr, dass es diesen Zuschlag gibt", so die Institutsleiterin.

Monitoring betreiben

Der Branche rät sie "im Fahrersitz" zu bleiben, weil sonst der Handel bestimme, was als nachhaltig gelte. Für Nieberg ist klar, dass das Thema nicht vorbeigehen wird. Deshalb sei ein proaktiver Umgang mit Hilfe eines ehrlichen und transparenten Ansatzes besser, als sich von anderen treiben zu lassen. Für sehr wichtig hält sie – und das sprach sie auch als Empfehlung an "swissmilk green" aus -, ein Monitoring zu betreiben, mit dem weitere Mehrwerte identifiziert und allenfalls künftig beworben werden können.

Anforderungen von "swissmilk green"

Aus dem Bereich Tierwohl müssen die Bäuerinnen und Bauern künftig 5 Anforderungen erfüllen:

 

  • Die Kühe müssen entweder am Programm Regelmässiger Auslauf im Freien (RAUS) oder Besonders tierfreundliche Stallhaltung (BTS) teilnehmen.
  • Die Mindesthaltedauer für Kälber beträgt bei allen geborenen Kälbern 21 Tage.
  • Die Kühe müssen mindestens 2-mal täglich gemolken werden.
  • Tierhalter, die an Schauen und Ausstellungen teilnehmen, müssen sich an das Reglement der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter (ASR) halten.
  • Schlachtkühe dürfen nicht trächtig sein.

 

Bei der Fütterung setzt die BOM 2 Richtlinien:

 

  • Wenn Sojaschrot oder Soja verwendet wird, muss dieses aus nachhaltigen Quellen stammen.
  • Das Milchkuh-Futter darf weder Palmfett noch Palmöl enthalten.

 

Die weiteren Anforderungen betreffen folgende Bereiche:
  • Ohne ärztliche Anordnung dürfen keine kritischen Antibiotika eingesetzt werden, die wegen möglicher Resistenzbildung umstritten sind.
  • Der Ökologische Leistungsnachweis (ÖLN) muss erfüllt werden. Dieser ist ohnehin Voraussetzung für den Bezug von Direktzahlungen.
  • Jede Kuh in der Tierverkehrsdatenbank muss einen Namen haben.
Zudem müssen Bäuerinnen und Bauern zwei Kriterien aus folgenden Zusatzanforderungen erfüllen:
  • RAUS und BTS
  • Eine Lebetagleistung von über 8 Kilo als Durchschnitt über die ganze Herde im Talgebiet und von über 6 Kilo im Berggebiet.
  • Kein prophylaktischer Einsatz von Antibiotika
  • Im Krankheitsfall Anwendung von komplementärmedizinischen Methoden.
  • Soziale Absicherung. Dokumentation der Entlöhnung der Familienarbeitskräfte.
  • Anerkannter Lehrbetrieb.
  • Weiterbildung des Betriebspersonals während mindestens einem halben Tag pro Jahr.
  • Anbieten von Schule auf dem Bauernhof (SchuB) mindestens einmal pro Jahr.
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