21.04.2014 11:22
Quelle: schweizerbauer.ch - Rudolf Haudenschild
Russland
«Wir sind froh, in Russland zu sein»
Vor zehn Jahren sind Hanspeter Michel, Sepp Lussi und Jakob Bänninger nach Russland geflogen. Sie übernahmen den Betrieb Schweizer Milch mit 100 Kühen. Heute vermarkten sie 2 Millionen Liter Milch direkt.

Am 26. April 2004 stiegen der Berner Oberländer Hanspeter Michel, der Nidwaldner Sepp Lussi und der Zürcher Jakob Bänninger in Kloten in eine Aeroflot-Maschine ein, um in Russland ein neues Leben als Bauern zu beginnen. Rund 150 Kilometer südwestlich von Moskau kauften sie gemeinsam den Betrieb Schweizer Milch.

Es war auf Leserreise

Sie lernten sich auf einer Lesereise des «Schweizer Bauer» nach Russland kennen, die durch den Kontakt des Schreibenden mit Studienkollege Hanspeter Rikli zustande kam. Die ehemalige Kolchose wurde in den Jahren vorher mit finanzieller Unterstützung aus der Schweiz von den Agronomen Hanspeter Rikli und Martin Kindler umstrukturiert.

Sie bauten den sowjetischen Normanbindestall in einen Laufstall um und setzten auf die in Sowjetzeiten gängige Direktvermarktung von Milch. Sie pasteurisierten und füllten die Milch auf dem Hof in Tetra Briks ab und vermarkteten das «Premium-Produkt» unter dem Namen Schweizer Milch in der nahen Stadt Kaluga (ehemaliges Raumfahrtszentrum).

Kauf im Jahr 2004

Die drei Schweizer kauften von der Stiftung Kaluga 100 russische Schwarzfleckkühe und 150 Nachzuchtrinder, einen einfachen, von Rikli und Kindler in einen sowjetischen Anbindenormstall eingebauten Boxenlaufstall, ein Melk- und Bürogebäude mit einer Milchabpackungsanlage im Untergeschoss und einen veralteten russischen Maschinenpark und rund 6 Hektaren Hofplatz. Dazu konnten sie rund 300 Hektaren Ackerland pachten, da es Ausländern verwehrt war, Boden ausserhalb von Wohn- und Industriezonen zu kaufen.

Zuerst schliefen und wohnten alle drei im Obergeschoss des Bürogebäudes. Während sich Hanspeter Michel und Josef Lussi des Viehs und des Personals (rund 30 Beschäftigte) und des Direktverkaufs der Milch annahmen, ging Jakob Bänninger an die Revision und Modernisierung des Maschinenparkes und an die Planung eines grossen Hauses mit Gästezimmern mit dem Ziel, zahlende (Schweizer) Gäste zu beherbergen.

«Der Direktverkauf der Markenmilch und die Nähe zu den Märkten wie Kaluga und Moskau haben den Ausschlag für den Kauf gegeben», sagten de drei damals, und sie behielten recht. Obwohl Sepp Lussi später eigene Wege ging und heute wieder in der Schweiz lebt, bereuen Hanspeter Michel und Jakob Bänninger den grossen Schritt nicht. Hanspeter Michel fand sein Liebesglück mit Julia, der Tochter eines Traktoristen. Mit Johann-Iwan (7) haben sie einen gemeinsamen Sohn. 

Jakob Bänninger importierte Landmaschinen und berät heute Biobetriebe und Banken in Landwirtschaftsfragen. Eingestiegen für Sepp Lussi sind  Florian Reichlin, heute zuständig auf dem Betrieb Schweizer Milch für Technik und Feldbau, sowie Marcel Bucher als Chef Viehhaltung.

Enorm gewachsen

«Heute bewirtschaften wir 750 ha, davon sind 150 ha Silomais, Getreide 80ha, Heuwiesen 40ha, Kunstwiesen und Weiden 480ha», erklärt Hanspeter Michel am Telefon und erzählt auch gleich von Ausbauplänen: «Der von uns gebaute neue Laufstall mit 320 Milchkühen ist bereits zu klein geworden. Wir melken jetzt rund 6500 Kilo Milch pro Kuh und vermarkten 1,8 Millionen Liter Milch direkt in 70 Geschäfte zu Preisen zwischen 90 Rappen und 1 Franken. Wir müssen erweitern, wenn wir unsere Ladenkette in Moskau weiter beliefern wollen, ohne Milch zuzukaufen», erklärt Hanspeter Michel, welcher für das Büro inklusive Milchverarbeitung  und -vermarktung zuständig ist.

Ein neuer Melksaal

«Seit September 2013 ist unser neuer 212-Fischgrätenmelkstand von DeLaval in Betrieb. Dies ist eine grosse Erleichterung für unsere Melkerinnen», berichtet Michel. Er ist überzeugt, dass mit der grossen Anzahl an Informationen Fütterung und Leistung nochmals besser werden. Besamt wird mit dem besten  US-Holstein-Sperma. Die hohen Preise werden vom russischen Staat bis zu 95% subventioniert. Mit gesextem Sperma sollen die Tiere für den Ausbau selber produziert werden.  Bereits sind  400 Rinder in der Aufzucht. Beschäftigt werden heute 42 Personen.

Rundum zufrieden

«Nach zehn Jahren Russland kann ich sagen, dass der Betrieb auf gesunden finanziellen Füssen steht und für die nächsten Jahre gut aufgestellt ist. Zurzeit planen wir einen neuen Stall für 150 Kühe und 200 Rinder, den wir 2015 realisieren wollen. Für das Erreichte danke ich meinen Partnern Jakob, Florian und Marcel, unseren Mitarbeitern sowie unseren Praktikanten aus der Schweiz, aus Deutschland, Österreich, Russland und allen, die uns  unterstützt haben», sagt Michel und freut sich auf die «Jubiläumslesereise» des  «Schweizer Bauer» vom 29. Juni bis 5. Juli 2014.

Hier gehts zu den Leserreisen des Schweizer Bauer

Praktikumsstellen

Der Betrieb bietet die Möglichkeit, ein Praktikum zu absolvieren. Gesucht werden Leute, die offen sind für etwas Neues. Dauer ab  einem Monat. Bevorzugt werden Allrounder und  Mechaniker. Weitere Infos:  Tel. +79105203808 oder per Mail an swiss_milk@kaluga.ru

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