2.12.2015 07:37
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
China
«Wie der Weltuntergang»
Die Schwester im Pekinger Kinderspital ist aufgeregt: «Ja, in den vergangenen zwei Tagen hat die Zahl der Patienten mit Atemwegserkrankungen zugenommen.» Wie viel, kann sie nicht sagen. «Ich habe nicht gezählt.» Dann hängt sie den Hörer schnell auf, weil sie eigentlich nichts sagen darf.

Der schlimmste Smog dieses Jahres raubt den 22 Millionen Pekingern den Atem - und lässt besonders Kinder und alte Menschen krank werden. Aber auch Erwachsene klagen über Halsschmerzen, husten leise vor sich hin.

Bedrohlich verdunkelt eine schmutzige Dunstwolke am Dienstag den Himmel über der chinesischen Hauptstadt. «Es scheint wie der Weltuntergang zu sein», sagt ein 51-Jähriger Angestellter. Autos müssen mit Licht fahren. Die Sichtweite fällt auf 200 Meter. Die Hochhäuser verschwinden im Smog. «Armageddon», sagt ein anderer. Die Fusswege wirken leer. Wer sich vor die Tür traut, trägt meist Atemschutzmaske.

Kritik an Behörden


Viele Pekinger kritisieren die Untätigkeit der Behörden. Auch wird nicht geglaubt, dass wirklich 2100 Fabriken geschlossen wurden oder den Betrieb zumindest herunterfahren mussten, wie es offiziell heisst. Und selbst wenn, hat es nichts gebracht. Es herrscht Unverständnis, dass immer noch nicht die höchste Alarmstufe «Rot» mit Fahrbeschränkungen ausgerufen wird.

Für die grosse Militärparade Anfang September oder den Asien-Pazifik-Gipfel (APEC) vor einem Jahr wurde der Verkehr gleich wochenlang reduziert. Autos durften je nach Nummernschild nur jeden zweiten Tag fahren, damit sich Peking der Welt mit blauem Himmel von seiner schönsten Seite präsentieren konnte. «APEC-Blue», hiess das.  Aber jetzt beim Smog? Nichts. «Die lachen doch über die Gesundheit der einfachen Leute», sagt ein Pekinger bitter.

«Regierung verliert Glaubwürdigkeit»

«Xi Jinping ist froh, dass er nach Paris fliegen durfte», heisst es in sozialen Netzen über den Staats- und Parteichef, der durch seine Teilnahme am Weltklimagipfel dem Smog in seiner Hauptstadt entgehen konnte. Seine Rede in Paris weckte aber wenig Hoffnung, dass China als grösster Klimasünder und Kohleverbraucher mehr zum Kampf der Erderwärmung beitragen könnte - geschweige denn, dass sein eigenes Volk irgendwann aufatmen könnte.

«Wo nimmt Papa Xi den Mut her, an der Klimakonferenz teilzunehmen?», fragt ein erboster Internetnutzer und benutzt den Spitznamen «Xi Dada». «Schaut euch heute Peking an. China ist doch ein Witz weltweit. So peinlich.» Weiter heisst es: «Die Regierung hat jede Glaubwürdigkeit verloren.» Oder: «Wann wird die Alarmstufe »Rot« ausgerufen? Wenn wir sterben? Warum nicht an einem so schlimmen Tag?»

Smogfrei in Firmen und Schulen

Auf eigene Initiative erlauben Firmen ihren Angestellten, zu Hause zu bleiben. Auch geben Grundschulen den Kindern smogfrei. Freiluftaktivitäten sind ohnehin gestrichen. «Aber wenn die Kinder zu lange in Innenräumen bleiben und nicht die Fenster für frische Luft öffnen können, haben wir Luftverschmutzung auch in den Klassenräumen», heisst es in einer Notiz einer Schule. Die Kinder dürften daheimbleiben, wenn die Eltern es einrichten könnten.

Die Angst geht um. Der Smog schlägt auf das Gemüt. «Ich bin so deprimiert», sagt die 35-jährige Zhang Li. «Wenn ich auf das Programm in meinem Handy mit den Luftwerten schaue, bin ich nur verängstigt.»

Ausländer wollen weg

Auch Ausländer, die in Peking arbeiten, sind beunruhigt. Ohnehin finden grosse Unternehmen schon seit Jahren immer schwerer qualifizierte Beschäftigte, die bereit sind, angesichts dieser schlimmen Umweltbedingungen nach China zu gehen.

Und wer in Peking ist, trägt sich mit Abwanderungsgedanken. «Heute früh haben meine Frau und ich ernsthaft darüber nachgedacht, bald zurückzugehen», sagt der Vertreter eines grossen internationalen Unternehmens. «Wir haben drei kleine Kinder. Wir machen uns grosse Sorgen. Das geht so nicht weiter.»

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