6.09.2013 08:37
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Deutschland
SP Deutschland: Industrielle Landwirtschaft ist kein Schimpfwort
Gegen Schwarz-Weiss-Malerei und unzulässige Pauschalisierungen in der Agrarstrukturdiskussion hat sich der scheidende Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU), Klaus Wiesehügel, ausgesprochen.

„Für mich ist industrielle Landwirtschaft nicht automatisch ein Schimpfwort“, so Wiesehügel gegenüber dem Presse- und Informationsdienst AGRA-EUROPE. Entscheidend sei nicht die Grösse eines Betriebes, sondern der Umgang mit seinen Beschäftigten. Beispielsweise spiele es für den Tierschutz keine Rolle, „ob ein Betrieb 30, 300 oder 3 000 Schweine hält“. Vielmehr komme es darauf an, dass eine vernünftige Betreuung der Tiere durch qualifizierte Arbeitskräfte und artgerechte Rahmenbedingungen gewährleistet seien.

Wichtig sei dabei ein angemessenes Grössenverhältnis von Beschäftigten und Tierbestand. Nach Auffassung von Wiesehügel, der im Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für die Bereiche Arbeit und Soziales zuständig ist und imFalle eines Regierungswechsels deutscher Arbeitsminister werden soll, kann in Beständen mit vielen Tieren bei entsprechender Betreuung durch qualifizierte Arbeitskräfte ein höheres Mass an Tierwohl erreicht werden als in kleinen Ställen.

Neues Leitbild

Für Wiesehügel ist Landwirtschaft „in erster Linie Arbeit und Beschäftigung“. Daran müsse sich die Agrarpolitik künftig orientieren „und nicht überkommenen Leitbildern nachrennen“. Das alleinige Leitbild einer familiengeführten bäuerlichen Landwirtschaft hält der langjährige Gewerkschafter für überholt. Man müsse endlich zur Kenntnis nehmen, „dass die Entwicklung in Richtung einer grossstrukturierten Landwirtschaft mit einem immer weiter wachsenden Anteil von Lohnarbeitskräften geht“.

Aufgabe der Politik müsse es sein, die Voraussetzungen für gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dazu zählen laut Wiesehügel ein gesetzlicher Mindestlohn ebenso wie entsprechende Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten, vernünftige Personalentwicklung sowie Gesundheitsprävention.

Kein Problem mit Investoren

Kein Problem hat der designierte SPD-Arbeitsminister mit dem Einstieg von Investoren in landwirtschaftliche Unternehmen. Allerdings
müsse gewährleistet sein, dass die Kriterien für gute Arbeit eingehalten werden. Zudem müsse man dafür sorgen, „dass die Regionen von den Unternehmen profitieren und die Wertschöpfung vor Ort bleibt“. Wie das erreicht werden kann, müsse eingehend geprüft werden.

Wirtschaftlich starke landwirtschaftliche Unternehmen sind laut Wiesehügel eine wichtige Voraussetzung für prosperierende ländliche Räume. Die wiederum brauchten eine funktionierende Infrastruktur. Dazu zähle beispielsweise auch ein leistungsfähiges Strassennetz. Wiesehügel hält nichts von Gießkannenförderung, wie sie die aktuellen Direktzahlungen darstellten. Direktzahlungen seien nur dann gerechtfertigt, „wenn sie beispielsweise zur Sicherung von Beschäftigung beitragen und sozial-ökologische Bedingungen regeln“.

Entlohnung entscheidend

Landwirtschaftliche Arbeit stellt laut Wiesehügel hohe Ansprüche an die Beschäftigten. Das müsse sich auch in der Bezahlung niederschlagen und erhöhe damit zugleich die Attraktivität für junge Arbeitskräfte. „Ohne eine angemessene Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen werden die landwirtschaftlichen Unternehmen ihren Arbeitskräftebedarf nicht decken können“, ist sich der IG BAU Vorsitzende sicher. Nicht mehr zeitgemäß ist für ihn die Ausweisung von Familienarbeitskräften.

Notwendig sei stattdessen wie in allen anderen Branchen auch eine Unterteilung in Arbeitgeber auf der einen und sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer auf der anderen Seite. Sinnvoll sei das nicht zuletzt zum Schutz von Frauen und deren Alterssicherung. Keine gesicherten Erkenntnisse gebe es nach wie vor darüber, wie viele Frauen und Männer in welchen Arbeitsverhältnissen in welchen landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigt seien. Ohne diese Kenntnisse könne man beispielsweise kaum gezielte Massnahmen zur Prävention anbieten. Hier bedürfe es dringend einer Klärung.

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