23.06.2016 08:02
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Grossbritannien
Showdown: Brexit oder nicht?
Mit Hochspannung fiebert Grossbritannien einer Entscheidung von historischer Tragweite für das Königreich und die Europäische Union entgegen: An diesem Donnerstag können rund 46 Millionen Wähler bestimmen, ob ihr Land weiterhin der EU angehören wird oder das Bündnis von jetzt 28 Staaten verlässt. Das Ergebnis der weltweit beachteten Abstimmung wird für den frühen Freitagmorgen erwartet.

Ein Brexit - also ein Ausstieg des Königreichs aus der EU - würde die Union in die vermutlich schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen.
Selbst Stunden vor Öffnung der Wahllokale war der Ausgang des Votums noch völlig unabsehbar.

Warnungen an Grossbritannien

Meinungsforscher sahen bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Lager - mit ganz leichtem Vorsprung für die Befürworter eines EU-Verbleibs. Viele Wähler waren aber noch unentschlossen. EU-Politiker fürchten, dass ein Brexit Austrittswünsche in anderen Ländern beflügeln dürfte.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte deshalb im Vorfeld scharfe Warnungen nach Grossbritannien geschickt. «Deserteure werden nicht mit offenen Armen empfangen», sagte er mit Blick auf mögliche Verhandlungen mit der EU nach einem Austrittsvotum. Im Brexit-Fall plane Juncker keinen Rücktritt, sagte ein Kommissionssprecher am Mittwoch zu entsprechenden Spekulationen.

Schicksalsvotum für Cameron

Ein Brexit könnte jedoch das politische Schicksal des britischen Premierministers David Cameron besiegeln. «Niemand weiss, was geschehen wird», sagte Cameron mit Blick auf den Wahlausgang der Zeitung «Financial Times». Dennoch bereue er es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe.

Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall im Amt bleiben wolle. Insider in London bezweifeln jedoch, dass ihm das gelingen wird - vor allem, wenn die Briten für einen EU-Austritt votieren sollten. Sein ehemaliger Justizminister Kenneth Clarke prophezeite Cameron «keine 30 Sekunden» bis zu einem Rücktritt im Falle eines Brexits.

Minimalvorsprung für Befürworter

Der Durchschnitt von acht Umfragen seit dem 15. Juni ergibt einen hauchdünnen Vorsprung von 45:44 Prozent für das Pro-EU-Lager. Allerdings seien zehn Prozent der Befragten noch unentschieden, hiess es.

Noch vor mehr als einer Woche lag das Brexit-Lager vorn - seit dem Mord an der Labour-Abgeordneten und Pro-EU-Politikerin Jo Cox holte das Drinbleiben-Lager aber wieder auf. Allerdings: Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Umfragen völlig falsch gelegen. Die Wettbüros sehen eine klare Tendenz zum EU-Verbleib.

Migration und deutsche Vormachtstellung

Hauptthemen des zeitweise überaus hart geführten Wahlkampfes waren mögliche wirtschaftliche Nachteile durch einen Brexit sowie das Reizthema Migration. Auch die Furcht vor einer deutschen Vormachtstellung in Europa hatte das Brexit-Lager um den Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson und Nigel Farage, den Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, zeitweise ins Spiel gebracht.

46,5 Millionen Briten sind aufgerufen, zu den Urnen zu gehen. Die Wahllokale sind am Donnerstag von 0800 bis 2300 MESZ geöffnet. Mit ersten Resultaten aus den Wahlkreisen wird am Freitag in den frühen Morgenstunden gerechnet. Ein Endergebnis dürfte erst im Laufe des Vormittags feststehen. Das vermutlich sehr knappe Rennen könnte zu Verzögerungen bei der Bekanntgabe führen.

EU-Anhänger kurz vor Referendum vorne

Wenige Stunden vor Beginn des Referendums über Grossbritanniens Zukunft in der Europäischen Union liegen die EU-Anhänger in den jüngsten Umfragen weiter in Führung, allerdings nur ganz knapp. Dies entspricht dem Trend der vergangenen Tage. In einer am späten Mittwochabend veröffentlichten, telefonisch erstellten Erhebung den Instituts ComRes für die Zeitung «Daily Mail» kommen sie auf 48 Prozent, sechs Punkte mehr als die EU-Gegner.

In einer nahezu zeitgleich veröffentlichten Umfrage des YouGov-Instituts im Auftrag der «Times» geben 51 Prozent der Befragten an, für einen Verbleib in der Staatengemeinschaft stimmen zu wollen. 49 Prozent sind dagegen für einen Brexit. Insgesamt sei es immer noch zu knapp, als dass man den Ausgang des Referendums vorhersagen könne, sagte YouGov-Direktor Anthony Wells. «Aber der jüngste Trend ging Richtung 'bleiben'.»

Andrew Hawkins von ComRes erklärte, wie erwartet habe es in der letzten Woche vor der Abstimmung «einen Schub für den Status Quo» gegeben. Doch auch wenn die EU-Anhänger gewinnen sollten, werde es «ein Sieg ohne Begeisterung» sein.

Boris Johnson: Unabhängigkeitstag

Am Tag vor der Abstimmung versuchten die beiden Lager noch einmal, alle Kräfte zu mobilisieren. Der Austritts-Wortführer Boris Johnson bezeichnete den Wahltag als «Unabhängigkeits-Tag», an dem die Briten ihre staatliche Souveränität wiedergewinnen könnten. Cameron konterte: «Die Idee, dass unser Land nicht unabhängig ist, ist Unsinn. Diese ganze (Brexit)-Debatte beweist unsere Unabhängigkeit.»

Cameron betonte, der Zugang zum gemeinsamen europäischen Markt mit 500 Millionen Einwohnern sei entscheidend für die britische Wirtschaft und damit für den Wohlstand der Briten. Zahlreiche Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten im Falle eines Brexits vor weltweiten wirtschaftlichen Turbulenzen gewarnt.

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