13.08.2014 06:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl
Russland
«Seit Donnerstag ist die Hölle los»
Hans Ulrich Bieri ist Leiter der Käseexporfirma Swissfood. Da die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Russland nicht mitträgt, sieht er Chancen für Schweizer Käse. Er warnt aber auch vor übertriebenen Erwartungen.

«Schweizer Bauer»: Ihre Firma Swissfood exportiert Käse nach Russland. Haben Sie etwas vom Boykott der EU gegen Russland gemerkt?
Hans Ulrich Bieri: Seit Donnerstagnachmittag um 16 Uhr, als Russland als Reaktion auf die Sanktionen der EU ein komplettes Embargo für Fleisch- und Milchprodukte aus der EU verhängte, ist bei mir die Hölle los. Die Russen haben gesehen, dass wir nicht auf der Liste der Länder sind, welche die Sanktionen mittragen. Man merkt, dass etwas läuft. Was unter dem Strich herausschaut, wird sich aber noch weisen müssen.

Bei Ihnen herrscht also noch keine Goldgräberstimmung?
Es gibt viele Anfragen aus Russland. Sie sind teilweise seriös, teilweise weniger. Wenn wir die Sanktionen nicht mitmachen, ist es tatsächlich eine Chance. Aber unsere Preise sind höher als in der EU. Und die Russen sind sich nicht bewusst, welche Preisunterschiede es zwischen EU und Schweizer Käse gibt. Zu jedem Preis importieren die Russen unseren Käse auch nicht.

Was würde es für Sie bedeuten, wenn sich die Schweiz doch noch den Sanktionen gegen Russland anschliessen würde?
Wenn die Schweiz die Sanktionen auch übernehmen sollte, dann exportieren wir auch keine Schweizer Milchprodukte mehr nach Russland. Ich habe viele Anfragen. Aber man muss auf dem Boden bleiben. Nach Russland kann nicht jeder exportieren. Ich bin vor allem daran, auf der Schweizer Seite die Gemüter zu beruhigen.

Wie versorgt sich Russland denn jetzt noch mit Milchprodukten?
Russland hat sich das schon genau überlegt. Zuerst werden die Russen in Weissrussland sämtlichen Käse aufkaufen. Das Gleiche gilt für Butter und Magermilchpulver. Weissrussland hat dieses Jahr sehr viel Milch produziert. Danach wird wohl aus Brasilien Milchpulver und Butter importiert. Beim Käse kommen aber eventuell auch andere Länder wie eben die Schweiz zum Zuge.

Was ist jetzt zu tun?
Wir müssen unsere Arbeit seriös machen und nichts überhasten. Ich bin aber schon überzeugt, dass wir mehr Käse nach Russland exportieren können. Die Frage ist nur, wie viel? Der bürokratische Aufwand für den Export ist enorm. Es können nur zertifizierte Betriebe nach Russland exportieren. Dann braucht man den richtigen Logistikpartner und den richtigen Broker an der Grenze. Neueinsteiger haben da wohl kaum eine Chance, das schnelle Geld zu machen. Für meine Firma Swissfood ist es aber ein Potenzial. Bis in zehn Tagen weiss ich da mehr.

CH-Gemüse und Obst Obst

Laut Beat Bösiger von der Bösiger Gemüsekulturen AG in Niederbipp  BE hätten holländische Exporteure am  Freitag angefragt,  Tomaten in der Schweiz zu kaufen. Dies, um ihre Abnehmer in Russland weiterhin mit Ware beliefern zu können.  Schweizer Grosshändler, welche das Import-Export-Geschäft  bestens kennen, hätten deshalb über das Wochenende  gehandelt und die Voraussetzungen ausgelotet. Erich Stadler von der Grosshandelsfirma Bardini und Keller AG in Gossau SG bestätigt, dass ein erster Sattelschlepper mit Ware und den hoffentlich richtigen Papieren und mit einem Ursprungszertifikat (garantiert in der Schweiz produziert), bereits  Richtung Russland unterwegs  sei. Salat, Tomaten, aber auch Kernobst stünden im Vordergrund. Das Preisniveau sei aber nicht berauschend, stehe die Schweiz doch mit Drittstaaten wie der Türkei in Konkurrenz. Stadler gibt zu bedenken, dass Russland an eher tiefe EU-Preise gewöhnt sei. Mit einem Erstexport aus der Schweiz gehe es jetzt darum, auszuloten, wie die russischen Konsumenten auf Schweizer Ware reagierten und wie preissensibel dieser Markt sei.

Spezifische Anfragen können an die Plattform AG Agroexport der Bundesstellen gerichtet werden (agroexport@blw.admin.ch). Allgemeine Informationen zum Export sind auch über den Business Hub der Switzerland Global Enterprise verfügbar: http://www.s-ge.com/de/country/Russia. rh

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