19.12.2014 15:30
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Russland
Russland: Wie lange reicht das Geld?
Ein üppiger Devisenschatz von rund 400 Milliarden Dollar ist die Lebensversicherung Russlands gegen eine Staatspleite. Trotz der akuten Rubel-Krise darf die Reserve daher keinesfalls leichtfertig vergeudet werden, mahnt Präsident Wladimir Putin.

Doch die Notenbank hat dieses Jahr bereits rund 80 Milliarden Dollar aus dem Topf abgezogen, um die rasante Talfahrt des Rubel zu stoppen. Und laut Regierung sollen noch zig Milliarden in die Schlacht geworfen werden, um die Währung vor Spekulanten zu schützen.

Höchstens zwei Jahre

Doch wie lange kann Russland diesen Kampf durchstehen und letztlich die Pleite abwenden, fragen sich viele Beobachter. Nach Ansicht des US-Ökonomen Anders Aslund reichen die Devisenreserven höchstens zwei Jahre.

Der Forscher am Peterson Institut in Washington rechnet vor, dass das angeschlagene Schwellenland in den beiden kommenden Jahren unter dem Strich jeweils rund 100 Milliarden Dollar ausgeben muss, um seine Auslandsschulden zu begleichen. Damit wäre nach seiner Kalkulation der Devisenschatz des Landes dann restlos aufgebraucht.

170 Milliarden in Vermögensfonds

Die offiziell ausgewiesene Summe von mehr als 400 Milliarden Dollar stehe nur in den Büchern und könne lediglich zur Hälfte in flüssige Mittel umgewandelt werden. Allein 45 Milliarden Dollar des Schatzes besteht aus Gold, das nicht ohne weiteres in grösseren Mengen auf den Markt geworfen werden kann.

Weitere zwölf Milliarden Dollar sind beim Internationalen Währungsfonds (IWF) fest gebunden. Zudem sind mehr als 170 Milliarden Dollar in zwei Vermögensfonds angelegt, die Russland für schlechte Zeiten vorhält. Nach Ansicht Aslunds sind diese Gelder keine klassischen Devisenreserven.

Staatsfirmen sind auf Milliarden angewiesen

Die Notreserven könnte dennoch zur Linderung der jetzigen Krise beitragen. Russland braucht nicht nur Devisen, um den trudelnden Rubel vor dem Sturz ins Bodenlose zu bewahren. Der Staat muss auch Banken und Firmen mit Milliardensummen flüssig halten. Viele Geldhäuser und Unternehmen sind wegen der westlichen Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise de facto von den internationalen Kreditmärkten abgeschnitten.

Analysten der französischen Grossbank BNP Paribas schätzen, dass dieses Jahr bereits 72 Milliarden Dollar vom Staat an die Institute geflossen sind. Das russische Parlament bewilligte überdies am Freitag 16,5 Milliarden Dollar zur Stützung des Bankensektors.

Niedriger Ölpreis trägt zur Misere bei

Die meisten russischen Firmen haben nach Ansicht von Experten genügend Barmittel, um ihre 2015 auflaufenden Schulden begleichen zu können und damit die akute Krise zu überstehen. Doch der freie Fall des Ölpreises trifft viele Unternehmen im wichtigen Energiesektor hart - und damit auch für den russischen Staat.

Der Ölpreis fiel aufgrund des weltweiten Überangebots seit Sommer um etwa die Hälfte. Die Zentralbank des Landes hatte sich jüngst mit einer drastischen Zinserhöhung gegen die Turbulenzen und eine massive Kapitalflucht gestemmt. Das Öl- und Gasgeschäft macht 70 Prozent der Einkünfte der gesamten Exportwirtschaft aus. Der Staat bezieht daraus immerhin die Hälfte seiner Einnahmen. Falls der Ölpreis so niedrig bleibt und die westlichen Sanktionen noch erweitert werden sollten, kann der Devisenschatz auch nicht mehr entsprechend aufgefüllt werden.

Vom schwarzen Gold abhängig

Dabei rächt es sich, dass der Rohstoffriese Russland über Jahrzehnte kein zweites wirtschaftliches Standbein aufgebaut hat. Das Land ist auf Gedeih und Verderb vom Ölpreis abhängig.

Diese Erkenntnis dämmert nun auch Putin, der eine breitere Aufstellung der Wirtschaft unter dem Schlagwort Diversifizierung fordert. Kritiker wenden jedoch ein, dass Putin diesen Wandel in seinen 15 Jahren im Kreml trotz hehrer Worte nicht forciert hat. Notenbankchefin Elwira Nabiullina stehe daher trotz Staatsreserven in dreistelliger Milliardenhöhe auf verlorenem Posten, meint Ökonom Aslund: «Die Notenbank wirkt nicht nur hilflos, sie ist es auch.»

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