30.12.2014 09:46
Quelle: schweizerbauer.ch - Hanspeter Rikli
Russland
Rubelschwäche als Chance für die russische Landwirtschaft
In Russland wirkt sich der Importstopp für ausländische Produkte vor allem in den Grossstädten aus. Teilweise wurden diese Lebensmittel durch einheimische Ware ersetzt. Zu Engpässen könnte es bei den Milchprodukten kommen.

Die Sanktionen gegen Russland und der darauffolgende Importstopp Russlands für Nahrungsmittel aus dem Westen haben auf das Angebot in den russischen Läden bisher keine dramatischen Auswirkungen gehabt. Für Moskau und St. Petersburg, wo der Importanteil bei den Nahrungsmitteln grösser ist, mag dies nicht ganz zutreffen, aber in der russischen Provinz hat sich das Angebot insgesamt nur geringfügig verändert.

Abnahme beim Käse

Am augenfälligsten ist die Abnahme der Auswahl beim Käse. Die in Russland beliebten Sorten Maasdamer und Gouda sind aus dem Sortiment verschwunden und ukrainischer Käse wurde durch weissrussischen ersetzt. Schweizer Käse gibt es wenig im Angebot, denn er ist mit einem Ladenpreis von Zweitausend Rubel pro Kilo vier bis fünfmal teurer als lokale Produkte und nur im ganz teuren Marktsegment verkaufsfähig.

Die polnischen Äpfel, die bis anhin den Markt beherrscht hatten, wurden durch inländische Aepfel oder Ware verschiedener Herkunft ersetzt und der norwegische Lachs ist aus den Regalen verschwunden.  Aber sonst hat die Krise bisher erstaunlich wenig verändert. Die Läden sind voll und die Russen in Kauflaune. Die Preise sind allerdings in den letzten Tagen als Folge der Rubelkrise merklich gestiegen.

Russlands Wirtschaft schrumpft erstmals seit fünf Jahren

Russlands Wirtschaft muss den Sanktionen des Westens und dem gesunkenen Ölpreis Tribut zollen. Das Bruttoinlandsprodukt im November sank binnen Jahresfrist um 0,5 Prozent und damit erstmals seit Oktober 2009, wie das Wirtschaftsministerium am Montag mitteilte.

Vor allem die Dienstleistungsunternehmen, der Bau und der Agrarsektor schwächelten. Der Konjunktur steht sogar noch ein schärferer Gegenwind bevor. Denn der Ölpreis, der für Russland als Energielieferant immens wichtig ist, sank im Dezember weiter drastisch. Seit Juni fiel er um rund 50 Prozent.

Auch der starke Wertzerfall des Rubels macht der Wirtschaft zu schaffen. Finanzminister Anton Siluanow hatte jüngst angekündigt, die Wirtschaftsleistung könne nächstes Jahr um vier Prozent schrumpfen, sollte der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau von rund 60 Dollar pro Fass bleiben. Es wäre das erste Mal seit 2009, dass die russische Wirtschaft nicht wächst. sda

Milchpreis gestiegen

Etwas anders sieht es hingegen auf der Angebotsseite aus. Alexander, der in Woronesch bei einem lokalen Lebensmittelhändler arbeitet, sagt, dass sich vor allem bei den Milchprodukten ein Mangel abzeichnet. Etwa 40% des in Russland verkauften Käses kam bisher aus der Ukraine. Diese  Importe wurden gestoppt und müssen ersetzt werden. Am meisten von dieser Situation profitieren die weissrussischen Produzenten, die in die Lücke springen konnten. In Russland selber hat der Produzentenpreis für Milch merklich angezogen. Dies ist eine Chance für die russischen Milchbauern, die bisher unter dem relativ starken Rubel und den Billigimporten gelitten hatten.

Beim Fleisch haben sich die Preise kaum verändert. Auch das Angebot ist stabil. Der Wegfall von importiertem Rindfleisch wurde durch die Erhöhung der inländischen Produktion beim Geflügel und durch Importe aus Drittländern kompensiert. Beim Schweinefleisch hat Russland unterdessen einen hohen Selbstversorgungsgrad erreicht. Am ehesten noch ist ein Mangel beim Fisch zu spüren, aber auch diese Lücke kann mittelfristig durch einheimische Produktion gedeckt werden. Lagergemüse, Kartoffeln und Getreideprodukte sind vom Boykott kaum betroffen, da sie in Russland in genügenden Mengen produziert werden.

Bauern wieder am längeren Hebel

Die grössten Veränderungen ergaben sich aber laut Alexander im Verhältnis zu den Grossverteilern. Diese haben in den letzten Jahren eine marktbeherrschende Stellung erlangt und den Lieferanten ihre Bedingungen diktiert. Viele kleinere russische Produzenten hatten deshalb Mühe, ihre Ware überhaupt in den Verkauf zu bringen. Importwaren wurden den einheimischen Produkten oft vorgezogen. Durch die Verknappung des Angebots hat sich die Situation gedreht. Nun sind die einheimischen Produzenten am längeren Hebel und können ihre Preise durchsetzen.

Wieder etwas anders tönt es beim deutschen Grossverteiler Metro. Er beliefert vor allem Grosskunden und Restaurants. Hier ist der Anteil der Importware grösser. Es fehlt unter anderem an frischem Gemüse und Salaten. Auch bei den teureren Fleischstücken und Delikatessen gibt es grosse Engpässe. Viele Restaurants mussten ihre Menüs umstellen. Aber die meisten Russen bekommen davon wenig mit, da sie kaum auswärts essen gehen.

Russen wieder näher zueinander gebracht

Insgesamt haben die Sanktionen die Russen wieder näher zueinander gebracht, jedenfalls kulinarisch. Für die russischen Produzenten sind sie eine Chance, um verlorenes Terrain wieder aufzuholen. Dabei ist die Schwächung des Rubels aufgrund des Oelpreiszerfalls ein viel grösserer Stimulus als die Sanktionen selber, welche nur einen kurzen Zeithorizont boten.

Ob sie davon profitieren können, hängt davon ab, ob es der russischen Regierung gelingen wird, die Inflation in Grenzen zu halten und das Bankensystem zu stabilisieren. Momentan ist es für russische Unternehmen praktisch unmöglich, an Kredite zu gelangen. Damit sich die russische Wirtschaft entwickeln kann, ist sie jedoch auf Stabilität und Kredite angewiesen.  

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