11.09.2020 11:29
Quelle: schweizerbauer.ch - aiz/mge
Mercosur
Mercosur widerspricht Green Deal
Das geplante EU-Mercosur-Handelsabkommen steht in vielen Punkten in klarem Gegensatz zu den Zielen des European Green Deals und widerspricht einer Reihe von Nachhaltigkeitskriterien, stellte ein Team internationaler Wissenschafter unter Beteiligung der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) in einem kürzlich in der Fachzeitschrift "One Earth" veröffentlichten Artikel fest

Die Forscher warnen vor der Freisetzung grosser Mengen Kohlendioxid durch die Entwaldung in Südamerika und einer damit einhergehenden Befeuerung der globalen Klimakrise. Die grossflächige Abholzung beschleunige nicht nur das Artensterben, sondern erhöhe auch die Wahrscheinlichkeit für künftige Pandemien. Davon abgesehen könnte sich der Amazonas einem Kipppunkt nähern, der zu einem raschen Wandel vom üppigen Regenwald zur trockenen Savanne führe. Das wiederum würde die Niederschläge, von denen die südamerikanische Landwirtschaft abhängt, drastisch reduzieren, verdeutlichen die Wissenschafter.

Alle drei Minuten ein Fussballfeld

"Soviel ist klar: Wenn wir Wälder zerstören, leiden alle darunter. Trotz aller Klimaschutz-Bestrebungen ist die EU weltweit führend beim Import von Agrarprodukten, die Entwaldung verursachen", erklärt Hauptautorin Laura Kehoe von der Universität Oxford. Zwischen 1990 und 2008 sei für die Ausweitung der Anbauflächen, die mit dem Konsum in der EU in Verbindung stehen, eine Fläche in der Grösse Portugals gerodet worden. Auch ohne Handelsabkommen importiere die EU jedes Jahr über 10 Mio. t Soja und 200'000 t Rindfleisch aus dem Mercosur-Block. Dafür werde in der Anbauregion alle drei Minuten die Fläche eines Fussballfeldes gerodet.

Grundsätze für nachhaltige Handelsabkommen formuliert

In ihrem Artikel formulieren die Forscher Grundsätze nachhaltigerer Handelsabkommen. Ihrer Meinung nach sollte neben der Rückverfolgbarkeit der Herkunft von landwirtschaftlichen Produkten ein partizipativer Prozess eingeleitet werden, der indigene Völker, lokale Gruppen, politische Entscheidungsträger und Wissenschafter miteinbezieht. Als weitere Mechanismen nennen sie kollektive Rechtsbehelfe (damit unterrepräsentierte Gruppen rechtliche Schritte einleiten können), Due Diligence (damit Unternehmen rechtlich für ihre gesamten Lieferketten verantwortlich sind) und die Aussetzung des Handels mit Waren, die im Zusammenhang mit Entwaldung oder Menschenrechtsverletzungen stehen.

Warum sind Produkte nicht illegal?

"Wir wollen, dass die EU aufhört, Produkte zu importieren, deren Anbau im Ausland Chaos verursacht. Stattdessen sollte sie eine weltweit führende Rolle übernehmen, um nachhaltigen Handel zu ermöglichen", so Kehoe, die untersucht, wie und wo Fleischkonsum Entwaldung vorantreibt. "Wenn Lebensmittel auf illegal abgeholzten Flächen angebaut werden, warum ist es dann nicht illegal, sie zu kaufen?"

In dem Artikel heben die Wissenschafter hervor, wie die wirtschaftliche Macht von internationalem Handel als Anreiz genutzt werden könnte, dass Länder ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen nachkommen: "Wichtig wäre es, Handelsverbote für bestimmte Waren und Dienstleistungen einzuführen, bis diese Waren grundlegenden Rechts- und Nachhaltigkeitskriterien entsprechen, die im Einklang mit den internationalen Abkommen stehen. In Anbetracht des Mangels an rechtlichen Mechanismen zur Durchsetzung internationaler Abkommen könnte das eine wirkungsvolle politische Massnahme sein", erklären die Autoren.

Es braucht rasche und konkrete Massnahmen der EU

Gerade weil Entwaldung, Klimawandel und die Verletzung der Rechte indigener Völker zurzeit eskalieren, seien rasche und konkrete Maßnahmen der EU von entscheidender Bedeutung. "Das Zeitfenster zur Vermeidung der katastrophalen Folgen des Klimawandels schliesst sich. Wie die Schulstreiks und Klimaproteste in ganz Europa gezeigt haben, werden viele Menschen Produktionspraktiken, die den Klimawandel verursachen, nicht länger hinnehmen", sagt Helmut Haberl vom Boku-Institut für Soziale Ökologie. In seiner Forschung untersucht er unter anderem, wie sich internationaler Handel auf die Landnutzung in den Erzeugerländern auswirkt.

Es würde eigentlich keinen Bedarf für weitere Entwaldung in Brasilien geben: Denn Untersuchungen haben laut dem Forscherteam gezeigt, dass die prognostizierte künftige landwirtschaftliche Nachfrage durch die Verbesserung landwirtschaftlicher Praktiken und die Wiederherstellung degradierter Flächen gedeckt werden könnte, ohne dass eine weitere Umwandlung natürlicher Lebensräume erforderlich wäre.

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