8.05.2016 08:55
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Milchmarkt
Massive Kritik an Milchpreissenkung im Handel
Die jüngste Preissenkungsrunde für Milcherzeugnisse im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist über die Partei- und Verbandsgrenzen hinweg auf scharfe Kritik und Unverständnis gestoßen.

Am Montag vergangener Woche hatten die Discounter Aldi und Norma ihren Preis für einen Liter Vollmilch im Einstiegssegment von 0,59 Euro auf 0,46 Euro und damit um 22 % gesenkt. Zudem verbilligte sich das 250-g-Päckchen Butter von 0,75 Euro auf 0,70 Euro, und auch Schlagsahne, Kondensmilch, Kräuterquark und Joghurt wurden günstiger. Aldi Süd und Nord begründeten dies in einer Presseerklärung mit dem Überangebot auf dem globalen Milchmarkt. Die Molkereien hätten deshalb die Milch billiger angeboten, und es gehöre zu den Grundsätzen des Unternehmens, günstigere Einkaufspreise an die Verbraucher weiterzugeben.

Der Handelskonzern bedauerte, dass „die Preisbildung des Marktes aus Sicht der Erzeuger die Qualität ihrer Produkte nicht angemessen wiedergibt“, doch sei der Lebensmitteleinzelhandel nicht für das aktuelle Überangebot an Rohmilch verantwortlich. Indes monierte die Agrarsprecherin der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Marlene Mortler, dass die vier großen Lebensmittelhandelskonzerne durch ihren Preiskampf zu wenig Verantwortung für eine hochwertige lokale Milchproduktion übernähmen. „Eine Handvoll Händler bestimmt über das Wohl und Wehe der vielen Milchbauern, die ihre Betriebe mit solchen Preisen auf Dauer nicht halten können.“ Aber auch von den Molkereien zeigte sich Mortler enttäuscht, da sie nicht alle Möglichkeiten genutzt hätten, um sich bei den Verhandlungen mit dem Handel besser zu positionieren. Für den Präsidenten des Landesbauernverbandes Brandenburg (LBV), Henrik Wendorff, verhalten sich der Handel und die Molkereien schizophren, da sie auf der einen Seite die Anforderungen an die Produktion und das Tierwohl immer weiter heraufsetzten, andererseits aber die Erzeugerpreise gnadenlos drückten, was die Bauern in den Ruin treibe.

Von diesen Preisen können Erzeuger nicht leben

Wendorff stellte klar: „Wer den Liter Frischmilch für 46 Cent und das 250-g-Päckchen Butter für 70 Cent verschleudert, muss sich im Klaren darüber sein, dass die Landwirte davon nicht leben können.“ Nachhaltiges Handeln sehe anders aus; man müsse den Erzeugern solche Erlöse lassen, die mindestens die Kosten deckten. Der LBV-Präsident warnte, dass sich bei fortgesetzter Preisdrückerei das Sterben der Milcherzeugung und die fortschreitende Konzentration zu größeren Beständen beschleunigen würden. Das habe negative Folgen für die Dörfer und die dortigen Arbeitsplätze.

An die Verbraucher appellierte er, nicht auf Lockangebote hereinzufallen, denn jedem müsse klar sein, wer auf Billig setzte, könne nicht immer wieder die höchsten Standards von den Landwirten fordern. Auch die Politik muss aus Sicht von Wendorff helfen, zum Beispiel mit einem Liquiditätssicherungsprogramm. Eine Hilfe wäre dabei schon, wenn endlich die längst überfälligen Mittel für erbrachte Agrarumweltleistungen ausgezahlt würden. Der Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen, Albert Schulte to Brinke, bezeichnete die jüngste Rotstiftaktion im Handel und den Verfall der Milcherzeugerpreise im Norddeutschen Rundfunk (NDR) als „dramatisch“. Es sei schockierend, „dass wir unsere Arbeit nicht mehr bezahlt bekommen“. Ein Grund sei, dass der Markt im Moment nicht so aufnahmefähig sei, was auch international gelte.

Ruinöses Wettmelken stoppen

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer bezeichnete die jüngste Preissenkungsrunde für Milchprodukte im Einzelhandel im NDR als höchst besorgniserregend. Das sei inmitten dieser schweren Marktkrise das absolut falsche Signal und zeige wie „prekär die Lage mittlerweile ist“. Ein derartiges Verramschen von Lebensmitteln sei auch ethisch nicht mehr vertretbar, betonte Meyer. Er warnte davor, dass der Absturz des Erzeugerpreises auf voraussichtlich bald weniger als 20 Cent/kg auch dramatische volkswirtschaftliche Folgen habe. Bei einer derzeit in Niedersachsen produzierten Menge von jährlich rund 6,7 Mio t Milch „sprechen wir über Umsatzeinbußen in Höhe von bis zu 1 Mrd Euro - und das allein in Niedersachsen“, so Meyer. Das sei eine Kapitalvernichtung ohne Beispiel und treibe viele Milchbauern in den Ruin, während der Bund nichts tue, monierte der Grünen-Politiker. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Ulrike Höfken, appellierte an alle Marktakteure und die Bundesregierung, die unsinnige Preisspirale nach unten endlich zu stoppen.

Nach dem Wegfall der Milchquote fehle ein Instrument, um das Überangebot von Milch und damit einen Preisverfall zu verhindern. Höfken erinnerte daran, dass die Agrarminister der Länder seit Monaten neue Instrumente zur Anpassung von Angebot und Nachfrage einforderten. Die EU habe bereits angekündigt, eine vorübergehende Drosselung der Milchmenge zu unterstützen - wie es in anderen Bereichen, beispielsweise bei Obst und Gemüse, auch der Fall sei. „Das ruinöse Wettmelken muss endlich gestoppt werden“, so Höfken.

BDM fordert Umsetzung der AMK-Beschlüsse

Für den Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist die Debatte um die Verantwortung für die jüngste Milchpreissenkung nicht zielführend, da sie den Erzeugern in der akuten Krise nicht helfe. „Wir haben genug diskutiert! Es kann im Moment nur noch darum gehen, die Milchbetriebe zu retten“, betonte BDM-Vorsitzender Romuald Schaber. In der Pflicht sieht er nach dem Beschluss der Agrarministerkonferenz (AMK) zur Milchpolitik im Frühjahr vor allem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Er müsse die rechtlichen und die organisatorischen Parameter für die Umsetzung einer freiwilligen Milchmengendrosselung erarbeiten. Nach einem entsprechenden Appell des BDM an den Minister „sind zwei Wochen verstrichen, ohne dass entsprechende Bemühungen des Ministeriums erkennbar waren“, kritisierte Schaber. Das würden die Milchbauern nicht akzeptieren und bald ihren „Forderungen mit Aktionen Nachdruck verleihen“.

Neben der Politik seien aber jetzt alle Branchenbeteiligten wie Handel, Molkereien und die entsprechenden Verbände aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und endlich aktiv an der Bereinigung des nationalen und europäischen Milchmarkts mitzuarbeiten. Finanzielle Hilfen an eine Mengenreduzierung zu knüpfen sei schon deshalb sinnvoll, weil damit die eingesetzten Mittel eine Hebelwirkung entfalten könnten, die letztlich allen Milchviehhaltern zugutekomme, erklärte Schaber. Dabei müssten die großen Milchnationen Frankreich und Deutschland vorangehen. Dazu sei Frankreich bereit, Deutschland bisher leider nicht.

Am Milchpreis hängt viel

Der agrarpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, warf Schmidt ebenfalls Untätigkeit in der Milchkrise vor. Es bräuchte dringend effektive Maßnahmen zur Reduzierung der Milchmenge und eine wirkliche Stärkung der Erzeuger in den Preisverhandlungen, betonte Ostendorff. Vor diesem Hintergrund sei die Eröffnung des Verwaltungsverfahrens des Bundeskartellamtes zur Überprüfung der Lieferbedingungen für Rohmilch zu begrüßen.

Auch die Molkereien tragen aus Sicht des Grünen-Politikers eine Mitschuld an der Preismisere, da sie die Möglichkeiten zur Mengenreduzierung nicht genutzt hätten. Den Discountern sprach Ostendorff angesichts deren Niedrigpreispolitik ein Interesse an einer fairen Marktpartnerschaft ab. In der Pflicht sieht die Abgeordnete der Freien Wähler im Europaparlament, Ulrike Müller, allerdings auch die Verbraucher, die einen Zusammenhang zwischen Preisen und Qualitätsniveau erkennen müssten. Es sollte klar sein, dass an einem fairen Milchpreis viel mehr hänge, als auf den ersten Blick sichtbar sei. Es gehe auch darum, Landflucht zu verhindern, die Kulturlandschaft mit ihren vielen Facetten - vom Tourismusfaktor bis zum Natur- und Erholungsraum - für nachfolgende Generationen zu bewahren und auch in Zukunft noch über qualitativ hochwertige Milchprodukte zu verfügen, gab Müller zu bedenken.

BUND sorgt sich ums Grünland

Angesicht der anhaltenden Milchpreiskrise sorgt sich auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) um die bäuerliche Milchviehhaltung und die damit verbundene Nutzung des artenreichen Grünlandes und dem Erhalt der Biodiversität. In einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt fordert BUND-Vorsitzender Prof. Hubert Weiger deshalb politische Maßnahmen zur Beendigung der Krise. Dazu zählt für ihn ein Verbot des Verkaufes von Lebensmitteln unter Erzeugungskosten. Zudem müsse eine Milchmengensteuerung erfolgen, die sich am regionalen Bedarf und nicht an Exportstrategien der Großmolkereien und des Handels orientiere. Deshalb müssten die Beschlüsse der AMK zur Mengenreduzierung konsequent umgesetzt und dafür finanzielle Anreize geschaffen werden, verklagte auch Weiger.

Aber auch EU-weit sollen flexible Regelungen zur Milchmengensteuerung entwickelt und unterstützt werden. Zudem forderte der BUND, Spielräumen im Rahmen der EU-Förderpolitik zur Unterstützung der Weidehaltung zu nutzen.

Alternative Biomilch

Der ökologische Anbauverband Naturland kritisierte die jüngste Preissenkung für Trinkmilch im Discount als „unanständig“. Für seinen Präsidiumsvorsitzenden Hans Hohenester zeigt der Preiskrieg, dass „eine Landwirtschaft, die vor allem auf Intensivierung der Produktion, Betriebswachstum und Export setzt, in die Sackgasse führt“. Das Gegenkonzept zu diesem gescheiterten Ansatz biete der Biolandbau. Hohenester wies darauf hin, dass der Biomilchpreis nicht nur deutlich höher als für konventionelle Milch sei, sondern vor allem auch sehr viel stabiler.

Die Ökobauern produzierten nicht Masse für den Weltmarkt, sondern Qualität für die Region. Die Verbraucher wüssten, dass sie mit den höheren Preisen für Biomilch auch einen Beitrag für mehr Tierwohl, zum Erhalt der Umwelt und zur Stärkung der heimischen Landwirtschaft leisteten.

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