4.02.2015 14:58
Quelle: schweizerbauer.ch - Samuel Oehninger
Kanada
Importweizen vor Ernte tot gespritzt
Während Bundesrat Johann Schneider-Ammann ein Freihandelsabkommen nach dem andern abschliesst, fragen sich viele Schweizer: Sind die weltweit gehandelten Nahrungsmittel wirklich untereinander austauschbar? Mit Video

Kanadischer Weizen, ein Garant für Qualität, hat bereits eine längere Tradition in Schweizer Verarbeitungsbetrieben. Laut dem  Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten USDA ist Kanada mit 23 Mio. Tonnen. 2014/15 der zweitgrösste Weizenexporteur der Welt nach den USA mit 25 Mio. Tonnen. Die kanadischen Weizenerträge waren im letzten Jahr etwas tiefer als angenommen und erreichten durchschnittlich 29 dt/ha.

Mehr Fläche

Die Anbaugebiete Manitoba und Saskatchewan erlebten in den letzten Jahren eine grössere Flächenausdehnung um rund 0,8 Mio. Hektaren. In der Provinz Alberta ging der Weizenanbau hingegen zurück. In der Schweiz arbeitet das Bundesamt für Landwirtschaft BLW ständig strengere Gesetze, Grenzwerte und Abstandsauflagen aus und setzt diese dann auch mit Kontrollen durch, was die gesamte Produktion verteuert.

Währenddessen scheint in Kanada einzig der Horizont das Begrenzende zu sein. 1 bis 2 Liter Glyphosate pro Hektare werden dort sieben bis zehn Tage vor der Ernte gespritzt. Das vorhandene Unkraut wird bekämpft, der Weizen wird schneller und gleichmässiger erntereif, und der Mähdrescher kann 2 km/h schneller fahren. Zudem ist dies auf Grossbetrieben unabdingbar, da die riesigen Flächen nur noch in Etappen geerntet werden können.

Anders in der Schweiz

Bei uns würden solche Pflanzenschutzmassnahmen riesige Sanktionen und Bussen nach sich ziehen, ganz abgesehen davon, dass die ganze Ernte wegen der Glyphosat-Rückstände nicht für die menschliche Ernährung zugelassen und vernichtet würde. Dank Freihandel landet trotzdem solch bedenkliches Getreide auf unserem Tisch. Das Motto dabei ist: Weizen ist Weizen.

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Als Feststoff ist es farblos und zudem geruchlos. Es wird dank seines tiefen Preises und der guten Wirkung oft auch beim GVO-Anbau eingesetzt. Obwohl GV-Weizen vor der Ernte nicht mit Glyphosat behandelt wird, ist er bei uns verboten. Konventioneller Weizen hingegen, kurz vor der Ernte mit Glyphosat behandelt, ist erlaubt. Nicht zu Unrecht fragt sich mancher Landwirt, wie die kürzlich von Bundesrat Johann Schneider-Ammann erwähnte Befreiung von unnötigen administrativen Kosten gemeint war.

CH: Ökologie immer grössere Kostenstelle

In der laufenden Agrarpolitik wird die Ökologie zu einer immer grösseren Kostenstelle bei gleichzeitigem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion. Ist es sinnvoll, Weizen durch Ökoelemente in unserer Landschaft zu ersetzen? Mit dem Rückgang der Schweizer Produktion geht doch immer Wertschöpfung vor Ort verloren, und der Verwaltungsaufwand mit Beratern, Beamten und Kontrolleuren steigt ohnehin fortlaufend.

Wäre es nicht an der Zeit, das Wohl der Bauernfamilie ins Zentrum zu stellen und dem laufend sinkenden landwirtschaftlichen Einkommen der produzierenden Landwirtschaft entgegenzuwirken, anstatt die bedenklichen ausländischen Produktionsmethoden mit einer Drosselung der Inlandproduktion noch mehr zu unterstützen?

Abhängig vom Ausland

Freihandel ohne Grenzen scheint vermehrt auch in Zukunft die gesunden Nahrungsmittel aus hiesiger Produktion zu verdrängen und die Abhängigkeit vom Ausland zu erhöhen. Nahrungsmittel werden nur geliefert, wenn auch der Handel funktioniert.

Würde der Euro und die gesamte Börse diesen Oktober ins Bodenlose fallen, könnte es auch sein, dass der Handel und somit die Versorgung mit importierten Lebensmitteln für eine Zeit völlig einbricht. Die Globalisierung bringt neue Chancen, aber auch bisher ungekannte Gefahren.

Problem Glyphosat

Die Lebensmittelsicherheit wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Obwohl Glyphosat das Pestizid mit der weitesten Verbreitung ist, gibt es anscheinend immer noch keine Kontrollen in Lebensmitteln. Rund 40 Prozent der Europäer scheiden signifikante Spuren des Glyphosats im Urin aus. Man weiss, dass 10 Prozent der aufgenommenen Menge länger als 24 Stunden im Körper verbleiben.

In der Praxis bringen Glyphosate in Kombination von engen Fruchtfolgen mit GV-Pflanzen leider auch Probleme, da Glyphosat doch gefährlicher ist als bisher angenommen. Deshalb wird bei Pflanzen der neuesten GVO-Generation die Glyphosat-Resistenz gegen die Dicamba-Resistenz (Pflanzen, die gegen das Herbizid Dicamba resistent sind) getauscht.

Zur Person

Der Autor, Samuel Oehninger, ist Ingenieur-Agronom aus Aristau AG. Er hat einen Bauernbetrieb mit Angus-Zucht und Ackerbau. Im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit für ABS Global, den Weltmarktführer in Genetik, und im Vorstand landwirtschaftlicher Organisationen, hat er viele Länder besucht und war schon zu Gast bei der US-Regierung.

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