6.03.2014 06:17
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Deutschland
Deutsche Exportüberschüsse - Fluch oder Segen?
Nun hat es Deutschland auch aus Brüssel Schwarz auf Weiss: Die hohen Exportüberschüsse werden als Unsicherheitsfaktor eingestuft. Damit schlägt die EU-Kommission Töne an, die Deutschland lauter und aggressiver seit Jahren vor allem von den USA hörte.

Deutschland, so der Vorwurf, tut zu wenig für die Binnennachfrage und verlässt sich damit viel zu sehr auf die Wirtschaftsentwicklung in anderen Regionen der Welt. Damit profitiere Deutschland einseitig von dem, was in anderen Ländern für die Nachfrage getan werde, ohne selbst angemessen zum weltwirtschaftlichen Wachstum beizutragen.

2013 neuer Rekord

Deutschland schreibt seit 1952 fortwährend Überschüsse im Handel mit anderen Ländern. Im vergangenen Jahr führte Deutschland Waren im Gesamtwert von 1094 Mrd. Euro (1335 Mrd. Fr.) aus, während sich die Einfuhren auf 895 Mrd. Euro (1092 Mrd. Fr.) beliefen. Damit schloss die deutsche Aussenhandelsbilanz mit einem Rekordüberschuss von 199 Mrd. Euro (243 Mrd. Fr.).

Ebenfalls einen neuen Spitzenwert erzielte Deutschland in der Leistungsbilanz, die etwa auch Dienstleistungen beinhaltet. Sie lag 2013 mit 201 Mrd. Euro im Plus, nochmal knapp 4 Mrd. Euro mehr als im Vorjahr. Deutschland liegt auch in diesem Bereich weltweit unangefochten an der Spitze.

Kritiker fordern mehr Binnenmarkt-Wachstum

Die vielen Kritiker des deutschen Wachstumsmodells monieren vor allem eines: Der Erfolg der Produkte «Made in Germany» sei wesentlich durch jahrelange Lohnzurückhaltung der deutschen Arbeitnehmer erkauft, weniger durch den Erfindungsreichtum der Ingenieure.

Der gewerkschaftsnahe Ökonomen Gustav Horn vom Institut IMK bemängelte einmal: «Wir haben einen sehr hohen Druck auf die Löhne ausgeübt, immer mit dem Argument, wir müssten unsere Exportfähigkeit steigern.» Damit habe Deutschland seine Handelspartner praktisch an die Wand gedrückt und deren Wirtschaft Entwicklungsraum genommen. Den Deutschen wird mit dieser Argumentation die Mitschuld für Probleme in anderen Teilen der Welt und auch in Europa gegeben. Doch statt einsichtig zu sein, gebärde sich Deutschland auch noch gerne als Musterknabe, der seinen Partnern Ratschläge erteile.

Deutschland schadet sich selbst

Letztlich aber warnen Kritiker, schade sich Deutschland selbst. Denn für Europa, in das rund 60 Prozent der deutschen Exporte fliessen, gelte: Nur wenn es den anderen europäischen Partnern gutgehe, könne es Deutschland gutgehen.

Ein weiteres Argument der Kritiker lautet: Nur wenn Deutschland mehr auf die Binnennachfrage setzt, kann man sich von der extremen Abhängigkeit von der Weltkonjunktur freimachen. Das nämlich, so formulierte es vor einigen Monaten der Internationale Währungsfonds, sei eine grosse Verwundbarkeit Deutschlands. Immerhin hängt in Deutschland jeder dritte Job vom Export ab - das sind gut 13 Millionen Stellen.

Verteidiger verweisen auf Änderungen

Die deutsche Regierung argumentierte lange Zeit, dass auch die Partner gerade in Europa darunter leiden würden, wenn sich Deutschland beim Export künstlich zurückzunehmen würde. Die deutsche Wirtschaft habe sich ihre hohe Wettbewerbsfähigkeit mit schmerzhaften Reformen erkämpft. Dafür dürfe Deutschland nicht bestraft werden, lautet lange Zeit das Credo der Regierung.

Auch das Argument, der deutsche Erfolg beruhe zu sehr auf Lohnzurückhaltung und Deutschland tue zu wenig für die Binnennachfrage, hat sich nach Einschätzung der Regierung erledigt. Die Bruttolöhne werden nach ihren Analysen 2014 mit 2,7 Prozent stärker als im Vorjahr zulegen. «Die Dynamik der deutschen Binnenwirtschaft ist nicht nur eine gute Nachricht für Deutschland, sondern auch für unsere Partner in Europa», sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor wenigen Wochen.

Eurogruppen-Chef verteidigt Deutschland

Dennoch bleibt in Deutschland das vorherrschende Argument, man müsse überall in Europa wettbewerbsfähiger werden. Nur so könne Europa langfristig international mithalten und seinen Wohlstand halten. Auch Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem verteidigt die deutschen Exportüberschüsse. Eine starke deutsche Wirtschaft sei kein Problem, sagt er. Andere EU-Länder profitierten vielmehr von der deutschen Exportstärke.

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