30.12.2013 14:26
Quelle: schweizerbauer.ch -
China
China: Parteizeitung warnt vor Geisterstädten
In ganz China schiessen neue Städte wie Pilze aus dem Boden. Wegen schlechter Planung ziehen aber kaum Menschen in die Orte. Selbst die Pekinger Parteizeitung warnt bereits vor den Geisterstädten.

Mit dem Sonnenuntergang verschwinden die Strassen und Häuser in tiefer Finsternis. Die Laternen bleiben dunkel, keine Menschen laufen vorbei - der grosse Platz vor der Kirche in Shanghais Vorort Anting New Town wird komplett von der Nacht verschluckt.

Für die Menschen in der Gegend ist Anting eine deutsche Stadt, weil sie von den Frankfurter Stadtplanern von Albert Speer & Partner (AS&P) entworfen wurde. Doch auch acht Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner leben dort kaum Menschen. Chinesische Medien sprechen sogar schon von der deutschen Geisterstadt.

200 weitere Städte geplant

Anting reiht sich damit in eine lange Liste ein. In China geht die Angst vor Geisterstädten um. Häuser und Apartments galten als gute Geldanlage, und so schossen im ganzen Land neue Vororte oder ganze Städte wie Pilze aus dem Boden.

Nun warnt selbst das Parteiorgan «Volkszeitung» vor einer gewaltigen Immobilienblase: «Aufgrund von schlechter Planung werden aus vielen neuen Städte im Endeffekt Geisterstädte.» Bereits 200 weitere Städte seien in Planung, kritisiert das Parteiblatt. Und auch einige der mächtigen Immobilienmogule stimmen in das Sorgenlied mit ein.

So warnt Wang Shi, der Chef von Chinas grösstem Immobilienkonzern Vanke : «Es gibt ganz offensichtlich eine Immobilienblase, und es ist möglich, dass sie ausser Kontrolle gerät und platzt.» Und auch der Multimilliardär Wang Jianlin spricht von den Gefahren von Chinas Immobilienboom.   

Urabnisierung setzt sich fort

Es ist paradox: So steigen auf der einen Seite in fast allen Grossstädten Chinas die Hauspreise jährlich mit zweistellig Raten, wodurch der für viele Menschen unbezahlbar wird. Auf der anderen Seite stehen ganze Vororte nahezu leer.

Die urbane Bevölkerung ist laut Chinas Statistikbehörde bereits auf mehr als 700 Millionen Menschen gewachsen. Erstmals in der Geschichte Chinas leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und Ministerpräsident Li Keqiang hat mehrfach erklärt, dass die Regierung die Urbanisierung weiter vorantreiben will. Damit möchte die Staatsführung den Binnenkonsum antreiben, um das Wirtschaftswachstum langfristig zu sichern.

Aber trotzdem müssen viele neu aus dem Boden gestampfte Orte um jeden Bewohner werben. Ohne Schulen, Krankenhäuser oder Theater könnten die neuen Viertel kaum Menschen anlocken, sagt Johannes Dell, Chef der China-Niederlassung von AS&P: «Wenn keiner dort wohnt, können auch keine Geschäfte aufmachen. Und wenn keine Geschäfte aufmachen, will dort auch niemand wohnen.» Letztlich müssten die Kommunen und Stadtregierungen Geld für die nötige Infrastruktur in die Hand nehmen.

Hoffnung für Geisterstädte nahe der Metropolen

In Anting passiert das gerade. Seit Oktober hält die Shanghaier U-Bahnlinie 11 in Anting. Von September 2015 an soll es eine Schule bis zur 9. Klasse in dem Ort geben. Gleichzeitig treiben die gigantischen Wohnungspreise die Menschen aus Shanghais Innenstadt an die Stadtgrenzen - und damit auch nach Anting. In den fertiggestellten Wohnblöcken könnten bis zu 25'000 Menschen leben. Bislang sind es nach Auskunft der Verwaltung aber erst 7000.

Anting steht damit auch für die Hoffnung, wie China einer Immobilienkrise noch entgehen könnte. Gerade in der Nähe von Chinas Metropolen besteht für die Geisterstädte grosse Hoffnung, doch noch viele Bewohner zu gewinnen, vermutet Professor Liu Yuanchun von der Pekinger Volksuniversität. «Während es in Chinas Megastädten immer voller wird, können kleine und mittelgrosse Städte von den Entwicklungen profitieren. Es ist klar, für welche Orte sich die Menschen dann entscheiden.»

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