22.06.2016 08:40
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Grossbritannien
Brexit auf Messers Schneide
Der Verbleib Grossbritanniens in der Europäischen Union steht zwei Tage vor der Brexit-Abstimmung auf des Messers Schneide. Umfragen ergaben am Dienstag ein uneinheitliches Bild: mal lagen die Befürworter eines Austritts vorne, mal die Anhänger der EU. Beide Lager verschärften unterdessen die Tonart.

Die EU-Befürworter veröffentlichten ein Plakat, auf dem eine geöffnete Tür in die Dunkelheit führt mit dem Slogan: «Geh und es wird keinen Weg zurück geben». Die EU-feindliche Partei UKIP konterte mit dem Poster eines Staus und titelte in Anspielung auf die von ihnen angenommene Masseneinwanderung: «Die Schule ist überfüllt».

Patt in den Umfragen

In einer Umfrage des Instituts ORB für den «Daily Telegraph» legten die EU-Anhänger auf 53 Prozent zu, während ihre Kontrahenten auf 46 Prozent fielen. Auch das Sozial-Institut NatCen sah die Brexit-Gegner mit 53 Prozent vor den Austritts-Befürwortern mit 47 Prozent. In einer Umfrage für die «Times» hingegen lagen die EU-Gegner zwei Punkte vor den Befürwortern. Die Zahl der Unentschiedenen bleibt stabil bei über zehn Prozent.

Dagegen sprachen sich in einer YouGov-Umfrage für die «Times» 44 Prozent für den Brexit aus und 42 Prozent dagegen. In den Wettbüros lagen die Quoten für einen EU-Verbleib bei 75 Prozent, nachdem sie noch am Montag die 80-Prozent-Marke geknackt hatten. Die jüngsten Umfragen fanden nach dem tödlichen Attentat auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox am vergangenen Donnerstag statt. Nach dem Mord hatten beide Lager ihre Kampagnen kurzzeitig unterbrochen. Am Montagabend gedachte das Parlament der ermordeten Politikerin.

Wie die Abstimmung abläuft


Am Donnerstag stimmen die Briten über einen Austritt aus der Europäischen Union ab. Wichtige Fakten zum Wahltag - und der Nacht danach:

Die Wahllokale sind am Donnerstag von 07.00 Uhr morgens bis 22.00 Uhr britischer Zeit geöffnet - also von 08.00 bis 23.00 Uhr MESZ. Nur in Gibraltar schliessen die Wahllokale wegen der Zeitverschiebung eine Stunde früher. Danach beginnt die Auszählung. Nach bisherigem Stand wird es nach Schliessung der Wahllokale weder Prognosen noch Hochrechnungen geben. Im Laufe der Nacht werden aber die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken nach und nach bekannt werden.

Die meisten Resultate dürften zwischen 03.00 und 05.00 Uhr MESZ vorliegen. Ein Endergebnis wird am Freitag um die Frühstückszeit erwartet - wenn es nicht wegen Pannen zu Verzögerungen kommt. Abgestimmt wird in 382 Wahlbezirken. Rund 45 Millionen registrierte Wähler sind aufgefordert, ihre Stimme abzugeben.

Die Frage auf dem Stimmzettel lautet: «Soll das Vereinigte Königreich ein Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Europäische Union verlassen?» Angekreuzt werden kann eine der beiden folgenden Antworten: «Ein Mitglied der EU bleiben» oder «Die Europäische Union verlassen».

Warnung vor Überfremdung

Die Brexit-Befürworter konzentrierten ihre Argumentation auf Warnungen vor einer unkontrollierten Einwanderung. Der frühere Berater von Premierminister David Cameron, Steve Hilton, erklärte, dem Regierungschef sei schon vor vier Jahren erklärt worden, in der EU seien Begrenzungen des Zuzugs von Ausländern nicht zu erreichen.

Cameron wies das im Sender ITV zurück: «Es gibt gute Wege die Zuwanderung zu gestalten (...) aber aus dem gemeinsamen Markt auszutreten und unsere Wirtschaft zu ruinieren, ist ein schlechter Weg.» In einem offenen Brief im «Independent» plädierten führende Vertreter von 96 britischen Universitäten ebenfalls für einen Verbleib ihres Landes in der EU. «Wir leben in einer dynamischen und verbundenen Welt, in der wir zusammen stark sind.

Wer darf abstimmen

Nach Angaben der Wahlkommission dürfen beim EU-Referendum am Donnerstag Briten, Iren und Commonwealth-Bürger wählen, die über 18 Jahre alt sind und im Vereinigten Königreich leben. Es gelten die gleichen Bestimmungen wie bei Parlamentswahlen - mit einer Ausnahme: Auch die Bürger Gibraltars, die EU-Wahlrecht besitzen, dürfen mitentscheiden.

Bürger aus EU-Staaten dürfen nicht wählen - mit Ausnahme von Einwohnern aus den Commonwealth-Staaten Malta und Zypern, sofern sie im Vereinigten Königreich leben. Iren, die Grossbritannien wohnen, dürfen aufgrund eines Sonderstatus mitentscheiden. Die Wähler müssen sich vor dem Urnengang registriert haben. Bisher ist von 45 Millionen registrierten Bürgern die Rede. Auch Briten in Übersee dürfen wählen, wenn ihre Namen in den vergangenen 15 Jahren im Register für Parlamentswahlen standen. sda

Prominente für und gegen Brexit

Angesichts der knappen Umfragewerte mischen sich auch immer mehr Prominente in den Wahlkampf ein. Der populäre Fussballer David Beckham schlug sich auf die Seite der EU-Befürworter und erklärte: »Für unsere Kinder und deren Kinder sollten wir die Probleme dieser Welt gemeinsam angehen und nicht alleine.«

Dagegen warnte die Cricket-Legende Ian Botham vor zu vielen Einwanderern, sollte Grossbritannien in der EU bleiben. »Grossbritannien ist von seinen wunderschönen ländlichen Gegenden geprägt, diese Insel ist nicht geschaffen für 100 Millionen Menschen«, schrieb er im »Express«.

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