9.02.2017 18:11
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Verdingkinder
Verdingkinder leiden Leben lang
In einer grossen Studie haben Andreas Maercker und sein Team von der Uni Zürich ehemalige Verdingkinder befragt und die psychologischen Spätfolgen ihrer traumatischen Erlebnisse erforscht. Die Ergebnisse stellt Maercker nun an einer Tagung in Zürich vor.

Bis in die 1970er Jahre hinein wurden Hunderttausende Schweizer Kinder von Behörden aus ihren Familien gerissen, in Heime gesteckt und zu harter Arbeit auf Bauernhöfen gezwungen. Körperliche Misshandlungen, Vernachlässigung und emotionale Gewalt haben psychische Spuren hinterlassen, die auch heute noch, Jahrzehnte später, fortbestehen.

Das Ausmass der Traumata und ihrer Spätfolgen zeigt die Zürcher Studie auf Basis von zahllosen Interviews mit ehemaligen Verdingkindern. Die Ergebnisse stellt Maercker dieser Tage an der 22. Zürcher Psychotraumatologie-Tagung vor.

Quälende Erinnerungen

Ein Viertel der Betroffenen leidet demnach unter Depressionen, manche denken gar an Suizid. Ebenfalls jeder oder jede Vierte zeigt Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung wie Albträume und «Flashbacks», bei denen das Erlebte immer wieder quälend vor dem geistigen Auge abläuft. Dabei seien diese Zahlen wahrscheinlich noch unterschätzt, weil nicht alle über die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit sprechen könnten, schrieb die Uni Zürich in einer Mitteilung.

Eine weitere Spätfolge ist das Risiko für einen schnelleren kognitiven Abbau im Alter, wie die Studie ergab. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass das Trauma langfristig die Motivation der Betroffenen zerstört habe: «Wer etwas Derartiges überlebt hat, hat das Gefühl, planen sei zwecklos, es könne immer wieder etwas Schlimmes passieren», erklärte Maercker gemäss der Mitteilung. Dieses Gefühl bleibe oft bis zum Lebensende bestehen. So bleibe auch der Aufbau kognitiver Ressourcen auf der Strecke, die vor dem geistigen Abbau im Alter schützen könnten. Den allermeisten Verdingkindern blieb zudem eine gute Schulbildung verwehrt.

Über Generationen hinweg


Nicht nur die ehemaligen Verdingkinder selbst, sondern auch noch ihre Kinder leiden unter den Folgen des Traumas: So ergab die Befragung, dass sich viele der Interviewten selbst für miserable Mütter oder Väter hielten und Schwierigkeiten hatten, eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen.

Dieses negative Selbstbild relativierte sich allerdings etwas im Gespräch mit den Nachkommen, schrieb die Uni Zürich: Zwar war der Erziehungsstil der ehemaligen Verdingkinder unangenehmer als der anderer Eltern: Die betroffenen Mütter bestraften ihre Kinder häufiger und die betroffenen Väter verhielten sich distanzierter und emotional unbeteiligter als andere Eltern. Jedoch beschrieben die Nachkommen den Erziehungsstil der ehemaligen Verdingkinder weniger extrem als diese ihn empfanden.

Vereinzelte Lichtblicke


Die Studie der Zürcher Forschenden brachte aber auch Lichtblicke zu Tage: Beispiele von ehemaligen Verdingkindern, die trotz dem Trauma in ihrem Leben Fuss fassen konnten. Dem gegenüber steht jedoch die Mehrzahl der Betroffenen, die ihr Leben lang unter den psychischen Folgen leiden.

Nachdem im April 2013 der Bundesrat den ehemaligen Verdingkindern offiziell die Entschuldigung für das begangene Unrecht ausgesprochen hat, können Betroffene seit Anfang 2017 auch eine finanzielle Entschädigung erhalten. Auch wenn die Anerkennung des Leids für viele zu spät kommt, sei sie doch immer noch wertvoll, betonte Maercker. Wird das Leid einer Gruppe von Opfern öffentlich anerkannt, wirke sich dies positiv auf die psychische Widerstandskraft der Betroffenen aus.

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