12.03.2018 07:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Tierhaltung
«Vegane Ernährung ist egoistisch»
Fritz Schneider ist Vorsitzender der Globalen Agenda für nachhaltige Nutztierhaltung. Er betont den Beitrag der Tierhaltung zu den nachhaltigen Entwicklungszielen, mahnt aber auch zu einer Mässigung beim Fleischkonsum.

«Schweizer Bauer»: Wir trafen uns im Januar auf dem Weg nach Berlin. Was machten Sie dort?
Fritz Schneider: Ich war an zwei Events des Global Forums for Food and Agriculture (GFFA) beteiligt. Die Tierhaltung war heuer das Hauptthema am GFFA. Der erste Event wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft und der Globalen Agenda  für nachhaltige Nutztierhaltung, dessen Vorsitzender ich bin, organisiert. Das Thema waren die Erwartungen der Konsumenten an den Nutztiersektor. 

Welche Forderungen ergeben sich daraus? 
Wir stellen fest, dass weltweit die Nachfrage nach tierischen Produkten wächst, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, und dass sich die Nachfrage in qualitativer Hinsicht ändert (je nach Region und Fleischart). Um diese Nachfrage nachhaltig, verantwortungsvoll und effizient befriedigen zu können, sehen wir von der Globalen Agenda für nachhaltige Nutztierhaltung vier Ansatzpunkte. Die Nachfrage muss in Grenzen gehalten werden. In den entwickelten Ländern – nicht in den Entwicklungsländern – müssen wir weniger Fleisch essen. Überall zu reduzieren sind die Lebensmittelverluste (Food Waste). Dann müssen wir mehr produzieren und effizienter produzieren. 

Worum ging es am zweiten Event? 
Um den Beitrag der Nutztierhaltung zu 9 der total 17 UNO-Zielen der nachhaltigen Entwicklung. Nehmen wir das Ziel Nr. 1, Armut überall in all ihren Formen zu beenden. Von 900 Millionen Menschen, die weltweit mit weniger als 2 Dollar pro Tag leben müssen, sind 750 Millionen Menschen direkt von der Nutztierhaltung abhängig. Das heisst: Wenn wir die Armut ausrotten wollen, können wir das nicht ohne Nutztiere tun. 

Können Sie uns das genauer erklären?
Viele der 750 Millionen Menschen leben von kleinen, gemischten Bauernbetrieben. Sie benötigen die Tierhaltung und müssen damit etwas verdienen können. Und auch den Hunger können wir ohne Nutztiere nicht bekämpfen. Da geht es auch um die Mikronährstoffe. In Berlin erklärte die Ernährungswissenschaftlerin Lora Ianotti: Es lässt sich wissenschaftlich zeigen, dass es unmöglich ist, ein Kind in den ersten 1000 Tagen seines Lebens ohne tierische Produkte zu ernähren. Sie sagt, dass für die Vitamine A und B12 synthetisch hergestellte Ersatzstoffe nicht genügten. Auch in Flüchtlingslagern sieht man, dass 100 Gramm Fleisch pro Kind pro Woche Leben retten kann. 

Wenn ich Sie höre, dann kann die vegane Ernährung kein Zukunftsmodell für die weltweite Ernährung sein? 

Nein. Das ist eine Luxuserscheinung und ein Luxusthema in reichen Ökonomien. Vegane Ernährung ist nicht sinnvoll und auch egoistisch, denn damit entzieht man weltweit einer Milliarde Kleinbauern die Lebensgrundlage. Die brauchen die Nutztiere für ihr wirtschaftliches Überleben und für die Nachhaltigkeit des Landes, das sie bewirtschaften. Aus meiner Sicht ist der Veganismus nicht nachhaltig. Wer das tut, hat keinen Bezug mehr zur Lebensmittelproduktion. Es ist auch so, dass ein Ersatz aller tierischen durch pflanzliche Lebensmittel eine Ausdehnung und Intensivierung bei den Ackerflächen bedingen würde.  Gemäss FAO sind 60% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Erde Weiden, dieses Land könnte nicht mehr zur Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Die Diskussion, welche die Veganer aufbringen, ist aber für uns auch eine Chance, die Bedeutung der Nutztierhaltung aufzuzeigen und hilft, den exzessiven Fleischkonsum zu relativieren.

Zur Organisation 

Die Global Agenda for Sustainable Livestock (für nachhaltige Nutztierhaltung) hat 105 Mitglieder: Regierungen, internationale Organisationen, Organisationen der Zivilgesellschaft, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), private Organisationen (Verbände, Genossenschaften, keine Einzelfirmen). Aus der Schweiz sind BLW, Hafl, Swissgenetics, Vétérinaires sans frontières und TAFS Forum dabei. Das Sekretariat ist bei der FAO in Rom. Das jährliche Budget liegt bei knapp 1 Million Franken. Als Finanzierungsländer treten vor allem die Schweiz (über 50%), Frankreich, Irland, die Niederlanden und Kanada auf.  sal www.livestockdialogue.org

Was sind die drängendsten Probleme in der Nachhaltigkeit der weltweiten Tierhaltung?

Ein grosses Problem haben wir sicher beim Thema Krankheiten, die unter den Tieren ansteckend sind (z.B. die Afrikanische Schweinegrippe, Maul- und Klauenseuche), aber auch Tierseuchen, die auf den Menschen übergreifen können (z. B. Vogelgrippe, Brucellose, Tollwut, Milzbrand). Auch sind die Tierzahlen viel zu hoch, und zwar gerade im extensiven Bereich. Das betrifft die Mongolei, Südasien und gewisse Gebiete in Afrika. Die Tiere können auf den Weiden dort zu wenig fressen, sind zu mager. So gibt es aus ihnen wenig Milch und wenig Fleisch, was ineffizient ist. Gleichzeitig explodieren mit so viel Tieren die Treibhausgasemissionen. Mit Tierzucht und besserem Management kann man massive Verbesserungen erzielen. Ein drittes grosses Problem sind die antimikrobiellen Resistenzen. Aus dieser Perspektive sind gewisse Tierhaltungssysteme, auch gewisse Kälbermastsysteme in der Schweiz, ein No-Go. Nicht nur der Antibiotika-Einsatz ist problematisch, sondern auch, dass die Kälber zu wenig Raufutter fressen – weltweit haben wir zu wenig tierische Produkte, also sollten wir diese Milch für die menschliche Ernährung nutzen und die Wiederkäuer Raufutter in Milch und Fleisch verwandeln lassen.

In der Schweiz legen die Zweinutzungsrassen Original Braunvieh und Simmentaler zu. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung? 
Wichtig für die Nachhaltigkeit und den Fussabdruck ist die Nutzungsdauer der Tiere. Je länger ein Tier genutzt wird, desto besser ist die Aufzuchtperiode auf das übrige Leben verteilt. Der Klimafussabdruck pro produzierte Einheit Milch reduziert sich mit zunehmender Lebensdauer. Ebenfalls wichtig für die Nachhaltigkeit ist, dass Raufutterverzehrer wie Kühe nicht Getreide inkl. Soja fressen, sondern Gras und Nebenprodukte, welche die menschliche Ernährung nicht konkurrenzieren.

Zur Person 

Fritz Schneider ist Bauernsohn aus Biembach BE. Er ist Ing.-Agr. ETH. Zwischen 1982 und 1993 leitete er diverse Landwirtschaftsprojekte in Indien. Dann wurde er Dozent für tropische Tierproduktion an der Hafl. 2000 wurde er Hafl-Vizedirektor, 2010 Leiter der Abteilung Agronomie. Zusätzlich war er seit 1993 als Berater für landwirtschaftliche Projekte in Asien, Europa und Afrika tätig. 2015 verliess er die Hafl. Seit 2016 ist er Vorsitzender der Leitungsgruppe der Global Agenda for Sustainable Livestock (100 Arbeitstage). Neben weiteren Mandaten führen er und seine Frau Studienreisen nach Indien durch. sal

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