23.09.2017 08:22
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Bern
«Unglaublicher Fremdkörper»
Die Gegner der BLS-Werkstätte Nahe Riedbach im Westen der Stadt Bern bringen sich in Stellung. Ein Gutachten bestreitet die raumplanerische Rechtsmässigkeit.

In Bern-Brünnen endet die Siedlungsgrenze der Stadt Bern abrupt. Die Kulturlandschaft Bern-West, insbesondere jene im Gebiet Chlyforst Nord, blieb praktisch seit den 1930-Jahren unverändert. Dies geht aus einem Gutachten hervor, das die Stiftung Landschaftsschutz (SL) unter der Leitung von Raimund Rodewald für die Opponenten der Werkstätte erstellt hat. Die Gemeinde Frauenkappelen, die IG Riedbach, der Verein Chlyforst, der Leist Oberbottigen und die Quartierkommission Bümpliz Bethlehem QBB haben sich im Juni 2017 zusammengeschlossen, um gegen den Bau der BLS-Werkstätte im Naherholungsgebiet Chlyforst anzutreten.

Nicht «bewilligungsfähig»

Der SL-Geschäftsführer nahm eine Standortbeurteilung aus landschaftlicher Sicht vor. Der Werkstätte, die ursprünglich rund 2 Kilometer östlich in Riedbach gebaut werden sollte, würden 10 Hektaren Fruchtfolgeflächen sowie 4 Hektaren Wald zum Opfer fallen. Das 17-gleisige Industrieareal beinhaltet ein Gebäude, das zwischen und 120 und 150 Meter lang sowie 15 Meter hoch werden soll. Zudem müsste das Gelände um rund 7 Meter aufgeschüttet werden.

Das eindeutige Fazit von Raimund Rodewald am Freitag vor den Medien: «Eine Werkstätte im Chlyforst Nord bedeutet aus Sicht von Natur und Landschaft eine schwere Beeinträchtigung für die naturnahe und strukturreiche Kulturlandschaft, der eine hohe Schutzwürdigkeit zukommt. Der Bau ist ein unglaublicher Fremdkörper.» Dieser kollidiere mit den wesentlichen Ziele der Bundesgesetze. Darunter fällt der Schutz des Waldes und der Fruchtfolgeflächen sowie das Konzentrationsprinzip. Das heisst, Inselbauten wie im Chlyforst sind unerwünscht. Sie sollten in Nähe bestehender Infrastrukturen gebaut werden. Das Projekt ist aus der Sicht von Rodewald nicht «bewilligungsfähig». Deshalb fordern die Gegner  des Standorts Chlyforst, dass SBB und BLS gemeinsam in Biel eine Werkstätte errichten. 

Siedlungsgrenze nicht nach Westen verschieben

Der Standort im Chlyforst habe im Übrigen nicht am besten von den insgesamt über 40 geprüften Standorten rund um Bern abgeschnitten, so Rodewald. In der im Rahmen der Begleitgruppe vom Büro Basler&Hofmann erarbeiteten Nutzwertanalyse rangierte der Chlyforst nur an vierter Stelle.  «Es ist mitnichten der beste Standort, wie teilweise in der Öffentlichkeit kundgetan wurde», fügt Rodewald an. Die Werkstätte im äussersten Westen der Stadt Bern widerspreche auch den kantonalen, regionalen und lokalen Planungszielen. Das Gebiet ist als Naherholungsgebiet und Ruheraum ausgeschieden. Ein Werkstättenbau würde das Landschaftsschutzgebiet Gäbelbach massiv beinträchtigen. Ein Bau widerspreche sämtlichen Gesetzgebungen, fügt Rodewald an.

Die Anwohner befürchten, dass mit dem Bau einer Werkstätte die Tür für weitere Grossprojekte geöffnet wird. Eine Industrialisierung der derzeit fast unberührten Kulturlandschaft und die Verschiebung der Siedlungsgrenze wollen sie mit allen Mitteln verhindern. Enttäuscht zeigen sich die Gegner, dass die Stadt Bern nicht entschieden gegen das Projekt eintritt.  Das Land, auf dem gebaut werden soll, gehört zu einem grossen Teil der Burgergemeinde Bern. Ein kleinerer Teil gehört der Stadt Bern. Die Berner Stadtregierung stellt sich einem Bau im Chlyforst nicht quer. Denn in Bümpliz Süd soll die Stadt erweitert werden. Dieses Gebiet liegt rund 4 Kilometer östlich des Chlyforsts.

Keine Standortgebundenheit

Daniel Lehmann, Landwirt und Jurist, hebt hervor, dass das Gäbelbachtal ein unversehrtes Naherholungsgebiet sei und sich das Gebiet für die Landwirtschaft gut eigne. «Wir haben hier viele Fruchtfolgefläche», sagt er gegenüber schweizerbauer.ch. Das Gebiet sei zudem schlecht erschlossen, ein guter Zubringer zur Werkstätte fehle.

«Diese Werkstätte, konzipiert als Insellösung, widerspricht zudem dem Raumplanungskonzept und kommt deshalb nicht in Frage», macht Lehmann deutlich. Er spricht sich aber nicht gegen den öffentlichen Verkehr aus. Der sei wichtig, fährt er fort. «Wir sind aber entschieden gegen das Opfern von gutem Kulturland, weil wir wissen, dass es genügend Infrastruktur gibt, um eine solche Werkstätte zu bauen», macht er deutlich. Lehmann meint damit die SBB-Werkstätte in Biel, welche die SBB der BLS zur Mitbenutzung anbietet. Dafür müsste aber die BLS von ihren Fernverkehrsplänen abrücken. Das Unternehmen will auf den Linien von Interlaken und Brig nach Basel die SBB konkurrenzieren.

«Die Standortgebundenheit kann die BLS für den Chlyforst nicht belegen. Die Werkstätte wird zu 100 Prozent nicht gebaut», ist sich Lehmann sicher.

Die Begleitgruppe schlug dem BLS-Verwaltungsrat für die Instandhaltung der Züge der S-Bahn Bern  im September 2016 eine Drei-Standortstrategie vor. Neben dem gesetzten Standort Spiez mit der leichten Instandhaltung soll die BLS den bisherigen Standort Bönigen weiterbetreiben und am Standort Chlyforst-Nord im Westen der Stadt Bern eine neue Werkstatt bauen. In Bönigen wäre – wie bisher – die schwere Instandhaltung angesiedelt, im Chliforst die leichte Instandhaltung. Der Entscheid für den  Standort war in der Begleitgruppe nicht unumstritten. Das Gremium entschied sich mit rund 58 Prozent der Stimmen für eine Durchfahranlage am Standort Chliforst-Nord. 

BLS-Verwaltungsratspräsident Rudolf Stämpfli hatte den Chliforst im vergangenen November, nach dem Standortentscheid, als «beste aller schlechten Lösungen» bezeichnet. Ob es die BLS-Werkstätte wirklich braucht, erscheint neuerdings wieder offen. Dies deshalb, weil die SBB der BLS eine Kooperation anbietet. Das Angebot der SBB basiert laut Angaben der Berner Regierung von Ende August auf einem engeren Rollmaterialeinsatz zwischen BLS und SBB. Die Berner Kantonsregierung kündigte damals an, sie wolle die BLS-Begleitgruppe zur Prüfung dieser Vorschläge reaktivieren. 

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