26.03.2018 18:41
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Arbeitszeit
Umfrage: Sind 55 Stunden zu viel?
In der Zeitung «Blick» beklagen sich zwei Lehrlinge über zu strenge Arbeitsbedingungen. Lange Arbeitszeiten gehören zum Beruf, finden hingegen Lehrbetriebe. Die Arbeitsgemeinschaft Berufsverbände Landwirtschaftlicher Angestellter fordert kürzere Arbeitszeiten. Und was denken Sie darüber? Mitdiskutieren und abstimmen.

Die Schlagzeile auf der Titelseite des «Blick» ist wenig vorteilhaft für den Berufsstand: «Geknechtete Stifte». Die Zeitung schreibt, dass viele Bauernlehrlinge bis zum Umfallen arbeiten müssten -  55 Stunden und oft bis in die Nacht. Genaue Zahlen, wie viele Lehrlinge tatsächlich überlastet sind, fehlen.

55 Stunden zulässig

Für Bauernlehrlinge gilt der kantonal geregelte Normalarbeitsvertrag (NAV), Arbeitswochen von bis 55 Stunden sind zulässig. In anderen Berufen gilt eine maximale Arbeitszeit von 45 Stunden pro Woche, Minderjährige dürfen höchstens neun Stunden pro Tag arbeiten.

Der «Blick» lässt einen Lehrling zu Wort kommen. Er habe zwölf Tage am Stück arbeiten müssen, 55 Stunden die Woche und oft mehr. Er sei total ausgenutzt worden, sagt der Stift. «Manchmal war ich am Abend sogar zu müde zum Essen», fährt er fort.

«Ich konnte nicht mehr»

Er habe immer im Schweinestall arbeiten müssen, sogar vor der Berufsschule. «Der Gestank machte mich fertig, zeitweise war ich wie benommen», klagt der Lehrling. Freitage erhielt er alle zwei Wochen. «Irgendwann konnte ich nicht mehr», fährt er fort. Nach drei Monaten brach er die Lehre ab.

Auch Luca Intrass beklagt sich über sein ehemaliges Lehrverhältnis. «Neben dem Schulstoff und den Prüfungen mussten wir noch mehrseitige Arbeitsberichte über Pflanzen und Tiere schreiben. Ein Graus», sagt er dem «Blick».

Mit Realität konfrontiert

Dass Stifte in der Landwirtschaft sehr viel arbeiten müssen, ist für Bauern alltäglich. Die Lehrlinge werden so gleich mit der Realität konfrontiert, finden die meisten. «Die Arbeitszeit ist auch Ausbildungszeit», sagt Berufsbildner und Landwirt Urs Ryf. Ändern lasse sich die Situation nicht. «Sonst bliebe meine Arbeit liegen. Andernfalls kann ich keine Lehrlinge mehr ausbilden», so Ryf zu «Blick».

schweizerbauer.ch hat beim Schweizer Bauernverband (SBV) und bei Arbeitsgemeinschaft Berufsverbände Landwirtschaftlicher Angestellter (ABLA) nachgefragt. Werden Lehrlinge in der Landwirtschaft «geknechtet»?

ABLA will kürzere Arbeitszeiten

«Die Arbeitsbedingungen in der Ausbildung orientieren sich an den Arbeitsbedingungen. Vor allem auf Betrieben mit Tierhaltung sind die Arbeitstage länger», sagt Sandra Helfenstein, Mediensprecherin vom Schweizer Bauernverband, gegenüber schweizerbauer.ch. Wichtig sei, dass die Bedingungen wie Arbeitszeit, Freitage, Lohn, etc. sauber und offen im Lehrvertrag geregelt seien. «So können unliebsame Überraschungen und falsche Vorstellungen von Anfang an vermieden werden», macht sie deutlich.

Aussage revidiert

Luca Intrass wird in der Tageszeitung zitiert. „Ich krampfte wie ein ausgelernter Arbeiter, bekam aber einen jämmerlichen Sold!“ In einer Stellungnahme auf der Facebookseite des 22-Jährigen stellt der ehemalige Lehrling seine Aussagen richtig: „Der Artikel im Blick wurde nicht nach einem persönlichen Interview gedruckt, es wurden Aussagen aus Umfragen auf mich bezogen die überhaupt nicht zutreffen.“

Anderer Meinung ist die ABLA. «Grundsätzlich arbeiten aus der Sicht der ABLA alle landwirtschaftlichen Arbeitnehmer zu lang, also auch Lehrlinge. Die ABLA kämpft seit Jahren für eine Besserstellung der landwirtschaftlichen Arbeitnehmer», sagt ABLA-Geschäftsführerin Mara Simonetta zu schweizerbauer.ch. Die Arbeitsgemeinschaft fordert, dass ein Lehrling nicht mehr als 10 Stunden täglich arbeiten soll. Und die Arbeitszeit dürfte 20 respektive 22 Uhr, je nach Alter, nicht überschreiten. «Ausserdem ist ihm eine zusammenhängende Ruhezeit von mindestens 12 Stunden zu gewähren», so Simonetta.

Je nach Kanton unterschiedlich

Die maximalen Arbeitszeiten pro Woche unterscheiden sich stark. Im Kanton Genf beträgt diese 45 Wochenarbeitsstunden, in Glarus sogar 66. «Bei Betrieben mit Tieren fallen auch am Samstag und am Sonntag Arbeiten an. Diese sind aber auf das Minimum zu reduzieren. Wichtig ist, dass neben strengen Tagen auch immer wieder ruhigere folgen», sagt Sandra Helfenstein. Das fordert auch ABLA. Überzeit müsse umgehend kompensiert werden können.

Müsste die Arbeitszeit nicht gekürzt werden? Diese Diskussion wird immer wieder geführt. Ende 2014 auch im Vorstand des Schweizer Bauernverbands. Dieser beschloss, den Kantonen vorzuschlagen, die Arbeitszeit für Betriebe ohne Tierhaltung auf 49.5 Stunden pro Woche zu senken. «In einzelnen Kantonen laufen nun die entsprechenden Diskussionen. Kantone könne die wöchentliche Arbeitszeit in ihren Normalarbeitsverträgen tiefer ansetzen», macht SBV-Sprecherin Helfenstein deutlich.

Ansprüche an Lehrlinge hoch

Die ABLA will generell für sämtlich Angestellte tiefere Arbeitszeiten. ABLA-Geschäftsführerin Simonetta bewirtschaftet mit ihrem Ehemann einen Landwirtschaftsbetrieb. «Wir können von unseren Angestellten nicht verlangen, dass sie sich mit demselben Idealismus die Nächte um die Ohren schlagen wie wir selber.  Wir haben ein anderes Interesse an der Arbeit. Der Betrieb und die Tiere gehören uns.»

Bauernpräsident Markus Ritter will hingegen nicht an der Arbeitszeit rütteln. Die Ansprüche an die Lehrlinge seien hoch. 55 Arbeitsstundenwochen auf einem Viehwirtschaftsbetrieb seien Realität. «Die Tiere benötigen auch am Wochenende Pflege», sagt Ritter gegen

Beruf beliebt

Doch trotz der negativen Schlagzeilen und der hohen Arbeitsbelastung ist der Beruf Landwirt beliebt. Beim Beruf Landwirt/in EFZ ist von 2012 bis 2016 die Anzahl Lernende um 314 oder 11.5 Prozent auf 3’045 Personen gestiegen. «Die Ausbildung in und mit der Natur ist vielfältig. Die Lernenden können früh viel Verantwortung übernehmen. Die steigenden Lehrlingszahlen der letzten Jahre zeigen, dass die Ausbildung und der Beruf für die jungen Leute deshalb durchaus attraktiv sind», hält Sandra Helfenstein fest.

Wie beurteilen Sie die Situation? Muss die wöchentliche Arbeitszeit gesenkt werden? Ist die Belastung zu hoch? Oder gehört das zum Beruf Landwirt dazu? 

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