26.09.2016 08:34
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Deutschland
Süddeutsche Bauern müssen kämpfen
Verglichen mit der Schweiz sind die Bauernhöfe in Baden-Württemberg um rund die Hälfte grösser, die Produktionskosten um ein Drittel bis die Hälfte tiefer und die Erträge etwas höher. Trotzdem mussten die Betriebe auch dort letztes Jahr einen deutlichen Gewinnrückgang hinnehmen. Dieses Jahr dürfte das Ergebnis noch schlechter aussehen.

Das deutsche Bundesland Baden-Württemberg hat viele Ähnlichkeiten mit der Schweiz. Das Land ist kleinstrukturiert, die Leute sind fleissig, die Wirtschaft floriert. Die Landwirtschaft sorgt für eine gepflegte und vielfältige Landschaft als Kulisse für viele erfolgreiche Unternehmen, die in diesem Bundesland angesiedelt sind.

Durchschnittliche Betriebsgrösse 34 Hektar

Trotzdem haben es die Bauern nicht leicht, wie Volker Segger von der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL) in Schwäbisch Gmünd weiss. Er stellte kürzlich an der Agrarökonomie-Tagung in Agroscope-Tänikon die Stärken und Schwächen der baden-württembergischen Betriebe vor und erklärte zugleich, was die erfolgreichen Betriebe von den weniger erfolgreichen unterscheidet.

Baden-Württembergs Bauern produzieren häufig Getreide und Milch, bei Schweinen beträgt der Selbstversorgungsgrad in diesem Bundesland rund 50 Prozent. Die durchschnittliche Betriebsgrösse liegt bei 34 Hektar (Schweiz: 20 Hektar). Hier wie dort sind die Betriebe in den letzten Jahren stets gewachsen. Trotzdem blieb der Anteil der Nebenerwerbsbetriebe in Baden-Württemberg über die letzten 30 Jahre konstant bei 63 Prozent.

Haupterwerbsbetriebe eine Minderheit

Im Schweizer Talgebiet werden im Vergleich dazu nur 40 Prozent, im Schweizer Berggebiet 60 Prozent der Betriebe im Nebenerwerb bewirtschaftet. Segger erklärt, warum sich das Verhältnis kaum änderte: „Der Ausstieg aus der Landwirtschaft erfolgt selten direkt. Meistens wird ein Haupterwerbsbetrieb zuerst zu einem Nebenerwerbsbetrieb, der dann von der nachfolgenden Generation aufgegeben wird.“ Die freiwerdenden Arbeitskräfte wandern häufig in die Industrie ab. Der grösste Arbeitgeber Daimler bietet allein mehr als 100‘000 Arbeitsplätzen in Baden-Württemberg und generiert dort einen Umsatz von 100 Mrd. Euro.  

Obwohl die Haupterwerbsbetriebe in Baden-Württemberg eine Minderheit stellen, bewirtschaften sie zwei Drittel der Nutzfläche und halten 80 Prozent der Nutztiere. In der Tierhaltung stellt Segger eine zunehmende Spezialisierung fest. „Früher stockten die Bauern bei einem Bauvorhaben den Tierbestand etwa um die Hälfte auf“, erzählt Segger, „heute wird der Tierbestand gleich verdoppelt.“ Wer 50 Kühe hatte, baut für 100 Kühe, wer 100 Muttersauen hielt, stallt nach einem Umbau 200 Sauen ein. Das macht die Betriebe zwar effizienter, aber mit steigender Spezialisierung auch abhängiger von Preisschwankungen am Markt. Und die nehmen tendenziell zu.

Tierhaltungsbetriebe eher schlechter gestellt

So wie Agroscope die Ergebnisse der landwirtschaftlichen Buchhaltung, veröffentlicht auch die LEL jedes Jahr die Ergebnisse der bäuerlichen Buchführung. Im dem Bericht für das Wirtschaftsjahr 2014/15 steht, dass eine Familienarbeitskraft mit 15‘900 Euro (17'500 Fr.) rund die Hälfte des Vergleichslohns der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung erzielt hat. Wobei der Vergleichslohn laut dem agrarpolitischem Bericht der Deutschen Bundesregierung bei 33‘000 Euro (36'300 Fr.) im Jahr liegt.

In der Schweiz ist der Vergleichslohn mit 74‘000 Franken im Talgebiet und 66‘000 Franken im Berggebiet deutlich höher. Aber auch in der Schweiz erreichten die Bauern den Vergleichslohn bei weitem nicht. Sie kamen im Talgebiet auf rund 50‘000 und im Berggebiet auf rund 33‘000 Fr. Allgemein sind in Baden-Württemberg die Tierhaltungsbetriebe eher schlechter gestellt: Mit durchschnittlich 10‘000 Euro Verdienst pro Arbeitskraft bildeten sie das Schlusslicht, während die Ackerbaubetriebe in etwa den landwirtschaftlichen Mindestlohn (8.50 Euro pro Stunde) erwirtschaften konnten.  

14 Cent für jeden Liter nicht-produzierte Milch

Die Milchmarktkrise brennt auch den Baden-Württemberger Bauern unter den Nägeln. Trotz Abschaffung der Milchquote wird in Deutschland fieberhaft nach einer Möglichkeit zur Milchmengenregulierung gesucht. Segger: „Bis zum 21. September können die Bauern eine Erklärung zum freiwilligen Milchlieferverzicht einreichen.“ Für jeden Liter nicht produzierte Milch erhalten die Bauern dann 14 Cent. Das ist zwar nicht viel, aber immer noch rentabler, als bei jedem Liter draufzulegen. Die Teilnahme an diesem Programm ist freiwillig, der Lieferverzicht gilt ab 1. Oktober und vorerst für drei Monate. Als Vergleichsgrösse wird die Milchliefermenge der gleichen drei Monate des Vorjahres herangezogen.

Wie viele Bauern an dem EU-weiten Lieferverzicht teilnehmen ist offen. Sicher ist nur, dass nicht mehr als 150 Mio. Euro dafür zur Verfügung stehen – damit können maximal 0,7% der Milch-Referenzmenge bzw. 1,07 Tonnen Milch aus dem Verkehr gezogen werden. Wird mehr Milch zum Verzicht angemeldet, wird die Verzichtsmenge der einzelnen Bauern proportional gekürzt. Segger: „Allgemein wird davon ausgegangen, dass der Verzicht überzeichnet wird.“ Wer die angemeldete Reduzierungsmenge nicht voll erreicht, bekommt zwar weniger Verzichtprämie. Wer trotz angemeldeter Reduzierung seine Produktion ausdehnt, muss aber keine Strafzahlungen befürchten. Um die Verzichtprämie zu bekommen müssen mindestens 3’000 kg Milch angemeldet werden, bezahlt wird aber höchsten für 50% der Milchmenge des Referenzquartals. ed

Erlöse decken gerade direkte Kosten

Segger hält nicht viel vom Arbeitsverdienst pro Person, er arbeitet lieber mit dem „Betriebsgewinn“. Und diese Gewinne waren im Wirtschaftsjahr 2014/15 mit durchschnittlich 40‘000 Euro (48'400 Fr.) pro Betrieb deutlich zu tief. „Es sollten mindestens 50‘000 Euro sein.“ Er weist darauf hin, dass in Baden-Württemberg der Betriebsgewinn in der Regel zu zwei Dritteln aus staatlichen Zuschüssen, also Direktzahlungen besteht.

Bei den Ackerbaubetrieben machen die Direktzahlungen sogar beinahe den ganzen Betriebsgewinn aus. Das bedeutet, dass die Erlöse gerade die direkten Kosten decken. Bei Dauerkulturen wie Obst oder Wein ist der Anteil Direktzahlungen kleiner, sie machen bei diesen Produktionsrichtungen rund ein Fünftel des Betriebsgewinns aus.

Je höher Milchleistung, desto höher Gewinn


Aber nicht alle Betriebe stehen schlecht da. Manche Betriebe sind durchaus erfolgreich. So schnitten z.B. Betriebe mit Geflügelhaltung wesentlich besser ab als Betriebe mit Milchvieh. Auch bei der Milchproduktion gibt es grosse Unterschiede: Zwischen dem obersten und unterstem Viertel der Milchviehbetriebe liegen mehr als 60‘000 Euro (66'000 Fr.) Differenz pro Arbeitskraft. Eine Faustregel von Segger lautet: „Pro Milchkuh sollten tausend Euro Betriebsgewinn erwirtschaftet werden.“  

Dieser Wert wurde letztes Jahr nur selten erreicht, aber es gibt eine klare Tendenz: Je höher die Milchleistung pro Kuh, desto höher ist auch der Gewinn. Segger: „Milchleistung, Kuhzahl und Gewinn verlaufen parallel.“ Dass dieser Effekt in der Schweiz nicht in demselben Ausmass auftritt, liegt vermutlich daran, dass sich die höheren Futterkosten für höhere Milchleistungen in der Schweiz nicht immer auszahlen.

Clever vermarkten zahlt sich aus


Die Schweinehaltung ist ein weiteres wichtiges Standbein der Baden-Württemberger Landwirte. Auch in diesem Bereich kämpfen die Bauern mit der Rentabilität: „Selbst das beste Viertel der Betriebe erreicht nur jedes zweite Jahr eine Volkostendeckung“, fasst Segger die Ergebnisse der Buchhaltungen zusammen, „und das obwohl das beste Viertel dreimal so hohe Deckungsbeiträge erzielt wie das schlechteste Viertel.“ Das Erfolgsrezept der besten Sauenbetriebe ist eine hohe Anzahl verkaufter Ferkel pro Sau.

Noch krasser sind die Unterschiede in der Schweinemast: Die besten Betriebe haben viermal so hohe Deckungsbeiträge wie die schlechtesten. Dieser Unterschied lässt sich zu einem grossen Teil auf Unterschiede bei den Verkaufserlösen je Kilo Schlachtgewicht zurückführen. In Baden-Württemberg gibt es viele Möglichkeiten Schweine zu vermarkten. Segger: „Beim Verkauf direkt an den Metzger löst man bis zu 20 Euro mehr pro Schwein.“

Bei den Ackerbaubetrieben lässt sich die Differenz zwischen den besser und schlechter verdienenden Betrieben mit der Grösse und Bewirtschaftungsintensität erklären. „Das besserverdienende Viertel hat grössere Flächen.“ Allerdings haben auch die Marktpreise einen starken Einfluss. „Bei schlechten Getreidepreisen wie 2014/15 waren die grossen Getreidebauern nicht erfolgreicher als kleinflächige Betriebe mit arbeitsintensiven Kulturen.“

Die Rahmenbedingungen werden schwieriger 

Die Landwirtschaft in Baden-Württemberg hat Stärken und Schwächen. Zu den Schwächen gehören ähnliche Faktoren wie in der Schweiz: Die Betriebe sind im europäischen Vergleich eher klein, die Parzellierung – eine Folge der früher üblichen Realteilung – ist gross, die Wegzeiten wegen der oft grossen Hof-Feld-Entfernung sind lang und es gibt teilweise recht herausfordernde Bewirtschaftungsbedingungen an Hanglagen oder im Streuobstbau. Dazu kommen wegen der dichten Besiedlung die immer schwieriger werdenden Genehmigungsverfahren.

Zu den Stärken gehört das gute Klima, das auch den Anbau von Sonderkulturen wie Wein und Tafelobst ermöglicht, die Marktnähe, die sich gut für Direktvermarktung nutzen lässt, die Möglichkeit leicht ein Zusatzeinkommen zu generieren und die regionalen Förderprogramme, die den Bauern zahlreiche zusätzliche Direktzahlungen ermöglichen. Trotzdem vermutet Segger, dass das Wirtschaftsjahr 2015/16 vor allem für Betriebe mit Tierhaltung noch ein wenig schlechter ausfallen wird als das vergangene Jahr. Und das war bereits kein gutes Jahr. 

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