4.09.2018 07:34
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Milchmarkt
Sorgenkind der Milchwirtschaft
Die Cremo zahlte 2017 den tiefsten Milchpreis der grossen Molkereien und schrieb trotzdem einen Verlust in Millionenhöhe. Ein Grund liegt darin, dass sie viel Milch verpulvert. Die Pulverkapazität wird noch ausgebaut.

2,690 Millionen Franken Verlust hat die Molkerei Cremo im Jahr 2017 geschrieben, dies bei einem Umsatz von 498,680 Millionen Franken. Im Jahr zuvor hatte die Cremo noch schwarze Zahlen geschrieben. In der Erfolgsrechnung hatte ein Plus von 631000 Franken resultiert, was angesichts der Grösse des Unternehmens als Mini-Gewinn bezeichnet werden muss. 

Berüchtigt für Tiefstpreise


Ist die Cremo finanziell in einer angespannten Lage, weil sie als Molkerei in Bauernhand ihren Lieferanten gute Milchpreise bezahlt? Leider nein, muss man aus Sicht der Milchproduktion sagen. Laut Zahlen, die der Schweizer Bauernverband im Juli 2017 öffentlich machte, bezahlte die Cremo zu diesem Zeitpunkt franko Rampe für A-Milch nur 55 Rp./kg (der Richtpreis wäre 65 Rp./kg gewesen) und damit am wenigsten von allen grossen Molkereien. Dieser Befund deckt sich auch mit Informationen aus der Branche: Die Cremo ist seit Jahren berüchtigt für ihre Tiefstpreise bei der Suisse-Garantie-Molkereimilch. Bei der Biomilch ist es anders, da zahlt auch die Cremo gut 80 Rp./kg.

Cremo betont im Geschäftsbericht 2017, dass sie auf die Milchbauern Rücksicht genommen habe: «Trotz des massiven Drucks auf ihre Erträge beschloss Cremo, den Milchproduzentenpreis nicht im gleichen Ausmass zu senken, um die Bezahlung ihrer Lieferanten nicht über Gebühr zu verschlechtern.» Cremo klagt im Kapitel «Bruttomarge» des Geschäftsberichts über die Verteiler: «Der Margenrückgang erklärt sich hauptsächlich mit dem Druck der Verteiler auf die Ankaufspreise. Dies zwingt die Molkereien, aktiv zu sein, wenn sie ihre Anteile an A-Milch behalten wollen.» 

Aktionäre 

Die Cremo gehört grossmehrheitlich Bauern. Ende 2017 besass der Freiburger Milchverband (Fédération des sociétés fribourgeoises de laiterie) 47,69% der Aktien. 22,54% besassen Milchlieferanten. 4,83% besass Aaremilch AG, 6,01% Prolait (Fédération), 3,34% Prolait (Milchplattform), 1,20%  Mooh, 5,00%  Walliser Milchverband und 4,97% lagen bei der französischen Milchverarbeiterin Ingredia, an der umgekehrt auch die Cremo beteiligt ist. Das Aktienkapital betrug 14,5 Mio. Fr. Dazu kamen 2,8 Mio. Fr. bedingtes Kapital, das auf eine Pflichtwandelanleihe der Plattform Prolait in der Höhe von 17 Mio. Fr. zurückging, die am 30.6. 2018 von der Anleihe zu Aktien gewandelt wurde. sal

Viele Massengüter

Tatsächlich ist 2017 der Butterpreis in der Schweiz stark unter Druck geraten. Gelitten hat Cremo aber auch massiv unter den historisch tiefen Proteinpreisen auf den internationalen Märkten. 2017 verarbeitete die Cremo 62% der angelieferten Milch zu Milchpulver und Butter. Das Problem ist, dass Butter und Pulver zuhanden der verarbeitenden Industrie relativ wertschöpfungsschwache Kanäle in einem Massengeschäft sind. Hier gelten die Mehrwerte der Schweizer Milchwirtschaft wenig bis nichts. 

Wie hoch ist der Anteil der von Cremo hergestellten Pulver und Proteine, der in Kanäle geht, bei denen es eine Rolle spielt, dass sie aus der Schweiz kommen? Wie hoch ist der Anteil an Produkten, die auf Börsen am Weltmarkt verkauft werden, ohne dass eine irgendwie geartete Swissness in Wert gesetzt werden kann? Cremo-Generalsekretär Thomas Zwald wollte dazu auf Anfrage keine Angaben machen. Mehrere Kenner des Schweizer Milchmarktes sehen vor diesem Hintergrund die Investitionsstrategie der Cremo kritisch. 

Verdoppelung der Milchtrocknungskapazitäten

30 Millionen Franken investiert sie nämlich derzeit in eine Verdoppelung der Milchtrocknungskapazitäten am Standort Villars-sur-Glâne FR. Zwald erklärt dies damit, dass ein Teil der Trocknung von Lucens VD nach Villars-sur-Glâne verlagert wird. Turm 1 in Lucens  werde stillgelegt, weil er die Luftreinhaltenormen nicht mehr erfülle und auch energetisch nicht mehr à jour sei. Im Interview mit der Zeitschrift «Alimenta» sagte Cremo-Generaldirektor Paul-Albert Nobs kürzlich, die Schweizer Milchwirtschaft sei zum Export von Magermilch in irgendeiner Form gezwungen, wenn man Schweizer Butter und Rahm haben wolle. 

Wenn man kein Protein mehr exportieren wolle, müsse man die Milchmenge um 500 bis 600 Mio. kg Milch reduzieren. Nobs betonte, dass Cremo die Proteine ohne jede Stützung exportiere. Für 2018 ist Zwald zuversichtlich, dass Cremo wieder schwarze Zahlen schreiben wird. Hoffen lassen «namentlich der schwächere Franken kombiniert mit einer dynamischeren Nachfrage auf den internationalen Märkten und das erwartete Verkaufsplus beim Käse». Cremo verarbeitet 14% ihrer Milch zu Käse (u.a. Raclette mit Marke «Mazot», Edamer, Sortenkäse). 

Milchlieferanten

1125 Bauern lieferten als Cremo-Direktlieferanten im Jahr 2017 gerundete 182 Mio. kg «Stamm-Milch» ein. Dazu kam Milch von den Pool-Milchhändlern: 69 Mio. kg von der Prolait, 86 Mio. kg von der Aaremilch, 55 Mio. kg von der Mooh. Per 1. Januar 2018 hat Mooh die Vermarktung der Molkereimilch der Prolait übernommen. Bei weiteren 17,5 Mio. kg Milch ist aufgrund des Geschäftsberichts nicht klar, durch wessen Hände sie gingen. Sie sind als «Industriemilch» bezeichnet. Vielleicht ist in dieser Zahl die Milch der Nestlé-Direktlieferanten rund um Broc FR enthalten, die die Cremo zu Kondensmilch verarbeitet. Die Kondensmilch ist unverzichtbare Zutat für die Cailler-Schokolade. sal

Geld aus Branchenfonds?

Ab 2019 könnten der Cremo indirekt Staatsgelder helfen. Nobs sagte zur «Alimenta»: «Die neue Milchzulage ist eine gute Sache.» Bei der Nachfolgelösung zum Schoggigesetz hat Cremo innerhalb der Branchenorganisation Milch (BOM) die Branche quasi erpresst. Das Motto lautete sinngemäss: «Jetzt wollen wir auch etwas von diesen Geldern, und zwar für die Verbilligung von überschüssiger Butter, die wir exportieren müssen. Sonst sorgen die Westschweizer Parlamentarier dafür, dass  es für die neue Zulage kein Geld gibt.» 

Genau genommen ist es ja nicht Staatsgeld, sondern Geld aus einem Branchenfonds, der auch der Cremo zur Verfügung stehen wird. Man könnte den Bauern aber unmöglicherweise dauerhafte Abzüge in der Höhe von mehreren Rp./kg Milch machen, wenn nicht eine entsprechende Milchzulage vom Staat ausbezahlt würde. 

Was geht in Thun?

Laut Aussagen von Bauern in der Region Thun wird am Cremo-Standort in Thun BE, wo traditionellerweise  unter anderem Industriekäse wie Edamer gefertigt wird, keine Milch mehr abgeladen. Das stimme nicht, sagt Cremo-Generalsekretär Thomas Zwald. Also könnte es sein, dass dort viel weniger Milch als früher abgeliefert wird. Die einzige Änderung im Käsebereich betreffe die Vorverpackung, diese werde von Thun nach Sierre VS verlagert. Seit einiger Zeit wird spekuliert, dass der Cremo-Standort Thun, der auf dem Gebiet der Gemeinde Steffisburg BE liegt, bald geschlossen wird. Zwald dementiert: «Für das Areal Thun gibt es derzeit keine anderweitigen Pläne.» sal

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE