15.07.2020 12:44
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Umfrage
SBV will mehr Direktvermarktung
Während des Corona-Lockdowns haben Hofläden von Schweizer Bauern einen Boom verzeichnet. Der Bauernverband will den Schwung nutzen und den Direktvertrieb unterstützen, obwohl der Einkaufstourismus wieder boomt. Sehen Sie für Ihren Betrieb Potenzial beim Direktverkauf? Oder haben Sie bereits ein Angebot? Abstimmen und mitdiskutieren

Die einheimischen Bauernfamilien produzieren gemäss Bauernverband jährlich Güter im Wert von knapp 11 Milliarden Franken. Die Bauern erhalten pro Jahr 2,8 Milliarden Direktzahlungen. «Vier von fünf Franken ihrer Einnahmen generieren die Landwirtschaftsbetriebe über den Verkauf ihrer Produkte. Entsprechend wichtig sind angemessene Produzentenpreise für ihre wirtschaftliche Lage», macht der Schweizer Bauernverband (SBV) deutlich.

«Wertvolles Tor zu den Kunden»

Um die Wertschöpfung auf den Betrieben zu erhöhen, ist die Direktvermarktung ein Weg, um Verarbeitung und Handel zu umgehen. Deshalb will der Bauernverband hier ansetzen. «Für den Direktvertrieb über Hofläden, Wochenmärkte oder Abos gibt es zusätzliches Marktpotenzial», teilte er an einer Medienkonferenz in Subingen SO am Mittwoch mit. 

Von diesen Möglichkeiten wolle man Gebrauch machen, denn der Direktvertrieb sei ein «wertvolles Tor» zu den Kunden. Er schaffe Nähe sowie gegenseitiges Verständnis zwischen Konsumenten und Produzenten. Gemäss Verband schätzen die Kunden beim Direktvertrieb die Saisonalität und Rückverfolgbarkeit, die Informationen zur Produktionsweise, die Margentransparenz und dass dort auch Produkte gekauft werden können.

Vertrauenskapital gegenüber Bauern

Diese Aussagen unterstützt auch Sophie Michaud Gigon, Nationalrätin (Grüne/VD) und Generalsekretärin vom Westschweizer Konsumentenverband. Die Konsumenten bräuchten gesunde, rückverfolgbare, schmackhafte, natürliche, vertrauenswürdige Lebensmittel. «Der Direktverkauf ist der Anfang einer Reaktion auf diese Erwartungen», sagte Gigon.

Schweizer Landwirtinnen und Landwirte könnten hier von einem Vertrauenskapital seitens der Konsumenten profitieren. Und der Brückenschlag bringe auch weitere Vorteile mit sich. «Durch weitere Annäherung von Konsumenten und Produzenten lassen sich künftige Krisen bewältigen», fuhr sie fort. 

SBV bietet Betrieben Hilfe an

Die Direktvermarktung soll weiter ausgebaut werden. Der Bauernverband unterstütze Betriebe gezielt im Direktvertrieb, sagte Direktor Martin Rufer. So gibt es etwa eine kostenlose Internetplattform, mit der Produzenten ihr Angebot bekannt machen und Konsumenten Angebote in ihrer Region suchen können. 

Ausserdem arbeitet der Verband mit dem Zahlungsdienstleister Twint zusammen und fördert die Lieferung an lokale Restaurants. Schliesslich bietet er den Bauernhöfen Verpackungsmaterial für den Verkauf ihrer Produkte an. «Die Direktvermarktung hilft mit, angemessene Produzentenpreise auch in den übrigen Absatzkanälen zu erzielen», hebt der SBV hervor.

Studie spricht von klarem Trend zu Schweizer Produkten

Die ausserordentliche Lage in der Coronakrise habe einen schon länger bestehenden Trend hin zum Direktvertrieb verstärkt, sagte Rufer. Er berief sich dabei auch auf eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Fachhochschule Luzern. Demnach will die Bevölkerung auch nach der Krise mehr auf die regionale Herkunft von Produkten achten und in Hofläden einkaufen.

Auf diese Kriterien wird beim Kauf in einem wachsenden Umfang geachtet. Die Werte werden auch für die Zeit nach der Coronakrise gemäss dem aktuell geplanten Einkaufsverhalten kaum abnehmen. Sie sollen sie gar auf einem wesentlich höheren Niveau als vor der Corona-Krise einpendeln. 95 Prozent aller befragten Personen haben angegeben, seit dem Ende des Lockdowns häufig oder ab und zu auf die Schweizer Herkunft von Gütern des täglichen Bedarfs zu achten. Das sind wesentlich mehr als noch vor der Corona-Zeit – und auch mehr als während des Lockdowns: im April waren es 86 Prozent.

Auch der Preis wird wieder wichtig

Der Häufigkeitsindex (von 0 bis 100) für das Einkaufskriterium «Aus der Schweiz» erhöhte sich um 9 Punkte und für das Kriterium «Regionale Herkunft» um 7 Punkte. «Hier wird eine nachhaltig gestiegene Wertschätzung von lokalen und regionalen Anbieterinnen und Anbietern deutlich», heisst es weiter. 

Doch neben der Herkunft dürfte auch der Preis wieder eine grössere Roll einnehmen. Dies wird in der Studie ersichtlich. Gegenüber der Zeit während des Lockdowns wird wieder stärker auf Aktionen und günstige Preise geachtet. «Aktuell achten beispielsweise 55% der Befragten häufig auf Aktionen, während dies während des Lockdowns lediglich 38% taten», heisst es in der Studie.

Einkaufstourismus wieder stark zunehmend

Dass der Preis eine wichtige Rolle einnimmt, wird seit der Öffnung der Grenzen Mitte Juni ersichtlich. Der Einkaufstourismus hat wieder stark zugenommen. «Wir haben den Einkaufstourismus ab Tag eins der Grenzöffnung wieder gespürt», sagte Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen vergangene Woche im Interview mit der «NZZ». Der Einbruch lag laut Zumbrunnen im zweistelligen Prozentbereich. Heute lägen die Verkäufe der Migros wieder ungefähr auf dem Niveau von vor den Grenzschliessungen.

In der Südschweiz war der Effekt weniger gross. «Es scheint, dass die Tessiner noch keine grosse Lust haben, in Italien einzukaufen», erklärte der Migros-Chef. Wo sich der Einkaufstourismus einpendeln wird, sei noch nicht ganz klar. «Unsere Konkurrenten im nahen Ausland waren in den letzten Wochen preislich besonders aggressiv, da sie unter dem Ausbleiben der Schweizer Kunden sehr stark gelitten hatten», so Zumbrunnen weiter.

Kaufen vor allem Lebensmittel

Dass zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer wieder im Ausland einkaufen, bestätigt auch der deutsche Zoll. Wie viele Ausfuhrscheine genau abgestempelt wurden, nennt der Zoll nicht. «Bei den Kollegen besteht aber nicht der Eindruck, dass das Abfertigungsaufkommen auffällig abgenommen hätte», sagte Antje Bendel, Sprecherin des Hauptzollamts Lörrach, vergangene Woche zur «Aargauer Zeitung».

Die Einkaufstouristen verteilen sich nun neu über die ganze Woche. Frank Sattler vom Gewerbeverein Rheinfelden/Baden hat eine Beobachtung gemacht. «Die Einkaufstouristen kaufen vor allem Lebensmittel», sagte er zu «Aargauer Zeitung».

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Direktvermarktung 

Gemäss der letzten Statistik waren 2016 knapp 22 % der Betriebe in der Direktvermarktung aktiv. Setzt man die Entwicklung linear fort, dann ist es heute jeder vierte Betrieb. Zirka 7 % des Gesamtertrages der Schweizer Landwirtschaft von knapp 11 Milliarden Franken wird in Hofläden, an Wochenmärkten oder im Abo direkt vermarktet. Der Anteil ist je nach Produkt unterschiedlich gross. Besonders bedeutsam ist die Direktvermarktung bei Kirschen (geschätzt 40 %), Eiern (geschätzt 30 %), Beeren (geschätzt 20 %), anderem Obst und Wein (geschätzt 10 %). Gemüse, Kartoffeln oder Rindfleisch dürfte sich im durchschnittlichen Bereich bewegen, während sie bei Milch, Getreide, Geflügel- oder Schweinefleisch kaum ins Gewicht fällt (geschätzt <1 %). In bevölkerungsreichen und stadtnahen Regionen wird generell mehr direkt vermarktet. sbv

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