22.12.2014 11:38
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Geothermie
Ostschweiz: Fehlstart für Geothermie
2014 war das Jahr der Ernüchterung für die Geothermie: Das Projekt in St. Gallen musste schrittweise beerdigt werden, die Pläne für den Oberthurgau wurden vorläufig aufgegeben. Klar ist inzwischen: Das Erdbebenrisiko lässt sich nicht ausschalten. Kommt es 2015 trotzdem zu einem Neustart?

Für einmal hätte die Ostschweiz eine Pionierrolle gespielt: In St. Gallen erreichte die Geothermie-Bohrung im Sommer 2013 die notwendige Tiefe und es wurde Heisswasser entdeckt - wenn auch nur wenig. Wäre danach nicht alles schief gelaufen, hätte das Vorhaben zum Vorbild für ein ähnliches Projekt im Oberthurgau werden können.

Dort stand der erste konkrete Schritt, die Erstellung einer 3-D-Seismik im Gebiet zwischen Arbon, Romanshorn und Amriswil, kurz bevor. In der Ostschweiz hätten danach in absehbarer Zeit zwei Geothermie-Kraftwerke in Betrieb gehen können - als Vorbild für den Rest der Schweiz. Doch dann kam der 20. Juli 2013, als die Arbeiten am Bohrloch im Sittertobel ein Erdbeben mit der Stärke 3,5 auslösten.

Das Jahr der Rückschritte

2014 wurde danach zum Jahr, in dem die Pionierprojekte schrittweise beerdigt wurden. In St. Gallen bleibt inzwischen nur noch die kleine Hoffnung übrig, das im Untergrund gefundene Gas und das heisse Wasser doch noch irgendwie zu nutzen. Man werde darüber voraussichtlich Ende Januar informieren, erklärte Stadtrat Fredy Brunner auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Zuerst wolle man genau abklären, wie gross das Gas-Vorkommen überhaupt sei.

Nach dem Erdbeben im Juli 2013 in St. Gallen dauerte es bis zum Dezember 2014, bis die Elektrizitätswerke Thurgau AG (EKT) offiziell die Aufgabe der Pläne für ein hydrothermales Geothermie-Kraftwerk in der Region Oberthurgau bekannt gaben und das dafür gegründete Konsortium auflösten.

Historische Erdbeben als Warnung

Der Standort wäre in der selben Störungszone gelegen, wie das Projekt in St. Gallen. Die Bohrung im Sittertobel hatte zwar gezeigt, dass es dort heisses Wasser gibt, wenn auch nicht in der erhofften Menge.

Aber es handelt sich dabei auch um die gleiche Verwerfungszone, in der sich in den letzten 300 Jahren schwere Erdbeben ereignet hatten: Das Beben von Arbon 1720 und das Beben von Abtwil 1835, für die beide eine Stärke von 4,7 berechnet wurde. Und der Erdstoss in St. Gallen 2013 hat bewiesen, dass diese Zone weiterhin aktiv ist.

Thurgau will weiterfahren

Der EKT AG ist deshalb das Risiko für ein ähnliches Projekt zu gross. Man denke nun über alternative Technologien nach, sagte Jolanda Eichenberger, CEO der EKT, anfangs Dezember der sda. Zudem wolle man zuerst die Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen abwarten.

Bedeutet das Erdbebenrisiko das Ende für die Geothermie in der Ostschweiz? Im Kanton St. Gallen gibt es keine Projekte mehr. Anders im Kanton Thurgau: Dort scheint der Wille, auf erneuerbare Energie aus dem Untergrund zu setzen, weiterhin gross zu sein. Dies zeigten verschiedene Parlamentsdebatten in den letzten Wochen.

Bald werden mit dem neuen kantonalen Gesetz über die Nutzung des Untergrunds die meisten Rahmenbedingungen geklärt sein. Auch nach einer Lösung für die Versicherungsfragen wird gesucht.

Auftrag der Thurgauer Regierung

Zudem gibt es dort nicht nur den Auftrag der Thurgauer Regierung an die EKT für ein konkretes Projekt: Die Geo-Energie Suisse AG plant in Etzwilen Bohrungen für ein petrothermales Geothermie-Kraftwerk. Dabei wird in der Tiefe Gestein aufgebrochen, in das Wasser hineingepumpt wird, das nach der Erwärmung als Energiequelle genutzt werden kann.

Auch dieses Projekt ist auf Standby geschaltet: Man wolle vor der Eingabe einer Konzession zuerst noch die Klärung von Rahmenbedingungen abwarten, hatte die Geo-Energie Suisse AG im September mitgeteilt.

Erdbeben-Risiko gehört dazu

Wie es mit der Pionierrolle der Ostschweiz in der Geothermie weitergeht, wird sich deshalb 2015 spätestens dann zeigen, wenn es nicht mehr darum geht, Gesetze zu erlassen oder Versicherungsfragen zu klären - sondern um Investitionen. Beispielsweise dann, wenn die sieben bis acht Millionen Franken gesprochen werden müssen, die es für eine 3-D-Seismik für den Oberthurgau braucht.

Das Beispiel St. Gallen zeigt, dass das Erdbeben-Risiko zu Geothermie-Projekten dazugehört. Das führt zu heiklen Entscheidungen, die jemand treffen muss. Er würde sich freuen, wenn es nach den Erfahrungen in St. Gallen weitergehe mit der Geothermie, sagte dazu Fredy Brunner, der im März als Stadtrat zurücktritt. «Aber ich verstehe auch, wenn man den Mut dazu nicht hat.»

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE