20.07.2015 08:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Götz, lid
Zürich
"Nicht jammern, sondern innovativ sein"
Daniel Maag hat keine Maschine erfunden, aber ist trotzdem ein Erfinder und Tüftler. Er denkt sich unkonventionelle Wege aus, um nachhaltig und zugleich rentabel zu wirtschaften.

"Es macht Megaspass zu bauen", sagt Daniel Maag auf dem Biohof Wiesengrund in Oberglatt ZH. Er ist dabei, einen grossen Stall aus Rundholz zu bauen. Neben dem Stall liegt eine Vielzahl geschälter Baumstämme. "Wir haben eine grosse Auswahl", sagt der Landwirt. Nichts ist normiert oder vorgefertigt; die Stämme müssen zusammenpassen oder man muss sie durch geschicktes Fräsen anpassen.

Auch wenn die Zimmermannsarbeit Spass macht, so ist sie doch eine Herausforderung für den Landwirt, der zwar einen eigenen Wald besitzt, aber nicht Zimmermann gelernt hat. Er baut den Stall zusammen mit Freunden, einem Angestellten und anderen Personen, die er auf dem Hof betreut.

Wunschtraum Mango- und Kiwi-Anbau

So ungewöhnlich wie das Baumaterial sind auch die Pläne für den Stall. Denn es sollen nicht nur Kühe darin leben, sondern auch ein Gewächshaus darin Platz finden. "Mangos und Kiwis sind mein Traum", schwärmt der Landwirt. Das Licht wird durch eine Glaskuppe über dem First einfallen und die Abwärme des Solardaches soll im Winter das Gewächshaus heizen. Doch der Landwirt will keine Hightech-Anlage erstellen, sondern – wie er sagt – einen Gegenpol zur Industrialisierung schaffen, nämlich für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Trotzdem war es nicht einfach, eine Baubewilligung zu erhalten. Während vier Jahren hatte der Landwirt mit den Behördenvertretern diskutiert, bis diese verstanden, dass hier kein Vergnügungspark entstehen soll. Daran dachten sie, weil der Landwirt mit seinem Stall auch Besucher anlocken möchte. "Ich brauche eine Attraktion im Stall", erklärt der Landwirt. Denn er und seine Frau bewirten auf dem Hof Gäste. Eine Bewirtung alleine genügt nicht, damit zum Beispiel Firmen ihre Mitarbeiteranlässe auf dem Hof feiern. Die Leute wollen auch etwas erleben.

Gratisattraktion Flugzeuge

Die Gästebewirtung ist neben der Milchwirtschaft und dem Acker-/Gemüsebau ein Betriebsstandbein, das die Familie in den letzten Jahren aufgebaut hat. Den ehemaligen Schweinestall haben sie zu einem Eventraum umgebaut. Bäuerin Susanne Maag organisiert dort kleinere und grössere Feste wie Hochzeiten oder Geburtstage. Auch Ausflugcars machen auf dem Betrieb Halt.

Für eine Gratisattraktion sorgen die Flugzeuge, die auf dem nahe gelegenen Flughafen Kloten zum Start oder zur Landung ansetzen. Wie übergrosse Schwäne sieht sie der Besucher die Flugzeuge auf die Landebahn zusteuern. Man könnte meinen, sie landen gerade hinter dem Feld.

Mobiler Melkstand

Die Familie Maag mit vier kleinen Kindern lebt bäuerlich und bescheiden. Nach dem Tischgebet schöpft die Bäuerin den Kindern und Mitarbeitern. Unter dem Tisch im Freien sucht sich ein Huhn das, was vom Essen hinunterfällt. Luxus und Geld sind offensichtlich nicht das Ziel des Landwirtes und seiner Frau. "Unser Betrieb soll nachhaltig, tierfreundlich, sozial und wirtschaftlich sein", nennt der Landwirt seine Ziele.

Zur Nachhaltigkeit gehört, dass der Betrieb wenig Energie benötigt. Als Beispiel nennt der Landwirt die mobile Melkanlage, mit der er auf die Weide zu den Kühen fährt. Im Sommer sind die Kühe fast immer auf der Weide und suchen sich ihr Futter selber. Das spart nicht nur Arbeit und Energie, sondern erleichtert dem Landwirt auch die Fruchtfolge.

Muttergebundene Kälberaufzucht

Es macht dem Landwirt offensichtlich Freude, unkonventionelle, naturgemässe Produktionssysteme zu entwerfen. So lässt er die Kälber zusammen mit den Müttern auf die Weide. Sie dürfen an ihnen saugen. Die Milch, die übrig bleibt, wird gemolken. Man nennt dies etwas umständlich "muttergebundene Kälberaufzucht". Es bleibt dem Landwirt auf diese Weise zwar weniger Milch zum Verkauf, aber die Kälber sind gesünder und die Mütter nehmen wieder besser auf.

"Fruchtbarkeit und Nachwuchs sind mir wichtiger als die Milchleistung", sagt der Landwirt. "Schön wäre es, ich könnte dabei mit einem anderen Betrieb zusammenarbeiten", führt der erfinderische Landwirt weiter aus. Wenn seine Kälber etwa einen Monat alt sind, könnte er sie einer Ammenkuh ansetzen und einem Partner geben, der sie sozusagen in einem arbeitsteiligen Verfahren aufzieht. Er selbst könnte sich dann mehr der Milchproduktion widmen. So liesse sich naturgemäss und zugleich wirtschaftlich produzieren.

Auch Handarbeit bietet Chancen

Die landwirtschaftliche Nutzfläche des Betriebes beträgt 31 ha, davon dienen etwa 21 ha für den Ackerbau. Der Acker- und Gemüsebau bilden das wirtschaftlich wichtigste Standbein für den Betrieb. Auf 10 ha vermehrt der Landwirt biologisches Weizen- und Dinkelsaatgut, baut 5 ha Rüebli an, 2,5 ha Kartoffeln, 2 ha Konservenerbsen und 2 ha Silomais. Die restlichen 10 ha sind Wiesen und Weiden.

Der Gemüseanbau, der viel Handarbeit benötigt, lässt sich gut mit der Betreuung sozialorigineller Personen verbinden. Das sind Menschen, die sich nicht leicht in die sozialen Strukturen einpassen lassen und auf dem Hof zeitweise eine Heimat finden. Diesen Menschen zu helfen, ist die soziale Ausrichtung des Hofes. Offen und unkompliziert sein, sind Voraussetzungen dafür.

Doch was treibt den Landwirt dazu an, so viele Sachen auf seinem Hof auszuprobieren? "Ich liebe es, mir etwas auszudenken und zu sehen, wie es herauskommt", sagt der Landwirt. Der Umbruch in der Landwirtschaft biete dazu viele Chancen. Ein Landwirt muss nicht immer produzieren, sondern er kann auch Dienstleistungen erbringen, sei es in der Gastronomie oder in der sozialen Betreuung von Menschen. Allein tiefe Preise zu beklagen, bringe einen nicht weiter. "Wenn du nicht jammerst, bist du innovativ", bringt es Maag auf den Punkt.

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