12.06.2017 08:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Bossert, lid
Thurgau
Mehrere Standbeine sind nötig
Die ländliche Idylle trügt. Neben dem Hof von Susanne und Ueli Iseli rauscht die Autobahn, ihre Äcker grenzen an die nahen Überbauungen der Stadt Frauenfeld, das Naherholungsgebiet liegt vor der Haustüre – inklusive die Hundesäcklein.

Weil sich auf dem Hof von Susanne und Ueli Iseli (51) in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen und Tiere begegnen, nennen sie ihren Hof im Weiler Bethelshausen in der Gemeinde Gachnang, Begegnungsoase. Ein Ort, wo sich Menschen und Tiere näherkommen, erklärt Susanne Iseli (46) und zeigt auf das neu gebaute Blockhaus und die verschiedenen Tiere, die sich wie selbstverständlich auf dem grosszügigen Hofplatz tummeln.

Vierte Generation

Ueli Iseli ist auf diesem Hof aufgewachsen und betreibt ihn in der vierten Generation, zusammen mit Susanne, einer gelernten Biomedizinischen Analytikerin, die immer schon tiervernarrt war und sich ein Leben auf einem Bauernhof sehr gut vorstellen konnte. 1993 haben sie geheiratet, es folgten fünf Kinder, die heute erwachsen sind, aber noch zu Hause leben.

Man betrieb Milchwirtschaft mit Acker- und Futterbau. Zwischenzeitlich setzte man auch auf Gemüsebau. Susanne blieb ihrem Beruf treu und arbeitet seit bald 20 Jahren Teilzeit in einer Landarztpraxis in der Region. "Mehrere Standbeine sind auf unserem Betrieb nötig", sagt sie ganz selbstverständlich und beginnt mit Erzählen.

Spielgruppe als Milchgeldersatz

Im 2005 hätte man einen neuen, gesetzeskonformen Stall bauen müssen. Man entschied sich, von der Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung umzusteigen und so kamen die ersten drei Rätischen Grauviehkühe mit ihren Kälbern auf den Hof. Bis heute sind die Nachkommen von Goldiva, Fanny und Firmina zu einer stattlichen Herde von acht Mutterkühen mit Kälbern, vier Rindern und acht Ochsen herangewachsen - der ganze Stolz von Ueli Iseli.

Gleichzeitig liess sich die Bäuerin zur Spielgruppenleiterin ausbilden, weil sie merkte, dass viele städtische Familien eine solche Einrichtung für ihre Kinder suchten. "Waldspielgruppen hatte man schon, doch mit einer Spielgruppe auf dem Bauernhof waren wir bei den Pionieren im Thurgau", erzählt sie strahlend. Die Idee schlug ein, man baute ein grosses Tipi für das Geschichtenerzählen, ansonsten waren die Kinder mit ihren Leiterinnen draussen bei den Tieren. Deren Anzahl nahm stetig zu.

Blockhaus statt Tipi

Zu Grauvieh, Esel, Pferden, Ziegen, Hasen, Hühnern und Gänsen kamen noch sieben Alpakas und drei Milchschafe dazu. Auch wenn man bis 65 Kinder in bis zu fünf Gruppen aufnahm, bestand fast die ganze Zeit eine Warteliste. Die Kinder kamen aus einem grossen Einzugsgebiet, das sich zwischen Winterthur, Frauenfeld und Weinfelden erstreckte. "Eine herrliche Zeit", sagt Susanne, obschon es auch sehr streng war und eine grosse Administration mit sechs Angestellten erforderte. Auch das Einkommen liess sich sehen, der Lohn ersetzte das Milchgeld.

Nach neun Jahren Spielgruppenbetrieb auf dem Hof war das Ehepaar Iseli müde. Es reifte die Idee, das Tipi abzubrechen und am selben Platz ein Blockhaus zu bauen, in dem man Gäste bewirten kann. Durch die vielen Spielgruppenkinder und ihre Familien waren sich die Iselis den Besucheraufmarsch gewohnt, oft habe sie Leute bewirtet. Warum also nicht vermehrt auf dieses Standbein setzen? Zwischenzeitlich habe man auch angefangen, das eigene Fleisch, saisonales Gemüse und Eier zu verkaufen, die Spaziergänger kaufen gerne ab Hof ein und viele Velofahrer nutzen das Angebot ebenfalls.

Serie "Stadtbauern"

Landwirtschaft wird nicht nur auf dem Land praktiziert, sondern auch auf städtischem Gebiet. In der Stadt Zürich werden beispielsweise 900 Hektaren landwirtschaftlich genutzt. Auf Stadtberner Boden gibt es knapp 40 Bauernfamilien, in St. Gallen sind es fast 60. Ab Februar 2017 stellen wir monatlich Bauernfamilien vor, die vor den Toren einer Stadt Landwirtschaft betreiben. Welches sind die damit verbunden Herausforderungen, wo liegen die Chancen der stadtnahen Lage?

Hundesäcklein und graues Brot

"Es ist ein Geben und Nehmen", sagt Ueli und erzählt, dass es natürlich auch Negatives gebe in der Landwirtschaft in Stadtnähe. Seit auf der Frauenfelder Allmend die neue Benutzerordnung gelte und die Hunde an der Leine geführt werden müssen, verlagern viele Hundehalter die Spaziergänge in ihre Gegend, erzählt das Paar. Deshalb sei es heute nicht mehr möglich, die Strassenränder, welche sie nach ökologischen Richtlinien bearbeiten, als Futter zu nutzen.

Zu viele Hundesäcklein liegen zuweilen im Gras, und wenn dieser Unrat mal unbeabsichtigt im Tierfutter landen würde, wäre es noch viel schlimmer als ohne Sack. Denn so könnte der Kot nicht mal mehr durch den Regen etwas weggespült werden und das Wachstumsklima für schädliche Keime würde sogar verbessert, erklärt Ueli. Auch das achtlose Wegwerfen von anderem Unrat sei bei ihren Feldern nahe der Wohnüberbauungen und vor allem auch den Strassen entlang ärgerlich.

"Brot abgeben, nicht selber füttern"

Als zunehmend Spaziergänger und Velofahrer anfingen, ihre Tiere zu füttern, mussten sie energisch eingreifen und haben ein Schild angebracht, dass sie gerne altes Brot für die Tiere annehmen, dass sie aber nicht wollen, dass das Brot selber verfüttert werde, erzählt Susanne. Die meisten Leute fragen nach, doch es gebe einfach auch diejenigen, die den Tieren achtlos weiches, oder graues Brot hinstrecken, was zu gesundheitlichen Problemen führen könne.

Auch gehen einzelne Spaziergänger während der Vegetationszeit achtlos über die Felder und zertreten das Gras, ohne sich dabei etwas zu denken. "Wir haben uns arrangieren müssen, denn allgegenwärtiger Ärger frisst zu viel Energie", sind sie sich einig. "Es gibt beim Zusammenleben einfach immer zwei Seiten.» Sie seien sich auch bewusst, dass die Geruchsimmissionen und der Lärm beim Ausbringen der Jauche, je nach Windrichtung, auch nicht sehr angenehm seien, erklärt das Paar.

Information tut Not

Was in finanzieller Sicht früher die Spielgruppe leistete, haben heute die Schule auf dem Bauernhof (SchuB) und die Anlässe für Gesellschaften im Blockhaus wettgemacht. Auf dem Hof von Iselis sind sowohl Schulklassen aus dem Thurgau wie auch aus den Kantonen Zürich und Schaffhausen zu Gast. Susanne ist vom Projekt SchuB begeistert und möchte diese spannenden Halb- oder Ganztage nicht missen. Noch seien die Vor- und Nachbereitungen der Lektionen intensiv und das Vortragen herausfordernd, erzählt die Bäuerin. Doch Herausforderungen bringen auch Erfolg, stellt sie fest und erwähnt gleichzeitig, dass auch der Betrieb im Blockhaus nicht ganz so reibungslos angelaufen sei.

"Unsere Stärken und Schwächen mussten sich zuerst herauskristallisieren um die Arbeitsteilung zu optimieren", erzählt das Paar. Heute sind sie sich einig, dass sie es nun besser im Griff haben zusammen und dass sie 30 Personen mit Grilladen, Salaten, Pizzen oder mit Fondue bewirten können. Was sie sich noch vorgenommen haben, ist eine bessere Information für Gäste, Spaziergänger und Velofahrer. „Wir müssen den Leuten erklären, was wir auf unserem Hof machen, weshalb wir so viele verschiedene Tiere haben und was wir ihnen auch Spannendes zu bieten haben“, erklärt Susanne Iseli.

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