2.11.2019 08:23
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Nidwalden
Lebensnerv sind zwei Luftseilbahnen
In Nidwalden gibt es mehrere Bauernhöfe, die nur per Seilbahn erschlossen sind. Toni Arnold aus Wolfenschiessen muss sogar zwei Seilbahnen nutzen, um von der Oberalp ins Tal zu gelangen. Doch für ihn ist das normal.

Toni Arnold lebt mit seiner Frau Sandra Bachmann und drei Kindern auf 1413 Meter über Meer. Der Stall für seine rund 40 Mutterkühe samt Aufzucht- und Mastkälbern – er hält Rätisches Grauvieh – befindet sich direkt neben seinem Wohnhaus, die Seilbahn-Station gleich zur Linken.

Ehefrau aus der Stadt

Direkt über seinem Daheim beginnt das Alpgebiet, insgesamt etwa 110 Hektaren, die er zum grösseren Teil gepachtet hat, und 17 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche direkt darunter. Für ihn ist es aber ganz normal hier oben zu leben, wie er selbst sagt. Er ist da aufgewachsen, zusammen mit drei Geschwistern, und kennt nichts anderes. Obschon er kurzeitig mal woanders lebte, konnte er sich nie etwas anderes vorstellen, als den Betrieb seines Vaters weiterzuführen. 50 Jahre alt war sein Vater, als er ihm den Hof übergeben hat. 

Anders Sandra Bachmann, mit der er seit fünf Jahren verheiratet ist. Sie ist mitten in der Stadt Zürich in einer Genossenschafts-Wohnung aufgewachsen, Freunde und Familie sind immer noch dort. In Zürich hat sie sich als Gestalterin ausbilden lassen, arbeitete dann mit geistig behinderten Kindern. «Ich wollte nach meiner Ausbildung auch mal einen Sommer lang körperlich arbeiten», erzählt sie. Nach einem ersten Sommer in Graubünden kam Sandra Bachmann ein Jahr später auf eine nahe gelegene Ziegenalp, wo auch Arnolds Bruder war.  

Mit zwei Seilbahnen in Kindergarten

So kam Sandra Bachmann als Angestellte auf Arnolds Hof – genau zu der Zeit, als seine erste Ehe in die Brüche ging. Für die vier Kinder aus erster Ehe wurde sie eine Freundin. «Sie hat auch mir geholfen, mich über Wasser zu halten», meint Arnold heute. Die Liebe, die sich daraus entwickelte, führte zur Heirat und nach vier Kindern aus erster Ehe zu noch drei weiteren Kindern: Juri, Mitja und Ina. Der älteste der drei, Juri, besucht inzwischen den Kindergarten.

«Zu Beginn des Schuljahrs habe ich ihn noch begleitet», erzählt die Mutter. Mit zwei Seilbahnen hinunter ins Tal, von dort mit einem Kindervelo bis zum Dorfrand von Wolfenschiessen und dann noch zu Fuss bis zur Schule. Doch nach weniger als zwei Wochen schaffte Juri den Weg bereits allein. Meist wird er allerdings von der etwas älteren Tochter eines Nachbarn, die zur Schule muss, begleitet, selbst wenn das für Juri bedeutet, schon morgens 7.15 Uhr mit der Seilbahn runterzufahren und er fast eine Stunde zu früh im Kindergarten ist.

Bäuerinnenschule besucht

Anfangs sei Bachmann noch zwischen Nidwalden und Zürich gependelt. Zwei, drei Jahre lang, erzählt sie – in dieser Zeit hat sie am Strickhof die Bäuerinnenschule besucht. «Ich habe meine Arbeit in Zürich gern gemacht, mit der Zeit begann ich mich aber immer mehr darauf zu freuen, nach Nidwalden zurückzukehren, als von da wieder in die Stadt zu fahren», erzählt sie.

Inzwischen ist sie Bäuerin und Mutter, und geniesst die Vorteile, die sich daraus ergeben. «Ich kann morgens raus in den Stall, so wie ich gerade bin», erzählt sie, «und muss nicht mehr erst mal in vollgestopften S-Bahnen und Trams durch die ganze Stadt fahren, bevor ich mit der Arbeit beginnen kann.»

Die Kinder immer dabei

Ausserdem biete die Landwirtschaft den Vorteil, dass man die Kinder immer bei sich haben kann – ob beim Heuen oder beim Zäunen. «Man kann gleichzeitig für die Kinder da sein und etwas zusammen machen», erzählt sie. Schön sind vor allem die Momente im Winter, wenn die ganze Familie zusammen im Stall ist. 

Runter fahren die beiden in der Regel einmal im Monat für einen Grosseinkauf im Einkaufszentrum. «Da geben wir um 1000 Franken aufs Mal aus», erzählt Arnold. Das einzig Umständliche dabei ist, die ganzen Einkäufe vom Auto in die Seilbahn zu bringen, dann der Umlad von der ersten in die zweite Seilbahn, wobei zwischen den beiden eine Distanz von etwa 50 Meter liegt, und schliesslich noch von der Bergstation der zweiten Seilbahn ins Haus. 

Kostspieliger Unterhalt

Die Seilbahn ist für ihn so etwas wie der Lebensnerv. «Hätten wir die Seilbahn nicht, könnten wir nicht ganzjährig da wohnen», betont er. Von Dallenwil her gibt es zwar eine Alp-Erschliessungsstrasse, die an seinem Hof vorbeiführt. Sie ist jedoch nur im Sommer befahrbar. Umso wichtiger ist es für ihn, dass die Seilbahn erhalten bleibt. Aus diesem Grund wurde vor zwei Jahren auch der Seilbahn-Verband Nidwalden gegründet.

«Wir müssen uns wehren, dass unsere Bahn, deren Sicherheit nach wie vor gewährleistet ist, nicht abgestellt wird», betont Arnold. Obschon der Unterhalt der Seilbahn kostspielig ist. «Wir rechnen mit jährlichen Kosten von 20'000 bis 30'000 Franken », schätzt er. Viele Arbeiten kann Arnold jedoch selbst ausführen. Periodisch müssen das Zugseil, die Tragseile und die Aufhängung der Kabine sorgfältig auf Risse geprüft werden - das geschieht durch Röntgen. 

«Die Seilbahn kostet uns zwar viel», räumt Toni Arnold ein, «sie ist aber auch bequem.» Dank der Selbstbedienung, die seit wenigen Jahren erst möglich ist, sei die Fahrt in der Seilbahn inzwischen sogar so einfach geworden, als würde man in einem Hochhaus den Lift nutzen. 

Mit dem Kalb am Halfter

Ausserdem kann Arnold die Bahnen zu praktisch jeder Tages- und Nachtzeit nutzen. Nicht selten nimmt er auch schlachtreife Kälber mit in die Kabine. «Obschon ich Mutterkühe habe, halte ich sie angebunden und trainiere ihnen den Kontakt zum Menschen an, so kann ich Kälber leichter am Halfter in die Seilbahn mitnehmen.» Was nebenbei auch noch einen anderen Vorteil hat. Um nämlich an Frischmilch zu kommen, melkt er von Kühen, die mehr als genug Milch haben, erst mal etwa fünf Liter Milch für sich selbst – bevor er jeweils morgens und abends die Kälber an die Euter lässt. 

Und dann erzählt Arnold noch, dass längst nicht nur er abgelegen wohnt. «Vor ein paar Wochen habe ich zwei Kühe ins Aversertal nach Graubünden gebracht. Wer dort lebt, braucht deutlich länger, um in eine Stadt zu kommen, als wir», so Arnold. Um nach Wolfenschiessen zu kommen benötigt er dank Seilbahn gerade mal 15 Minuten, und etwa 15 weitere Minuten später ist er in Stans. 

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