15.05.2020 14:46
Quelle: schweizerbauer.ch - Jonas Ingold, lid
Bio Suisse
«Konventionelle Lebensmittel viel zu billig»
Die Bio-Landwirtschaft ist letztes Jahr erneut gewachsen. Bio-Suisse-Geschäftsführer Balz Strasser spricht im Interview über die Corona-Folgen, wieso Bio-Umsteller zufrieden sind und weshalb konventionelle Lebensmittel zu günstig sind.

Bio ist 2019 weiter gewachsen und hat die 10-Prozent-Marke beim Marktanteil geknackt. War 2019 ein durch und durch gutes Jahr oder gab es Baustellen? 
Balz Strasser: Es gab Baustellen, sie sind aber seit der Corona-Krise wieder aufgehoben. Letztes Jahr gab es bei Getreide und Milch eine Überproduktion, was für uns nicht einfach war. Wir versuchen mit unseren Marktbetreuungsmechanismen das Angebot und die Nachfrage im Lot zu halten. Das ist in den beiden erwähnten Bereichen nicht immer gelungen. Seit wir aber coronabedingt im März und im April 20 bis 30 Prozent mehr Umsatz haben, hat sich vieles beruhigt.

Wird das langfristig so bleiben oder ist dies nur eine kurzfristige Folge von Corona?
Ich denke, das wird langfristig sein. Erstens wird uns Corona noch lange beschäftigen und es wird nicht übermorgen alles beim Alten sein. Bis sich alles normalisiert hat, wird es einige Zeit dauern. Paradoxerweise profitieren wir aktuell davon, dass wir in der Gastronomie nicht so stark vertreten sind und mehr über den Detailhandel verkaufen. Deshalb hat uns die Schliessung der Gastronomie weniger betroffen. Ich gehe zudem davon aus, dass die Bevölkerung längerfristig mehr zuhause sein wird und selbst kocht. Dann greifen die Leute auch eher zu Bio. Allenfalls könnte auch das Haushalts-Budget für Lebensmittel steigen, weil für andere Bereiche wie Reisen weniger Geld ausgegeben werden kann. Davon könnten nachhaltige Produkte profitieren.

Bioprodukte sind teils deutlich teurer als konventionelle Ware. Ist Bio zu teuer oder das Konventionelle zu billig?
Viele konventionelle Lebensmittel sind viel zu billig. Viele Externalitäten, die auch mitproduziert werden, sind dort im Preis schlicht nicht berücksichtigt und müssen durch die Gesellschaft getragen werden, das ist problematisch. Man kann den Preis von konventionellen Lebensmitteln deshalb nicht mit jenem für Bio-Lebensmittel vergleichen. Bio-Produkte weisen weniger oder gar keine solchen externen Effekte auf.

Schaut man sich Umfragen oder Aussagen aus der Bevölkerung an, könnte man meinen, alle kauften Bio. Dennoch liegt der Marktanteil erst bei gut 10 Prozent. Wie können die Bio-Verkäufe gesteigert werden?
Es ist eine komplexe Angelegenheit. Wir beobachten, was die Leute sagen und was dann im Laden tatsächlich passiert. Besser als zu reden, wäre es natürlich, im Laden zu nachhaltigen Produkten zu greifen und dafür auch entsprechend zu bezahlen. Da muss ich die Konsumenten stärker in die Pflicht nehmen: Geht in den Laden und kauft das Richtige, sprich Bio. Dann braucht es auch weniger politische Initiativen und sehr vieles würde sich sehr schnell ändern. Wir von Bio Suisse müssen den Konsumentinnen und Konsumenten noch besser aufzeigen, was Bio alles bewirkt bezüglich Nachhaltigkeit. Das müssen wir immer und immer wieder mit guten Kampagnen erklären. Hier sind für uns die Kosten gross angelegter Kampagnen aber ein limitierender Faktor.

Bio knackt die 10-Prozent-Grenze

Mit 10,3 Prozent Markanteil haben die Bio-Lebensmittel in der Schweiz erstmals die 10-Prozent-Hürde übersprungen. In der Westschweiz wuchs Bio letztes Jahr stärker als in der Deutschschweiz. In der Westschweiz betrug das Wachstum 4,7 Prozent, in der Deutschschweiz 3,1 Prozent. Auch bei den Marktanteilen hat die Westschweiz die Bio-Nase etwas weiter vorn und bringt es auf 10,5 Prozent – eine Premiere. In der Deutschschweiz liegt der Bio-Anteil bei 10,4 Prozent, im Tessin bei 8,9.

Die höchsten Marktanteile entfallen auf Eier (28,7%), Brot (26,1%) und Gemüse (23,1%). Ein fast dreimal so grosses Wachstum wie bei den Frischprodukten gibt es im Convenience-Bereich, wo der Marktanteil derzeit auf 7,4 Prozent liegt. In den meisten Bereichen legte der Umsatz-Anteil zu. Nicht so bei Milch und Fleisch, wo jeweils ein kleiner Rückgang von 0,3 Prozent auf 11 resp. 6,2 Prozent zu verzeichnen war. 

Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln liegt mittlerweile bei 3,2 Milliarden Franken, eine Milliarde mehr als noch vor 5 Jahren. Pro Kopf kauften Schweizerinnen und Schweizer letztes Jahr für 377 Franken Bio-Lebensmittel ein. Nicht nur im Markt steigt der Bio-Anteil, auch unter den Landwirten. 300 stellten letztes Jahr um, so dass neu 7'300 Betriebe nach Bio-Suisse-Richtlinien produzieren. Die Fläche stieg um 8'750 Hektaren auf 169'360.

Müsste sich Bio stärker öffnen, um zu wachsen? Ich denke da zum Beispiel an Hors-sol, das ressourcenschonend ist, aber bei Bio Suisse nicht erlaubt ist.
Die Bio-Knospe gilt als strenges Label, das macht sie so erfolgreich. Da müssen wir mit Öffnungen sehr vorsichtig sein. Wichtig ist, dass die Knospe ihr klares Profil behält. Dann sind wir langfristig erfolgreich. Im Bereich Hors-sol gab es zuletzt nur wenige Diskussionen. Diese drehen sich eher um Themen in der Verarbeitung. Denn im Gegensatz zu anderen Marken kennt Bio Suisse auch strenge Regeln für die Verarbeiter, nicht nur für die Produzenten.

Erneut haben 300 Landwirtschaftsbetriebe auf Bio umgestellt. Hat sich die Motivation zum Wechsel zu Bio in den letzten Jahren geändert?
Die Motivation, auf Bio umzustellen, mag nicht bei allen gleich sein. Aber die meisten stehen nach den zwei Umstellungsjahren voll und ganz hinter der Knospe. Unser Ziel ist es, weiter zu wachsen und bis 2025 in der Schweiz 25 Prozent Bio-Betriebe zu haben. Wir heissen deshalb alle Produzentinnen und Produzenten willkommen, die Lust haben, umzustellen. Wichtig ist, dass es für den Einzelnen und die Einzelne stimmt. Schade fände ich, wenn Produzenten durch Bio-Offensiven in die Umstellung gedrängt werden und dann Absatzprobleme haben. Es gibt positive Beispiele von Bio-Offensiven wie im Kanton Bern. Um der Berner Landwirtschaft mittelfristig einen bedeutenderen Anteil im Bio-Markt zu sichern, lanciert er mit Blick auf das Jahr 2025 eine Bio-Offensive mit neuen Akzenten und Massnahmen.

Können Sie das ausführen?
Bio Suisse wird sich hier stark für nachfrageorientierte Massnahmen engagieren. Wichtig ist immer, dass Angebot und Nachfrage stimmen. Dann werden auch weiterhin viele motiviert umstellen. Und ganz wichtig und spannend für mich zu beobachten - viele Produzenten, die umgestellt haben, finden rasch zu einer unternehmerischen Zufriedenheit. Sie merken schnell, dass sie sich mit reallen Herausforderungen auseinandersetzen und clevere Lösungen finden müssen. Einfach nur Spritzen und Düngen ist keine Lösung mehr. Dafür erhalten sie dann einen konkreten Mehrwert.

Gerade im Zusammenhang mit dem Pflanzenschutz-Initiativen zeigen viele konventionelle Landwirte auf, dass auch sie Bio-Pflanzenschutzmittel nutzen. Ein Zeichen breiter Akzeptanz von Bio?
Das ist eine Anerkennung dafür, dass unsere schon lange eingesetzten Methoden eine Chance für die ganze Schweizer Landwirtschaft sind. Zudem wird mit grösserer Nachfrage in diesem Bereich auch mehr geforscht und der Markt für alternative Methoden wächst. Das ist begrüssenswert. Es geht nicht einfach um Bio oder Nicht-Bio, sondern allgemein um die Nachhaltigkeit der Produktion. Ich muss aber auch betonen, dass einer noch kein Bio-Landwirt ist, nur weil er mal eine Drohne einsetzt oder mechanisch jätet. Was Bio ist, ist klar definiert und die Knospe geht noch einen Schritt weiter.

Urs Brändli: "Nicht zurück zum Courant normal"

Während der Corona-Krise stieg der Absatz von Bio-Produkten im Sog der allgemeinen Lebensmittel-Zuwächse gemäss Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli um bis 30 Prozent. «Wir werden alles daran setzen, dass wir das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten auch künftig rechtfertigen können», so Brändli.

Er plädierte zudem dafür, nach Ende der Krise nicht einfach zum Courant normal zurückzugehen. «Für mich geht der Schutz der Bevölkerung zeitlich und inhaltlich über Corona heraus», erklärte der Bio-Suisse-Präsident. Es gehe um den Schutz des langfristigen Wohls und da komme auch die Landwirtschaft wieder ins Spiel, sagte Brändli in Bezug auf die nächstes Jahr anstehenden Pflanzenschutz-Initiativen. Die Landwirtschaft dürfe keinesfalls alleine an den Pranger gestellt werden, es sei nun aber wichtig, dass ein verbindlicher Absenkpfad vorgeschrieben werde.

Auch zeige die Krise die Bedeutung eines hohen Selbstversorgungsgrades auf. "Aber echte Sicherheit bieten nur Produkte, die ohne ausländisches Kraftfutter oder importierten Kunstdünger hergestellt werden", so Brändli. 

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