4.01.2017 09:22
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Milchmarkt
«Käsepreis macht Milchpreis»
Der Hauptgeschäftsführer vom deutschen Milchindustrie-Verband (MIV), Eckhard Heuser, äussert sich in einem Interview zu den Marktaussichten für das neue Jahr, den Lehren aus der Milchmarktkrise und seinen Erwartungen an die Politik

Der Milchmarkt in Deutschland hat sich in den letzten Wochen stabilisiert. Was sind die wesentlichen Ursachen?
Heuser: In der Tat hat sich der Milchmarkt kräftig entwickelt. Nicht alle Experten haben das vorausgesagt. Die Volatilität bleibt, aber diesmal ging es in die richtige Richtung. Die Gründe sind bekannt: Weniger Milch bei stabilem Absatz hat es geregelt.

Wie stellt sich der Markt zu Jahresbeginn dar?
Zum Jahresbeginn werden sich die Milchpreise weiter verbessern. Fett ist knapper als Eiweiss, der Käsepreis macht den deutschen Milchpreis. Ich bin optimistisch.

Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung in den kommenden Monaten?

Entscheidend wird sein, wie sich die Milchanlieferung entwickelt. Hochspezialisierte Milchbauern sind heute sehr flexibel. Das saisonale Anlieferungstief liegt hinter uns. Über Weihnachten ging es etwas ruhiger zu. Ab der Grünen Woche im Januar läuft das Geschäft hoffentlich auf Hochtouren.

Von welchem Produzentenpreisniveau gehen Sie für 2017 aus?
Prognosen bleiben schwierig. Für Deutschland insgesamt rechne ich mit Milchpreisen plus/minus 32 Cent (34 Rp.).

Eine wichtige Rolle spielt der Drittlandsexport. Wie laufen derzeit die Ausfuhren insbesondere nach China und in andere asiatische Länder?
Asien hat sich beruhigt, China fragt wieder mehr nach. Russland ist und bleibt geschlossen, andere Märkte konnten aushelfen. Wir sind nicht unzufrieden. Bei der Diskussion sollte jeder wissen: Ohne Drittlandsexporte gehen die Warenbilanzen nicht auf. Europa kann sich dem Weltmarktgeschehen nicht entziehen. Wir sind keine Insel.

Wie schätzen Sie das Potential auf diesen Märkten ein?
Das Potential ist hoch. Milchprodukte werden zunehmend nachgefragt. Wenn die Kaufkraft weiter steigt in Folge höherer Ölpreise, sollte es gut ausgehen. Allerdings schafft der Weltterrorismus Sorgen, auch beim Absatz. Die Weltwährungskrisen sind auch noch nicht beseitigt.

Welche weiteren Drittlandsmärkte stehen für die Branche im Fokus?
Die oben geschilderten, dazu vielleicht noch der Iran, ein hoffentlich sich beruhigender Naher Osten und die USA. Gerne aber auch woanders hin. Manchmal muss man als Unternehmen auch Pionier sein, um vor anderen im Markt zu sein und Geld zu verdienen.

Welche Rolle spielt der Absatzmarkt USA und wie gehen Sie mit den Unsicherheiten hinsichtlich der künftigen US-Handelspolitik um?
Die USA haben sich zum grossen Importeur, aber auch zum bedeutenden Exporteur entwickelt. Der Markt dort wird mit Importquoten gesteuert. Mit der neuen Administration wird es wohl keine zusätzliche Marktöffnung geben. Das ist zumindest die Ankündigung.

Ist die deutsche Molkereibranche im internationalen Wettbewerb hinreichend gut aufgestellt?
Deutschland ist einerseits grosser Drittlandsexporteur, andererseits ein Investor in die dortigen Märkte. In beiden Bereichen kann man „mehr Gas geben“.

Der deutsche Agrarminister Christian Schmidt führt mit massgeblichen Branchenvertretern regelmässig „Milchstrukturgespräche“. Wie beurteilen Sie deren bisherige Ergebnisse?
Die Ministergespräche sind sinnvoll und dienen dem Verständnis der unterschiedlichen Positionen. Deutschland hat in 2016 seinen „Milchkurs“ teilweise geändert. Das Milchpaket aus Brüssel empfanden wir zumindest in Teilen als Systembruch.

Der MIV steht einer Branchenorganisation Milch skeptisch gegenüber. Warum?
Branchenorganisationen waren schon im alten Milchpaket vorgesehen. Wir haben nichts gegen die Gründung, glauben aber nicht an einen Erfolg. Derzeit verfolgt niemand in Deutschland das Ziel eines Branchenverbandes.

Teilen Sie die Einschätzung, dass die Position der Milchproduzenten in der Wertschöpfungskette gestärkt werden muss? Bedarf es struktureller Veränderungen im Verhältnis von Lieferanten und Verarbeitern?
Wenn 70'000 Milchbauern auf 100 Molkereien treffen, bedarf es Regelungen. Die existieren und sind im genossenschaftlich geprägten deutschen Milchmarkt historisch entstanden. Die Privatmolkereien arbeiten mit Produzentengemeinschaften gerne zusammen. Alles ist im Fluss und wird stetig verbessert. Insbesondere die unbegrenzte Anlieferungsmöglichkeit wird von den meisten Milchbauern im Strukturwandel hoch geschätzt. Wenn das geändert werden soll, ist die Vertreterversammlung der Molkerei der richtige Ort zur Diskussion.

Welche Lehren zieht die Branche aus der Milchmarktkrise der vergangenen Monate?
Die Lehre für uns alle ist: Es bleibt volatil und die Märkte funktionieren. Nach schwierigen zwei Jahren wird es besser. Warenterminbörsen freuen sich über grössere Umsätze, Risikovorsorge ist nicht nur ein steuerliches Thema.

Die Tierwohldiskussion hat den Milchviehbereich bislang lediglich gestreift. Das muss keineswegs so bleiben. Wie stellt sich die Milchwirtschaft auf die Diskussion um steigende Tierwohlanforderungen ein?
Tierwohl ist auch Sache der Molkerei, obwohl wir als Molkereien keine Tiere halten. Die Gesellschaft und die Politik nehmen uns in die Haftung. Wir sollten uns aber nicht verzetteln. Der Staat kündigt Label an, der Tierschutzbund verkauft ein Siegel, radikalere Organisationen besuchen nachts illegal die Ställe. Der beste Weg ist, die Eigenverantwortung der Milchbauern zu stärken. Man kann natürlich noch mehr machen, Stichwort „Enthornung“. Aber auch beim Thema „Anbindehaltung“ sind die Grenzen schnell aufgezeigt. Wir können nicht halb Süddeutschland stilllegen, und wir wollen das auch gar nicht, nur weil dort der Anteil der Anbindehaltung mit den vielen kleinen Betrieben höher ist als in anderen Bundesländern. In den Fernsehserien wird immer die heile Welt der Milchkühe in Anbindehaltung gezeigt, der moderne Boxenlaufstall soll dann die Tierfabrik sein. Das passt alles nicht.

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