29.09.2015 09:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Jacqueline Graber
Bern
«Ich will Gerechtigkeit»
Als er sich für die Haltung von Hirschen interessierte, hätten ihn die Behörden nicht über den notwendigen Haltekurs informiert, sagt Bendicht Schlüchter aus Huttwil BE. Das Fehlen des Kurses hatte für den Landwirt Konsequenzen.

Bendicht Schlüchter sitzt in der Küche. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Ordner. Akribisch hat er hier all seine Unterlagen eingereiht. «Ich will Gerechtigkeit» sagt der 63-Jährige Landwirt, der seit rund zwei Jahren mit den Behörden im Clinch liegt.

Denn bis 2013 hätte Schlüchter einen Hirschhaltekurs absolvieren müssen, was er nicht tat. Aus diesem Grund erneuerte ihm der Veterinärdienst die Haltebewilligung nicht mehr, und im Juni dieses Jahres musste er seine Tiere an einen Bekannten verkaufen. Dieser lässt die Tiere im Gehege von Schlüchter weiden.

Standbein gesucht

Angefangen hat alles mit einer Idee Anfang 2010. Schlüchter bewirtschaftet seit 2003 in Huttwil gemeinsam mit seiner Ehefrau Margrit einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. Vorher hatte er einen Bauernhof in Pacht und betrieb Milchwirtschaft. Den abgelegenen Hof erreicht man nur durch ein schmales, steiles Strässchen. Ebenfalls die 3 ha Land, die zum Hof gehören, sind stotzig. Schlüchters pflanzen Gemüse an, das sie an Geschäfte in der Region liefern können.

Zudem arbeitet der gelernte Landwirt als Klauenpfleger und fährt als Chauffeur Tiertransporte. Auf der Suche nach einem weiteren Betriebszweig kam Schlüchter auf die Hirschhaltung. «Der Wildhüter besichtigte das Gelände und hat es für geeignet empfunden.» Daraufhin schickte Schlüchter die Parzellenpläne an die Gemeinde. Die wiederum antwortete ihm schriftlich, dass er sich mit der zuständigen Behörde, dem Jagdinspektorat, in Verbindung setzen müsse. Schlüchter griff daraufhin zum Telefon. «Eine Mitarbeiterin (Name der Redaktion bekannt) hat mir aufgezählt, welche Voraussetzungen ich für die Haltung von Hirschen erfüllen muss.»

15 Hirsche eingestallt

Nach der Bewilligung des Baugesuchs bestellte Schlüchter das Material und begann mit dem Bau. «Alleine das Material kostete eine vierstellige Summe», so der Landwirt. Rund drei Monate nachdem die Anlage fertig war und 14 Hirsche und ein Stier eingestallt waren, erhielt Schlüchter vom Veterinärdienst im Dezember 2010 die Haltebewilligung. Darin stand auch, dass er einen Hirschhaltekurs absolvieren müsse. Und das ist der springende Punkt: «Die Mitarbeiterin des Jagdinspektorats hat mir damals nichts von einem Haltekurs gesagt.» Hätte er davon gewusst, hätte er das Gehege nicht gebaut, sagt Schlüchter.

Trotz der schriftlichen Aufforderung, den Kurs zu besuchen unternahm Schlüchter erstmals nichts. Im Mai 2011, rund ein halbes Jahr nach der Aufforderung, hat er sich dennoch für den Kurs angemeldet. «Genauer gesagt war es ein Bekannter von mir, der auch Hirsche hält. Er hat uns beide angemeldet.» Nach einigen Wochen bekam Schlüchter ein Telefon von seinem Kollegen. Dieser hat mittlerweile den Bescheid bekommen, dass er den Kurs nicht absolvieren müsse, weil er bereits vor dem 1. September 2008 Tiere hielt. «Mein Kollege meldete sich ab, und ich sagte, er solle mich auch abmelden», so Schlüchter.

Keine Einigung

Danach hat Bendicht Schlüchter erneut zugewartet. Bis am 28. Mai 2013. An diesem Datum lag die alle zwei Jahre ausgestellte Bewilligung in seinem Briefkasten, und wieder wurde im Schreiben auf den obligatorischen Kurs aufmerksam gemacht. (Dieser beinhaltet verschiedene Module,  dauert 6 Tage und kostet rund 3000 Franken.) Und ab diesem Zeitpunkt beginnt Schlüchters Spiessrutenlauf. Immer wieder telefonierte er mit verschiedenen Behörden – immer aus dem gleichen Grund. «Ich wollte, dass zugegeben wird, dass ein Fehler passiert ist. Und ich nicht über den Haltekurs informiert wurde», so Schlüchter

Doch es kam zu keiner Einigung. Daraufhin erzählte er seine Geschichte einem Grossrat, und dieser nahm Kontakt mit dem Veterinärdienst auf. Der Kantonstierarzt stellte in Aussicht, dass Schlüchter allenfalls nicht alle Module besuchen müsse. Daraufhin kamen per Post die Kursunterlagen, jedoch stammten diese aus dem Jahr 2013. «Und wir hatten im April 2014 Kontakt», sagt Schlüchter. 

Für Ausbildung ist Tierhalter verantwortlich

Der Kurs werde nicht alle Jahre neu angeboten, sagt Kantonstierarzt Reto Wyss auf Anfrage des «Schweizer Bauer». Man habe Bendicht Schlüchter die vorhandenen Unterlagen geschickt, damit er sehen konnte, wie die verschiedenen Module aufgebaut seien. Wyss betont zudem, dass Bendicht Schlüchter bis heute nicht angegeben habe, in welchen Bereichen er bereits Erfahrungen habe.

«Erst wenn wir im Besitz der Angaben sind, können wir entscheiden, ob er allenfalls nur einzelne Module besuchen muss», stellt Wyss in Aussicht. Der Kantonstierarzt nimmt auch Stellung zum Telefonat von 2010. «Verantwortlich für die notwendigen Ausbildungen ist grundsätzlich der Tierhalter. Was damals am Telefon gesagt wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar.» Deutlich formuliert es auch das Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern. In einer schriftlichen Stellungnahme weist es den Vorwurf von Bendicht Schlüchter, falsch oder mangelhaft informiert zu haben, in aller Form zurück.

Hofft auf Happy-End

Bendicht Schlüchter kann die Aussage von Wyss nicht nachvollziehen. «Fehler können passieren, aber man muss dafür geradestehen.» Im besten Fall anerkenne das Jagdinspektorat, dass er als Landwirt und Chauffeur von Tiertransporten den Umgang mit Tieren gewohnt sei und erteile ihm auch ohne Kursbesuch die Haltebewilligung.

Wenn nicht, wäre er auch bereit, einzelne Module, wie beispielsweise das über die Krankheiten der Hirsche, zu besuchen. «Wie die Fütterung der Hirsche aussieht, muss ich nicht mehr lernen. Ich habe fünf Jahre lang Hirsche gehalten.» Bendicht Schlüchter will nun erneut das Gespräch mit den Behörden suchen, in der Hoffnung, eine Einigung zu finden. 

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