7.11.2013 17:30
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Soja
GVO-freie Soja als Kostentreiber
Die Schweizer Landwirtschaft will nichts von Gentechnik wissen. Das hat seinen Preis: GVO-freie Soja verursacht Mehrkosten in Millionenhöhe. Und: Weil das Angebot aus Brasilien knapp ist, wird sie neu auch in grösseren Mengen aus Indien importiert.

Klein sind sie, die rundlich cremefarbenen Sojabohnen. Doch diese haben es in sich: Die Hülsenfrüchte enthalten viel Fett und Eiweiss. Und das macht sie begehrt. Sie liefern den Rohstoff für Lebensmittel wie Tofu oder Speiseöl, für Kosmetik, Plastik, Agrotreibstoffe und Tiernahrung. In den letzten Jahren hat die Sojabohne eine steile Karriere hingelegt: Die weltweite Anbaufläche hat sich seit Anfang der 1980er Jahre auf rund 106 Mio. Hektaren verdoppelt, die Produktion hat sich mit letztjährig 253 Mio. Tonnen fast verdreifacht. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.

Sojaimporte wachsen und wachsen

Auch in der Schweiz nicht. Weil die Bauern den Bedarf an Eiweissfuttermitteln längst nicht selber decken können (siehe Kasten), müssen Proteine importiert werden. 266'000 Tonnen Sojaschrot waren es im letzten Jahr – fast zehn Mal mehr als 1990. Diese landeten im Futtertrog von Kühen, Schweinen und Geflügel. In der Fleisch- und Milchproduktion ist der Eiweisslieferant Soja kaum mehr wegzudenken.

Kraftfutter: Schweiz kann Bedarf nicht decken

Kraftfutter liefert Nutztieren Energie und Eiweiss. Bei beiden Komponenten ist die Schweiz in hohem Mass auf Importe angewiesen. Die Produktion von Futtergetreide (Energie) ging in den letzten 20 Jahren um 40 Prozent auf rund 450'000 Tonnen zurück. Damit kann knapp die Hälfte des Futtergetreide-Bedarfs gedeckt werden. Bei den Eiweissfuttermitteln liegt der Selbstversorgungsgrad bei lediglich 15 Prozent. 430'000 Tonnen Eiweissfuttermittel mussten im letzten Jahr importiert werden, davon waren 60 Prozent Sojaschrot

Für den Boom gibt es viele Gründe: Die Bauern haben in den letzten Jahren die Milchproduktion stetig ausgedehnt. Ausserdem bedürfen die auf Hochleistung gezüchteten Kühe einer eiweissreichen Fütterung. Auch die Zunahme der Geflügel-Produktion hat die Nachfrage nach Soja angekurbelt. Der Pouletbestand nahm seit 2000 um über 60 Prozent auf letztjährig 6,2 Mio. Tiere zu. Auch das totale Verfütterungsverbot von Tiermehl im Gefolge der BSE-Krise sowie das Verbot der Schweinesuppe haben Soja zu einem unverzichtbaren Eiweiss-Lieferanten in der Tierproduktion gemacht.

GVO-freie Soja immer schwieriger zu beschaffen


Produziert werden Sojabohnen hauptsächlich in drei Ländern: Argentinien, Brasilien und den USA. Rund 80 Prozent der weltweit angebauten Soja ist gentechnisch verändert. Bauern in den USA und Argentinien setzen fast ausschliesslich auf GVO-Saatgut, während in Brasilien auf rund 10 Prozent der Anbaufläche herkömmliche Sojabohnen angepflanzt werden. Noch. "Der Anbau von herkömmlicher Soja ist seit Jahren rückläufig", erklärt Rudolf Marti, Geschäftsführer der Vereinigung der Schweizerischen Futtermittelfabrikanten.

Das knapper werdende Angebot sowie eine aufwendigere Logistikkette machen konventionelle Soja gegenüber GV-Soja immer teurer. Kosteten vor ein paar Jahren 100 kg GVO-freie Soja 2 bis 3 Franken mehr, liegt heute die Differenz bei rund 15 Franken. Auf rund 40 Mio. Franken beliefen sich die Mehrkosten für eine GVO-freie Fütterung pro Jahr, rechnet Marti vor. Kosten, die die Bauern am Markt nicht entschädigt erhielten. Steigen die Preise weiter, könnten die Bauern womöglich bald die kostengünstigere GV-Soja fordern: "GVO-frei bleiben wir solange es verfügbar und bezahlbar ist", schreibt Felix Grob, Geschäftsführer des Schweizerischen Schweineproduzentenverbandes, Suisseporcs, in der neusten Ausgabe der Verbandszeitschrift.

Verzicht auf GVO-Soja macht Importe aus Indien nötig

Die Beschaffung von Soja aus Brasilien ist derzeit besonders schwierig: "Die Situation ist kritischer denn je", erklärt Marti. Grund für das knappe Angebot sind logistische Probleme sowie ein Grosshändler, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Futtermittelhändler haben deshalb bereits nach neuen Beschaffungsmärkten Ausschau gehalten. Fündig geworden sind sie in Indien, das als Soja-Lieferant bislang keine Rolle spielte.

2012 beliefen sich die Importe aus Indien auf die Kleinstmenge von 1'032 Tonnen. Anders im laufenden Jahr: Von Januar bis August wurden bereits knapp 12'000 Tonnen eingeführt. Damit ist Indien – wenn auch mit grossem Abstand zu Brasilien – bereits zum zweitwichtigsten Soja-Lieferanten für die Schweizer Landwirtschaft geworden.

Weil die Sojaproduktion in Brasilien wegen Abholzung von Regenwald und zweifelhaften Arbeitsbedingungen immer wieder in der Kritik stand, haben Produzentenverbände wie der Schweizerische Bauernverband und Bio Suisse sowie Detailhändler wie Migros und Coop im Jahr 2011 das Soja Netzwerk Schweiz gegründet. Dessen Ziel ist die Förderung einer umwelt- und sozialverträglichen Sojaproduktion. In Indien allerdings ist das Soja Netzwerk Schweiz nicht tätig.

GVO-Soja hat viele Vorteile

Doch inwiefern verträgt sich das Bild einer nachhaltigen Schweizer Landwirtschaft, das von deren Vertretern gern gezeichnet wird, mit Soja-Importen aus Indien, in dem laut FAO rund 200 Mio. Menschen an Hunger leiden? Rudolf Marti hält die Einfuhren für bedenklich: "Sojalieferungen aus Indien setzen für den guten Ruf der Schweizer Tierproduktion kaum positive Signale." Würde auch in der Schweiz GV-Soja eingesetzt, könnte man Soja aus den USA beziehen. Damit liessen sich negative Schlagzeilen vermeiden, wie sie im Zusammenhang mit dem Soja-Anbau in Schwellenländern immer wieder auftauchen.

Das Verfüttern von GV-Soja hätte noch weitere Vorteile: Die Beschaffung wäre einfacher und die Produktionskosten könnten gesenkt werden. Auf GVO-Basis produzierte Produkte seien ohnehin schon längst präsent in der Schweiz. Marti weist darauf hin, dass – ausser in Norwegen und der Schweiz – GV-Soja in ganze Europa verfüttert werde. Eier aus Deutschland oder Milchprodukte aus Frankreich, die in der Schweiz verkauft werden, stammten mit grösster Wahrscheinlichkeit von Tieren, die GV-Soja gefressen hätten.

Marti glaubt, dass die Beschaffung von GVO-freier Soja künftig noch schwieriger werde, weil der Trend weltweit in Richtung GV-Soja geht. In Grossbritannien hätten grosse Supermarktketten auf das knappe Angebot bereits reagiert, indem sie neu auch Produkte verkaufen, die von Tieren stammen, die mit GVO-Soja gefüttert wurden.

Konsumenten wollen keine GVO in den Produkten

In der Schweiz wäre das Verfüttern von GV-Soja erlaubt, im Gegensatz zu deren Anbau. Letztmals wurde im Jahr 2007 eine winzige Menge von 55 Tonnen GVO-haltiger Futtermittel importiert (0,01 Prozent der Futtermittel-Einfuhren). Für den Schweizerischen Bauernverband ist eine GVO-freie Fütterung aber sakrosankt. Grund: "Die GVO-freie Fütterung ist gegenwärtig ein wichtiges Kriterium zur Positionierung der Schweizer Produkte", erklärt Martin Rufer vom Schweizerischen Bauernverband. GVO-freie Produkte seien ein Mehrwert, mit dem man bei den Konsumenten punkten wolle. Denn diese seien gegenüber Gentechnik kritisch eingestellt.

Allerdings ist dieser Mehrwert einer GVO-freien Fütterung für die Konsumenten nicht ersichtlich, weil dieser nicht ausgelobt werden darf. Der Bauernverband fordert deshalb eine Praxis wie in Deutschland und Österreich, wo Lebensmittel als "Ohne Gentechnik hergestellt" deklariert werden dürfen. "Wir brauchen in der Schweiz ebenfalls die Möglichkeit für die Auslobung der GVO-freien Fütterung. Nur so können wir die Botschaft der GVO-freien Fütterung bis zum Konsumenten transportieren und die Mehrkosten mittelfristig am Markt holen", so Rufer. Das Bundesamt für Gesundheit wird voraussichtlich bald eine entsprechende Verordnungsanpassung in die Vernehmlassung schicken.

Skepsis dominiert bei den Konsumenten


Eine GVO-freie Produktion begrüsst auch die Stiftung für Konsumentenschutz. "Die Ablehnung von GVO auf dem Teller ist bei den Konsumentinnen und Konsumenten seit Jahren konstant hoch", erklärt Josianne Walpen. Aber auch Einfuhren herkömmlicher Soja aus Brasilien oder Indien stossen auf Skepsis: "Der Import von Soja als Futtermittel für unsere Nutztiere sehen auch wir als ökologisch und ethisch fragwürdig an."

Um unabhängiger von den Importen aus Übersee zu werden, soll der Soja-Anbau in Europa gefördert werden. Die Schweiz hat deshalb zusammen mit sechs weiteren Staaten Anfang 2013 die Donau-Soja-Erklärung unterzeichnet. In der Donauregion ist laut Soja Netzwerk Schweiz in den nächsten fünf Jahren eine Ausweitung der Soja-Produktion von einer auf rund fünf Millionen Tonnen denkbar. Im Rahmen der Qualitätsstrategie sucht zudem eine Arbeitsgruppe nach Möglichkeiten, wie Soja nachhaltig beschafft werden kann. Bis Ende November 2013 sollen Ziele, eine grobe Strategie und erste Projektvorschläge vorliegen.

Soja-Anbau in der Schweiz
Soja wird auch in der Schweiz angebaut, im letzten Jahr auf 1'085 Hektaren. Wenn sämtliche hierzulande verfütterte Soja in der Schweiz angebaut würde, wären rund 110'000 Hektaren nötig, was einem Viertel des ackerfähigen Landes entsprechen würde. Dies hat Priska Baur in einer für Greenpeace verfassten Studie errechnet. Eine Ausweitung der Anbaufläche ist indes wenig realistisch: Ausländische Soja zu importieren ist billiger. Zudem lohnt sich der Anbau ausschliesslich für die Verfütterung nicht. Erst wenn aus den Sojabohnen gleichzeitig Öl (Speiseöl, Biodiesel) hergestellt wird, rechnet sich der Soja-Anbau.

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