25.10.2018 14:12
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Zeitumstellung
Geschichte wiederholt sich
Ihre Zeit läuft ab: Die Zeitumstellung soll nächstes Jahr abgeschafft werden. Im Deutschen Uhrenmuseum müsste dann niemand mehr, wie nun am Wochenende, an den Zeigern drehen. Die Wissenschaftler erforschen die Historie der Zeitumstellung. Ergebnis: Geschichte wiederholt sich.

Das Drehen am Zeiger nimmt in Furtwangen im Schwarzwald mehr Zeit in Anspruch als an anderen Orten. Rund 1300 Uhren sind im Deutschen Uhrenmuseum ausgestellt, rund 80 von ihnen ticken. Die Zeitumstellung ist hier stets eine Herausforderung - und erfordert Handarbeit. Auch an diesem Wochenende, wenn die Uhrzeit zum Ende der Sommerzeit wieder verändert wird. 

Am Sonntag Umstellung

Das von der EU-Kommission vorgeschlagene Aus der umstrittenen Zeitumstellung würde diese Arbeit überflüssig machen. Dennoch stossen die Pläne in dem Museum auf gemischte Gefühle. Und animieren zum Blick in die Geschichtsbücher.

Die Zeit läuft: In der Nacht vom Samstag zum Sonntag (28. Oktober) werden die Uhren um 3.00 Uhr eine Stunde zurück gestellt. Die Sommerzeit endet - Uhren werden daher europaweit für die nächsten Monate auf die im Winter geltende Zeit ausgerichtet. Diese Zeitumstellung, die sich an Jahreszeiten orientiert und zwei Mal im Jahr vollzogen wird, soll aber nach dem Willen der EU-Kommission ein Ende haben. Im kommenden Jahr sollen Uhren letztmalig umgestellt werden. Die Zeitumstellung würde so abgeschafft und Geschichte sein.

Von Anfang an kontrovers

«Wir haben diese Debatte natürlich aufmerksam verfolgt», sagt Johannes Graf vom Deutschen Uhrenmuseum. Die Zeitumstellung ist stets Thema in dem Museum, das sich nicht nur Uhren, sondern auch der Geschichte der Zeitmessung widmet. «Es ist ein Thema, das jeden betrifft, zu dem jeder eine Meinung hat und das seit Beginn äusserst kontrovers und emotional diskutiert wird», sagt der Historiker.

2016, als die Zeitumstellung ein Jahrhundert alt wurde, organisierte das Museum in Furtwangen eine grosse Sonderausstellung. Und schon bald folgt das nächste Jubiläum. «Im nächsten Jahr wird die erstmalige Abschaffung der Zeitumstellung 100 Jahre alt», sagt Graf. Genau in dem Jahr, in dem ihr Ende erneut besiegelt sein könnte. Es wäre eine Wiederholung der Geschichte.

1916


1916, in der Nacht zum 1. Mai, wurden Uhren erstmals weltweit eine Stunde vorgestellt. «Deutschland war damals, 1916, mitten im Ersten Weltkrieg», sagt Graf: «Die vom Deutschen Kaiserreich angeordnete Zeitumstellung sollte helfen, Energie zu sparen und war zugleich eine Machtdemonstration.» Deutschland wollte der Welt die Zeit vorgeben, so Graf.

Doch es gab Widerstand im Kaiserreich, von der Bevölkerung und der Landwirtschaft sowie im Reichstag. Das belegen Dokumente von damals. Die durch das Drehen des Uhrzeigers entstandene Sommerzeit war umstritten - und wurde 1919, also vor bald 100 Jahren, in der frühen Weimarer Republik wieder beendet und nicht fortgeführt.

Ordnung im «Zeitsalat» Europas

In den 1940er Jahren, im Zweiten Weltkrieg und danach, wiederholte sich das Ganze. Das Tageslicht sollte durch das Verschieben der Zeit besser ausgenutzt werden. Doch 1949 kam erneut das Aus für die in der Bevölkerung ungeliebte Sommerzeit.

Rund drei Jahrzehnte später, Ende der 1970er Jahre, gab es in Europa ganz unterschiedliche Regelungen: Länder ohne und mit Sommerzeit, die auch noch zu unterschiedlichen Terminen begannen und endeten. Eine einheitliche Sommerzeit sollte diesen «Zeitsalat», wie es das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» 1977 nannte, beseitigen.

Schweiz letztes Land

Seit 1980 gilt laut Graf nun das Verschieben der Zeit in Deutschland. 1981 schloss sich die Schweiz als letztes Land in Mitteleuropa der durch Zeitumstellung geschaffenen Sommerzeit an. Seit 22 Jahren ist sie europaweit einheitlich geregelt. Die Europäische Union (EU) dreht seit 1996 für alle verbindlich gleichzeitig am Zeiger: Zum Sommer geht es eine Stunde vor, zum Winter wieder eine Stunde zurück.

«Die Vorteile, die sich deren Befürworter von der Zeitumstellung erhofft haben, sind nie eingetreten und durch Untersuchungen längst widerlegt», sagte der Direktor des Uhrenmuseums, Eduard C. Saluz. «Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Vorzügen, die Energieeinsparung ist im geringen Promillebereich.» Dies habe der Bundestag schon 1974 festgestellt. Gleichzeitig sei die Zeitumstellung umstritten, die Gegner seien in Umfragen stets in der Überzahl: «Sie empfinden die staatlich verordnete Zeitumstellung als einen Eingriff in ihre persönliche Freiheit.»

Zeichen der Einheit

Ein Vorteil sei jedoch, dass die Zeit einheitlich geregelt ist, sagt Wissenschaftler Graf: «Eine einzige Zeit für ganz Europa ist eine grosse Errungenschaft, ein Zeichen europäischer Einheit.» Diese möglicherweise aufzugeben, überrasche. Es sei problematisch, wenn nach dem Aus der europaweit geltenden Zeitumstellung Nationalstaaten eigene Wege gehen würden und es unterschiedliche Zeitzonen in Europa gäbe. Ziel sollten gemeinsame und europaweite Lösungen sein. Sonst drohe ein zeitliches Durcheinander, von dem die Bürger nichts hätten.

«Eingeführt worden ist die EU-einheitliche Zeitumstellung damals zur grenzüberschreitenden Harmonisierung der Zeit- und Lebensverhältnisse im zusammenwachsenden Europa», sagt Graf. Dies gelte bis heute. Energieeinsparung habe für die EU keine entscheidende Rolle gespielt.

Die jahreszeitlich bedingte Zeitumstellung fordert unterdessen das Museum heraus, wie Uhrmacher Matthias Beck sagt. Weil die überwiegend historischen Uhren der Umstellung nicht automatisch folgen, geht er von Samstagnachmittag an durch die Räume und dreht die Zeiger der Uhren per Hand von Sommerzeit auf die im Winter geltende Zeit - und im März umgekehrt. «Am Sonntagmorgen, wenn die ersten Besucher kommen, ticken dann alle Uhren richtig», sagt er.

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