23.07.2013 09:35
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
St. Gallen
Geothermie St. Gallen: 20 Schadensmeldungen - Zukunft offen
Nach dem Erdbeben in St. Gallen sind über 20 Schadensmeldungen eingegangen. Die Zukunft des Geothermie-Projekts ist noch offen. Ein Krisenstab arbeitet derzeit an der Stabilisierung des Bohrlochs.

Das Bohrloch stehe aktuell nicht mehr unter Druck, heisst es in einer Medienmitteilung der Stadt St. Gallen vom Montagnachmittag. Trotzdem schliessen die Verantwortlichen weitere Nachbeben nicht aus. 

25 Mikrobeben

Seit dem Erdbeben der Stärke 3,6 vom frühen Samstagmorgen ist es in St. Gallen zu 25 Nachbeben gekommen. Dabei handelte es sich um Mikrobeben, also kleine Erdbeben, wie der Schweizerische Erdbebendienst (SED) auf seiner Website schreibt. 

Bei der nach dem Erdbeben eingerichteten Hotline seien bis Montagnachmittag 25 Schadensmeldungen eingegangen. «Die bisher gemeldeten Schäden reichen von der heruntergefallenen Vase bis zum Riss in der Fassade», sagte Roman Kohler, Mediensprecher der Stadt St. Gallen. Zunächst hatte es geheissen, es seien keine Schäden verursacht worden. 

Wie weiter? 

Um das Bohrloch besser zu stabilisieren, sei weiter Verstopfungsmaterial in die vermutlich offenen Klüfte in knapp 4500 Metern Tiefe gepumpt worden, teilte die Stadt St, Gallen weiter mit. Die Stabilisierungsmassnahmen werden voraussichtlich bis Ende der Woche andauern. 

Erst wenn die Situation am Bohrloch stabil sei, könnten Messungen durchgeführt werden, um die Situation genauer zu analysieren. Bis Ende Woche wollen die Projektverantwortlichen der St. Galler Stadtwerke aufzeigen, wie es mit dem Geothermie-Projekt weitergeht. 

Andere Projekte werden weitergeführt 

Die anderen Geothermie-Projekte in der Schweiz sollen trotz des Erdbebens fortgeführt werden. Die Westschweizer Energiekonzern EOS und Romande Energie etwa sehen ihr Geothermie-Projekt in Lavey-les-Bains VD nicht grundsätzlich in Frage gestellt, wie sie auf Anfrage sagten. Am Waadtländer Standort werde weniger tief gebohrt als in St. Gallen, zudem bestehe die Gefahr eines Gasaustritts nicht. 

Laut Thierry Lainé, Direktor der Entwicklungsabteilung bei EOS, bleibt die Geothermie im Hinblick auf die Energiewende eine der glaubwürdigen erneuerbaren Energien. In Bezug auf die in St. Gallen durch die Bohrungen ausgelösten Erdbeben müsse man genau verstehen und analysieren, was im Detail passiert sei. 

Ähnlich äusserte sich auch die Firma Geo-Energie Suisse. Der Energiekonzern Axpo, der mehrere Geothermie-Kraftwerke plant, schreibt auf Anfrage, er verfolge die Ereignisse in St. Gallen «mit grossem Interesse». Die Axpo wolle «zu diesem frühen Zeitpunkt» aber nicht über Ursachen und Konsequenzen des Vorfalls spekulieren. 

ETH-Professor fordert noch mehr Forschung 

ETH-Professor Domenico Giardini sagte in Zeitungsinterviews, es wäre «grundfalsch», wegen der Erdbeben in St. Gallen und zuvor in Basel auf die Förderung der Geothermie zu verzichten. Gerade jetzt müsse man noch mehr forschen und in Tests investieren, wenn man eines Tages den Atomstrom mit erneuerbaren Energien ersetzen wolle. 

Natürlich müsse man alles dafür tun, solche «Zwischenfälle» wie in St. Gallen zu vermeiden. Doch man könne auch viel daraus lernen. «Es wäre tragisch, wenn wir die enormen Energiereserven unter unseren Füssen deshalb ungenutzt liessen.» 

Giardini plädierte dafür, die bisher von lokalen Behörden geplanten Projekte national zu koordinieren und zu überwachen. Dadurch könne man viel schneller neue Erkenntnisse gewinnen und die Technologie weiter entwickeln , sagte Giardini den Zeitungen «Tages-Anzeiger» und «Bund» im Interview. 

Schweiz hinkt nach

Zudem sind aus Sicht des ETH-Delegierten für Tiefengeothermie grössere, vom Bund koordinierte Projekte wichtig. Mit diesen liessen sich im Hinblick auf die Energiewende entsprechende Mengen an Elektrizität für den nationalen Strommarkt produzieren. 

«Hier hinkt die Schweiz massiv hinterher, es ist kein einziges Projekt in der Umsetzung, mit dem in absehbarer Zukunft bedeutende Mengen an Strom erzeugt werden könnten.» Andere Länder wie Italien, Indonesien, die USA oder Island seien da schon viel weiter, sagte Giardini weiter.

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