1.06.2018 13:12
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Reto Blunier
Handel
«Fenaco gehört nicht zu den Grossverdienern»
Fenaco-Chef Martin Keller spricht im Interview mit dem «Schweizer Bauer» über Grenzschutz, Produzentenpreise, Mercosur sowie die Trinkwasser-Initiative und verrät, ob er sich mehr Mitbewerber wünschen würde.

«Schweizer Bauer»: Die Fenaco ist ein wichtiger Akteur im Landwirtschaftssektor, wenn nicht gar der wichtigste. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Martin Keller: Ich führe ein Unternehmen, das den Bauern gehört. Ich bin mir der Verantwortung bewusst, Mitgliedernutzen für die Bauern zu generieren. Das gelingt uns meiner Meinung nach gut. So senkten wir in den vergangenen Jahren die Preise für Vorleistungen deutlich. 

Landwirte kritisieren, dass immer weniger vom Konsumentenfranken zum Bauern gelangt. Wie könnte man den Anteil aus Ihrer Sicht erhöhen?
Die Lebensmittel werden immer mehr verarbeitet, der Wertschöpfungsanteil des Rohstoffes sinkt dementsprechend. Diese Entwicklung können wir als Fenaco nicht aufhalten. Was wir aber beeinflussen können: dass die Produzenten bei den wenig vearbeiteten Produkten einen möglichst hohen Wertschöpfungsanteil haben. Als positives Beispiel kann ich die Eier nennen, hier gehen rund 50% des Verkaufspreises zum Bauern zurück. Der grösste Hebel für die Erhöhung der Wertschöpfung liegt aber bei der Ausgestaltung von Angebot und Nachfrage. Dies ist eine der wichtigsten Aufgaben der Fenaco: die Angebotsplanung gemeinsam mit den Produzenten nachfrageorientiert zu gestalten. 

Was halten Sie vom Vorschlag, den Produzentenpreis auf die Etikette zu drucken?
Dazu habe ich mir noch keine konkreten Gedanken gemacht. Aus meiner Sicht haben die Branchenorganisationen, wo wir uns stark engagieren, eine sehr wichtige Funktion. Mit den Richtpreisen auf Basis von Angebot und Nachfrage wird Transparenz geschaffen. Die Bauern können so vergleichen, welchen Preis ihr Abnehmer ausbezahlt und wo sie stehen. Entsprechend können sie unternehmerische Entscheide fällen. 

2016 gab die Fenaco die Übernahme des französischen Landmaschinenhändlers Dousset Mattelin bekannt. In diesem Jahr erfolgt die Übernahme des international tätigen Getreidehändlers Swiss Grana Groupe. Weshalb geht die Fenaco ins Ausland?
Wir verfolgen drei strategische Stossrichtungen – Innovation, Nachhaltigkeit und internationale Kompetenz. Die Märkte für Dünger, Pflanzenschutzmittel, weite Teile beim Saatgut oder Landmaschinen sind seit über zehn Jahren liberalisiert. Die Hersteller dieser Produkte sind grosse, internationale Unternehmen. Wir investieren im Ausland, um mit diesen Herstellern  über grössere Einkaufsvolumen zu verhandeln und den Bauern attraktivere Preise anbieten zu können. 

Bergen diese Aktivitäten nicht zu viele Risiken?
Diese sind überschaubar. Die Auslandsaktivitäten haben heute einen Umsatzanteil im tiefen einstelligen Prozentbereich. Über Engagements von mehr als 500000 Franken entscheidet die Verwaltung der Fenaco. Diese setzt sich hauptsächlich aus aktiven Landwirten zusammen. Wenn wir eine Aktivität im Ausland aufnehmen, haben wir bereits ein Exitszenario vorbereitet, um die finanziellen Risiken zu minimieren. 

Derzeit verhandelt die Schweiz mit den Mercosur-Staaten über ein Freihandelsabkommen. Wäre ein Abkommen eine Chance oder eine Gefahr für die Fenaco?
Wir sehen keine zusätzlichen Marktchancen für die Fenaco. Die Risiken halten wir gemäss heutigen Kenntnisstand für überschaubar. Radikale Marktöffnungen würden aber die produzierende Schweizer Landwirtschaft gefährden.

Der Bundesrat argumentiert, dass bei einem Abbau der Zölle die Margen bei den vor- und nachgelagerten Stufen sinken. So würde man den Bauern helfen. Verdient die Fenaco zu viel?
Im Vorleistungsbereich sind, wie erwähnt, die Märkte vieler Produkte liberalisiert. Hier ist die Preisgestaltung nicht vom Grenzschutz beeinflusst. Im nachgelagerten Bereich, also in der Lebensmittelindustrie und im Detailhandel, stehen wir im harten Wettbewerb mit Unternehmen aus dem In- und Ausland. Hier können wir uns keine überhöhten Preise erlauben. Mit einer Umsatzrendite von rund 2 Prozent gehört die Fenaco sicher nicht zu den Grossverdienern – im Gegenteil. Ich finde diese Marge für eine Genossenschaft angemessen. 

Würden Sie sich zuweilen mehr Mitbewerber wünschen?
In einigen Bereichen wie Dünger oder Saatgut ist die Fenaco mit Abstand grösster Marktakteur. Alle vier  Geschäftseinheiten – Agrar, Lebensmittelindustrie, Detailhandel und Energie – haben drei bis fünf starke Mitbewerber. Wir stehen sowohl im Wettbewerb mit sehr grossen, internationalen Unternehmen wie auch mit KMU in der Schweiz, die spezialisiert und hochkompetent sind. Das ist auch gut so. Wettbewerb ist wichtig, weil es die Innovation fördert und auch zu sinkenden Preisen führt, beispielsweise im Vorleistungsbereich. 

Wie steht die Fenaco zur «Trinkwasser-Initiative»?
Wir sind klar gegen die Initiative. Sie ist radikal und gefährdet die produzierende Schweizer Landwirtschaft. So sollen Bauern von Direktzahlungen ausgeschlossen werden, die Pflanzenschutzmittel einsetzen oder mehr Nutztiere halten, als das betriebseigene Futter hergibt. Ich schätze, dass so ein Grossteil der Bauern keine Direktzahlungen mehr erhalten würde. Wer nun denkt, dass die Fenaco gegen die Initiative ist, weil sie hohe Umsätze mit Pflanzenschutzmitteln erzielt, liegt falsch: Der Anteil liegt bei unter 1 Prozent. 

Das Stimmvolk dürfte für die Initiative Sympathien hegen.
Die Anliegen der Bevölkerung gilt es ernst zu nehmen, es werden Fortschritte erwartet. Wir müssen uns bei den chemischen Pflanzenschutzmitteln nach Alternativen umsehen und diese forcieren. So unterstützen wir den Aktionsplan Pflanzenschutz des Bundes. Und die Fenaco  entwickelt zusammen mit Agroscope Methoden, um den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln stark zu reduzieren.

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