30.10.2019 11:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Bern
«Es kommt nicht auf die Grösse an»
Christa Reusser aus Teuffenthal BE führt einen kleinen Milchwirtschaftsbetrieb. Sie lebt gut davon und hat den Schritt in diese Richtung nie bereut. Obwohl ihr Traumberuf eigentlich Lastwagenfahrerin ist.

Es ist ein guter Tag, um in die Höhe zu fahren. Die Sonne scheint, die Luft ist angenehm frisch und es riecht nach Herbst. Christa Reusser lebt auf rund 1000 Metern über Meer in Teuffenthal BE. In einem stattlichen Berner Bauernhaus. Wie es sich gehört, ist es mit schönen Geranien geschmückt, ein Bauerngarten mit Gemüse findet sich davor, ebenso wie ein einem Stöckli, ein paar Obstbäumen und eine Bienenhaus. Malerisch ragt das Haus aus der sattgrünen Hügellandschaft. 

«Lerne etwas Rechtes»

Christa Reusser sitzt mit ihrem zehn Monate alten Sohn Noah am Tisch ihrer Wohnküche. Seit fünf Uhr morgens ist sie auf den Beinen. Die elf Simmentaler-Kühe sind gemolken und die 80 Mastschweine gefüttert. Noah ist wach und angezogen. Jetzt hat Reusser Zeit für einen Kaffee und zum Erzählen. Warum sie den Bauernbetrieb übernommen hat, obwohl sie eigentlich einen anderen Traumberuf hat. Und warum sie auch auf einem kleinen Betrieb sehr gut überleben kann. 

«Lerne etwas Rechtes. Bauern kannst du ja schon.» Das habe der Vater gesagt, als sie die Lehre zur Landwirtin machen wollte, erzählt die 39-jährige Reusser. Also habe sie eine Lehre im Detailhandel gemacht. «Aber ich wollte nie im Laden stehen.» Sie ging also in die Rekrutenschule, danach nahm sie als «Wandervogel» verschiedene Saisonstellen im Service an.

Ausbildung zur Agrokauffrau

Der Vater habe aber immer gesagt, sie würde den Betrieb einmal übernehmen. Ihre beiden Schwestern hatten kein Interesse. Und sie — sie wollte immer «lastwägelen». Also habe sie die Prüfung gemacht und bei Coca-Cola eine gute Stelle bekommen. «Das war mein Traumberuf.» Am Freitagabend habe sie sich immer gefreut, am Montag wieder fahren zu gehen.

Trotzdem gründete sie 2005 mit dem Vater einen Generationengemeinschaft. Sie half in der Freizeit auf dem Betrieb und hörte schliesslich mit dem Lastwagenfahren auf. «Das reute mich zwar. Aber es war auch nicht mehr das Gleiche wie früher. Der Verkehr hat extrem zugenommen», sagt sie. 2014 übernahm sie den Betrieb schliesslich ganz vom Vater und machte die Ausbildung zur Agrokauffrau. Weil sie bereits 2005 eine Generationengemeinschaft gegründet hatten, erhält Reusser nach damaligem Recht Direktzahlungen.

Unabhängig bleiben

Auf ihren elf Hektaren betreibt sie Futterbau für die Kühe. Düngemittel liefern ihr die Schweine. «Es kommt nicht auf die Grösse eines Betriebs an», sagt sie. Es ist egal, wie viel man verdient, solange man nicht mehr ausgibt. «Natürlich bringe ich es mit meinen Simmentalern und dem Raufutter nicht auf 50 Kilo Milch pro Kuh und Tag. Das spielt mir aber keine Rolle. Kraftfutter könnte ich mir nicht leisten, dafür müsste ich extern arbeiten gehen und das will ich nicht.»

Ihr sei es wichtig, im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten Erneuerungen zu machen oder Geräte und Maschinen zu kaufen. «Ich will mich nicht übermässig verschulden. Wenn es sein müsste, könnte ich morgen mit dem Bauern aufhören, und ich hätte keine Probleme.» 

Informationen einholen

Sie ist auf niemanden angewiesen. Ihr Freund geht zwar 100 Prozent arbeiten, investiert aber nichts in den Betrieb. «Ich schaue für mich und er für sich», sagt Reusser. So seien beide unabhängig. «Ich finde es nicht gut, wenn man sich in eine Abhängigkeit begibt. Alle Frauen, die auf einen Betrieb kommen, sollten dafür sorgen, dass sie Bescheid wissen, was dort läuft.» Sie sollen sich Einblick in die Buchhaltung verschaffen und schauen, dass sie finanziell abgesichert sind und nicht plötzlich mit leeren Händen dastehen, sagt Reusser. 

Sie selbst habe sich durch die Ausbildung zur Agrokauffrau gute Kenntnisse in Fragen um die Buchhaltung angeeignet. Ansonsten merke sie manchmal, dass ihr gewisse theoretische Aspekte fehlen, weil sie nicht eine klassische landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hat. Sie besuche aber Weiterbildungen und Infoanlässe. «Wenn man will, kann man sich informieren», sagt sie. Und sich wenn nötig Hilfe holen. 

«Schuld an allem»

Hilfe brauchte sie nach der Geburt ihres Sohnes. Da konnte sie eine Zeit lang nicht mehr schwer heben. Deshalb bekam sie Unterstützung von einem landwirtschaftlichen Betriebs- und Familienhelfer. So kam es, dass sie die Einsatzstelle für die Region Thun übernahm. Wenn eine Bauernfamilie Unterstützung braucht, meldet sie sich bei Reusser und sie vermittelt ihr eine Helferin oder einen Helfer. Diese Aufgabe gebe ihr einen finanziellen Zustupf, so Reusser und das könne ja nie schaden. Zudem sei sie selbst froh gewesen um die Vermittlung, als sie Hilfe nötig hatte. 

Weniger froh ist sie über die Stimmung, die derzeit gegen die Landwirtschaft gemacht wird. Sie habe zwar keine Angst. Wenn etwa die Trinkwasserinitiative angenommen werde, werde sie schon eine Lösung finden. «Aber es macht mich traurig, dass die Bauern zurzeit von allen Seiten beschossen werden und an allem schuld sein sollen», sagt sie. 

Keine negativen Erlebnisse

Sie selbst war allerdings nie direkt betroffen von Anschuldigungen. Auch als Frau, die einen Betrieb leitet, nicht. «Es begegnen mir alle wohlwollend. Ich habe in der landwirtschaftlichen Gemeinschaft noch nie etwas Negatives erlebt wegen meines Geschlechts», sagt sie. Das sei beim Lastwagenfahren anders gewesen. Dort habe sie zum Teil eine dicke Haut gebraucht. 

Obwohl Reusser eine Zeit lang gar nicht bauern wollte, scheint sie sich in der Rolle der Betriebsleiterin wohlzufühlen. Das hinterlässt einen guten Eindruck und obwohl man die frische Höhenluft ungern hinter sich lässt, fährt man mit einem guten Gefühl zurück ins Tal. 

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