30.09.2020 10:43
Quelle: schweizerbauer.ch - Robert Alder
Agrarpolitik
«Es fehlen strategische Ziele»
Markus Lüscher baut auf seinem 57-Hektaren-Betrieb Zuckerrüben und Kartoffeln als Leitkulturen an. Er nimmt zu den gegenwärtigen Herausforderungen der Schweizer Bauern Stellung.

«Schweizer Bauer»: Die Anbaufläche für Zuckerrüben und Kartoffeln geht zurück. Wie kann man dies aufhalten?
Markus Lüscher: Das ist ein diametraler Weg. Einerseits erlebten wir dieses Jahr einen grossen Schädlingsdruck. Mit dem Wegfall von verfügbaren Hilfsstoffen wie das Beizmittel Gaucho wird es immer anspruchsvoller, Schäden in den Griff zu bekommen. Andererseits spürt man als Produzent den Preisdruck.

Das bedeutet, dass die Planungs- und Produktionssicherheit abnehmen?
Ja, das ist so. Wir müssen uns überlegen, ob wir als Land den Verfassungsauftrag der Versorgungssicherheit erfüllen und ernst nehmen wollen. Oder ob uns das egal ist und wir lieber Lebensmittel importieren.

Es ist offen, wie lange es noch zwei Zuckerfabriken geben wird. Eine Schliessung würde den Rückgang weiter beschleunigen?
Ja, das würde bedeuten, dass alle Rüben von hier in die Ostschweiz gekarrt werden müssten. Denn aufgrund des Krankheitsdrucks müsste man eher Aarberg opfern. Eigentlich müssten die Rüben möglichst nahe um die Fabrik produziert werden. Ziel muss es sein, mit kurzen Transportwegen, wenig Erdbesatz, saubere Rüben anzuliefern.

Was trägt die AP 22+ zu dieser Entwicklung bei?
Die AP 22+ wird grosse Auswirkungen auf die Produktion haben. Sie entwickelt sich in eine Richtung, die der Schweiz nicht dient. Man kann nicht alle vier Jahre einen Richtungswechsel vollziehen. Besser wäre, die Direktzahlungen und die Labelzuschläge klar zu entflechten.

Das heisst?
Labelorganisationen graben sich gegenseitig den Markt ab und senken die Wettbewerbsfähigkeit. Produkte müssen nach Gestehungskosten abgerechnet werden. Auf der Verwaltungsebene wird jedoch Wertschöpfung vernichtet. Wir dürfen keine Strukturen einer staatlichen Produktionslenkung entstehen lassen wie in der früheren Käseunion. Es braucht heute noch zwei Produktionsachsen: ÖLN und Bio. Fertig. Die Direktzahlungen sind für die multifunktionalen Leistungen der Landwirtschaft gedacht.

Das sieht die Politik aber anders.
Es fehlen heute strategische Ziele für die Landwirtschaft. Jede Partei missbraucht ihre Thesen für ihre eigene PR. Für mich gibt es zwei Entwicklungsstrategien. Entweder wir bereiten mit dem technischen Wissen, das bereits vorhanden ist, die Antwort für eine Nahrungsmittelproduktion der Zukunft vor oder wir gehen mit einer Hinterwäldler-Landwirtschaft ins Mittelalter zurück, fahren die Produktion herunter und beziehen aus dem Ausland, was uns noch fehlt. So bewegen wir uns in pharisäischer Arroganz in einer Art heilen Welt gegenüber jenen Menschen, die Hunger leiden. Die Agrarpolitik muss von der Basis aus und nicht steril intellektuell von oben nach unten entwickelt werden. Wir haben zu wenig angewandte Forschung.

Zu wenig Forschung oder zu wenig Wissen?
Der Schweizer Landwirt verfügt über genügend Kompetenz, um kurz- bis mittelfristig zusammen mit Bildungs- und Forschungsinstitutionen wie Hafl und Agroscope eine moderne und effiziente Landwirtschaft ohne Schädigung der Ressourcen entwickeln zu können. Wichtig ist die Machbarkeit. Träumen nützt nichts, wenn die Wünsche nicht umsetzbar sind. Entweder wir bauen eine moderne digitale Landwirtschaft im Einklang mit der Umwelt auf oder wir fahren alles herunter.

Welches sind Bestandteile einer modernen digitalen Landwirtschaft?
Einerseits gibt es digitale Hilfsmittel, die in Sägeräte, Düngerstreuer, Bewässerungsanlagen, PhytoPRE oder mit der GPS-Steuerung in den Traktor eingebaut werden können. Eine Investitivon bis 4000 Franken pro Traktor. Damit können auf wenige Zentimeter genau Applikationan eingebracht werden, die dazu dienen, den Verbrauch von Dünger und Pflanzenschutzmitteln weiter zu reduzieren. Dann verfügen wir über Daten. Diese müssen agronomisch richtig ausgewertet werden, in die Forschung einfliessen und für die Praxis aufbereitet werden. Dieser Prozess hat in den letzten paar Jahren erst richtig begonnen. Die Landwirtschaft entwickelt Lösungen aufgrund der gestellten Vorgaben. Aber dafür braucht sie genügend Zeit. Sensationsentscheide bringen nichts.

Das tönt nach Perspektiven?
Klar, diese gibt es. Für mich ist das Crispr-Cas-System keine Genmanipulation, sondern ein prüfenswerter Lösungsansatz. Dadurch eröffnet sich der Schweiz die Chance, ein bedeutender Saatgutproduzent zu werden. Denn Saatgut wird weltweit zunehmend gefragt. Wenn ein Staat das in den Händen hat, sein Wissen in den Weltmarkt einbringt, ist das Macht. Aber wir dürfen keine Angst vor den Grosskonzernen haben und nicht vor ihnen kuschen. 

Hand aufs Herz: Kann die kleine Schweiz Firmen wie Monsanto die Stirn bieten?
Sicher. Nehmen Sie als Vergleich den Bankenplatz Schweiz oder die Pharmaindustrie. Diese haben Grundlagen erarbeitet und ihr Wissen eingebracht. Ihre weltweite Bedeutung steht in keinem Vergleich zur Wirtschaftskraft unseres kleinen Landes. Eines darf man nicht vergessen: Länder haben keine Freunde, nur Interessen. 

Dabei werden die Bauern als Wasservergifter und Umweltsünder gebrandmarkt.
In unserer Gemeinde gibt es seit drei Jahren ein Pflanzenschutzmonitoring. Dieses ist Bestandteil des Berner Pflanzenschutzprojektes. Damit haben wir ein riesiges Feldlabor zur Verfügung. Wir gewinnen Erkenntnisse über Auswirkungen im Wasser, erfahren, welche Stoffe mehr oder weniger Spuren hinterlassen. Damit sind wir wieder bei der angewandten Forschung, die der Praxis dienen wird. Nach dem Führungsgrundsatz C4I – command, control, communicate, compute. Ich muss überzeugt sein von dem, was ich tue. Mit Anreizen statt mit Verboten wird es den Bauern gelingen, die Politik, aber auch die Konsumenten, von seiner Arbeit zu überzeugen.

Der Betrieb

Der Hof von Markus und Ana Maria Lüscher in Schalunen BE umfasst 57 ha LN und 3 ha Wald. Die Böden sind sandig-lehmig bis  Schwarzerdeland und werden seit 20 Jahren pfluglos bewirtschaftet. Leitkulturen sind Kartoffeln und Zuckerrüben. Weiter werden Körnermais, Raps, Weizen, Gerste und etwas Süsskartoffeln angebaut. 48 ha der Flächen können bewässert werden. Für die Schafe, die  als 35 Grossvieheinheiten zählen, dient etwas Kunst- und Naturwiese. Wenn das geplante Neubauprojekt realisiert ist,  wird die stillgelegte Rindviehmast wieder hochgefahren. Als Arbeitskräfte kommen neben dem Betriebsleiterehepaar temporäre Erntehelfer zum Einsatz. ral

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