4.08.2019 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - sum
Forschung
Ein Abzug ohne Berechtigung
Ein zu hoher Gefrierpunkt der Milch soll ein Indiz für Wasser in der Milch sein – denken viele Milchkäufer und machen deshalb Abzüge. Allerdings kann der Gefrierpunkt auch natürlicherweise erhöht sein.

Fredi Mosberger aus Gossau SG milkt 40 Kühe. In beiden Hitzeperioden im Mai und im Juni  wurde ihm je ein Prozent der Milchmenge nicht bezahlt. Der Grund: Der Gefrierpunkt der Milch war zu hoch.

«In unserem Milchkaufvertrag sind bei einem Gefrierpunkt über –0,520°C Abzüge vorgesehen», so Mosberger. «Doch ich hatte sicher kein Wasser in der Milch, was zu einem zu hohen Gefrierpunkt führen kann. Zudem wurden bei meinen Nachbarn aus dem gleichen Grund Mengenabzüge vorgenommen.» 

Hitzestress und Salzmangel

Mosberger meldete sich bei Suisselab. Dort bestätigte man ihm, dass der Gefrierpunkt im Sommer höher liege. Bei Hitzestress der Kühe, schnellwachsendem Gras oder Salzmangel könne er den Grenzwert übersteigen, ohne dass der Milch Wasser beigefügt worden sei und ohne dass dies negative Auswirkungen auf den Milchverarbeiter habe. 

Suisselab hat letzte Woche ein Merkblatt zum Thema Gefrierpunkt aufgeschaltet, um die Branche zu informieren. Laut Suisselab wurde der Gefrierpunkt schon lange aus der öffentlich-rechtlichen Milchprüfung gestrichen. Tatsächlich wird er in der Verordnung über die Hygiene bei der Milchproduktion nicht erwähnt. 

Merkblatt zum Gefrierpunkt der Milch:

Was ist der Gefrierpunkt?
Der Gefrierpunkt ist ausschliesslich abhängig von der Konzentration der gelösten Substanzen. Je höher diese Konzentration ist, umso tiefer ist der Gefrierpunkt. Reines Wasser hat einen Gefrierpunkt von 0°C. Milch enthält Milchzucker und Mineralstoffe in gelöster Form. Der Gefrierpunkt für Milch liegt normalerweise zwischen –0,540°C und –0,520°C. Rasse, Laktationsstadium, Fett- und Proteingehalt haben keinen wesentlichen Einfluss auf den Gefrierpunkt. Durch den Zusatz von Wasser und durch weitere Einflüsse wird die Konzentration der gelösten Stoffe reduziert und der Gefrierpunkt der Milch steigt.

Abweichungen:
Es zeigt sich, dass der Gefrierpunkt jahreszeitlich schwankt. Er liegt im Sommer höher, im Winter tiefer. Dies ist insbesondere auf die Änderung in der Fütterung und auf den bereits bei Temperaturen über 25°C einsetzenden Stress im Stoffwechsel zurückzuführen.

Grenzwerte und Folgen bei Abweichungen:
Da der Gefrierpunkt ohne Fehlverhalten des Tierhalters und ohne negative Auswirkungen für den Milchverarbeiter erhöht sein kann, wurde er als Messwert der öffentlich-rechtlichen Milchprüfung gestrichen. Die meisten Milchverarbeiter streben jedoch weiter einen Gefrierpunkt von höchstens –0,520°C an.

Mögliche Ursachen von Abweichungen:
Abweichungen des Gefrierpunkts kommen aus den folgenden Gründen vor:

Fütterung: Die Fütterung ist der wichtigste Faktor. Dazu gehören: 

  • bei Temperaturen über 25°C einsetzender Stress im Stoffwechsel
  • Salzmangel
  • Schnellwachsendes Gras, Schattenseiten-Gras und Waldrand-Gras enthalten weniger Zucker und  weniger Inhaltsstoffe
  • Bei Durchfall der Kühe gehen die Nährstoffe zu schnell durch die Kuh, die Nährstoffaufnahme für die Milchproduktion ist schlechter
  • Schnelle Futterumstellungen. Die Verdauung ist noch nicht dem Futter angepasst. 
  • Die Verdauung ist besser, wenn zuerst Strukturfutter verabreicht wird und nachher mehrmals Kraftfutter in nicht zu grossen Mengen.
  • Die Kuh muss mit allen Nährstoffen gut versorgt sein.
  • Einhalten genügend langer Fresszeiten verbessert die Futteraufnahme.

Grundsätzlich kann gesagt werden: Je besser eine Kuh gehalten wird und je besser der Versorgungsgrad mit allen Nährstoffen ist, umso geringer ist die Abweichung im Gefrierpunkt.

Laktationsstadium: Während des ersten Laktationsmonats steigt der Gefrierpunkt etwas an; danach sinkt er wieder. Dieser Einfluss ist aber nicht sehr gross.

Fremdwasser: Wasser kann aus Spülungen in der Melkanlage zurückbleiben und so die Milch verwässern. Das erhöht den Gefrierpunkt. Es ist deshalb darauf zu achten, dass Leitung, Behälter oder Pumpen stets vollständig entwässert sind. sum

Die meisten Milchverarbeiter setzen jedoch weiter auf die Gefrierpunktmessung. So etwa Emmi. Victoria Arnold: «Die Folgen eines zu hohen Gefrierpunktes sind im Milchkaufvertrag geregelt. Bei einem Gefrierpunkt von höchstens –0,520°C wird ein Zuschlag von 0,5 Rappen/kg Milch ausbezahlt. Abzüge gibt es erst bei einem Gefrierpunkt über –0,514°C.»

Geringfüfige Schwankunge

Jacques Gygax, Direktor des Käserverbands Fromarte, verweist ebenfalls auf die Milchkaufverträge: «Fromarte empfiehlt den Milchkäufern, die Abzüge weiterhin anhand der gültigen Milchkaufverträge vorzunehmen.» Der Gefrierpunkt der Milch sei nur geringfügigen Schwankungen unterworfen. «Gelangt Wasser in die Milch, auch unabsichtlich, kann dies mit der Gefrierpunktmessung festgestellt werden. Der Käser kann den Milchproduzenten informieren, damit dieser Massnahmen ergreifen kann.»

Reto Burkhardt von den Schweizer Milchproduzenten ist anderer Meinung: «Der Gefrierpunkt ist eine unsichere Messgrösse, da er auch durch andere Ursachen als Wasser in der Milch erhöht sein kann. Sofern die Glaubwürdigkeit und die Qualität der Milchprüfung nicht darunter leiden, können wir uns vorstellen, ihn aus den Milchkaufverträgen zu streichen.» 

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