1.05.2016 06:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Doris Grossenbacher
Fenaco
«Die Landwirte sind frei in ihrer Entscheidung»
Seit zehn Monaten präsidiert Pierre-André Geiser die Verwaltung der Fenaco. Im Interview nimmt der Landwirt aus Tavannes BE Stellung zu Grösse, Strategie und Preispolitik der Agrar-Genossenschaft.

«Schweizer Bauer»: Sie sind seit Ende Juni 2015 Präsident der Fenaco. Wie haben Sie diese ersten Monate erlebt?
Pierre-André Geiser: Es waren intensive Monate. Auf dem Betrieb bin ich viel häufiger abwesend und musste mich mit meiner Frau und meinem Sohn Alexandre organisieren. Als Präsident der Verwaltung nehme ich nun unter anderem alle zwei Wochen an der Geschäftsleitungssitzung teil. Das ist interessant. Ich erlebe die Geschäftsleitung als sehr kompetent, und sie unterstützt mich kräftig.

Wie oft sind Sie noch auf dem Betrieb aktiv?
Am Morgen melke ich regelmässig. Insgesamt arbeite ich zu rund einem Drittel auf dem Betrieb. Die übrigen zwei Drittel meiner Zeit bin ich für Fenaco und das Gemeindepräsidium von Tavannes im Einsatz, sei es zu Hause im Büro oder extern.

Was mögen Sie am meisten an Ihrem Amt?
Ich lerne gerne Leute kennen, um von ihnen Neues zu erfahren. Ich schätze die Loyalität, den Respekt und die Leidenschaft, die in der Verwaltung der Fenaco vorherrschen. Es besteht ein gutes Arbeitsklima.

Die Fenaco sei zu gross, als dass sie noch als bäuerliche Selbsthilfeorganisation funktionieren könne. Diesen Vorwurf hört man oft. Was sagen Sie dazu?
Es stimmt, dass die Fenaco seit ihrer Gründung 1993 stark gewachsen ist. Es stehen aber immer noch Leute an der Spitze, die das Ziel, die Bauern bei der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Betriebe zu unterstützen, zielstrebig verfolgen. Meine Rolle als Präsident ist, die Bedürfnisse und die Anforderungen der Bauern aufzunehmen und wenn nötig zu handeln.

Zu hohe Marktanteile verhindern den Wettbewerb und damit günstigere Preise. Trifft das auf die Fenaco zu?

Die Fenaco senkt ihre Preise laufend, etwa bei Futtermitteln oder Dünger. Dies ist möglich, weil wir konsequent auf unsere Kosten achten und gleichzeitig die Effizienz steigern. Diesen Prozess führt die Fenaco aber nicht auf Kosten anderer durch. So bezahlt die Fenaco beispielsweise ihren Lastwagenchauffeuren Löhne auf Schweizer Niveau und sorgt dafür, dass die Fahrzeuge immer in gutem Zustand und somit sicher sind. Die Landwirte sind absolut frei in ihrer Entscheidung, wo sie ein- und verkaufen möchten. Wir versuchen sie natürlich mit den besten Preisen und Dienstleistungen zu überzeugen. Wäre die Fenaco nicht mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis unterwegs, wäre sie kaum so gross geworden.

Vermehrt bilden Landwirte wieder eigene kleine Einkaufsgemeinschaften. Läuten da bei Ihnen die Alarmglocken?
Es liegt im Wesen des Landwirts, unabhängig sein zu wollen und sich nicht an ein einziges grosses Unternehmen zu binden. Auch ich habe als junger Landwirt versucht, für mein Getreide den maximalen Preis herauszuholen und es dafür zum Teil auch weiter transportiert. Mit den Jahren habe ich aber realisiert, dass es bei Fenaco um Partnerschaftlichkeit geht. Dabei nimmt man in Kauf, dass man vielleicht einmal etwas verliert, dafür das nächste Mal wieder gewinnt. Aus eigener Erfahrung als Landwirt kann ich sagen, dass auf lange Zeit gesehen die Landi der beste Partner für mich war und ist. Zu Ihrer Frage: Neue Einkaufsgemeinschaften spornen uns an, noch besser zu werden.

Die Fenaco-Tochter Landi führt im Non-Food-Bereich viele sehr günstige Importprodukte. Schadet das nicht dem Image der Bauern?
Wir bekommen an den Regionaltagungen manchmal negative Rückmeldungen von Landwirten diesbezüglich. Man muss aber sehen, dass die Landi-Läden sehr gut laufen und damit zu Erfolg und Wachstum der Fenaco-Landi-Gruppe beitragen. Das Angebot an günstigen Werkzeugen und Geräten entspricht dem Bedürfnis von Hobby-Handwerkern. Neu bieten Landi-Läden aber  auch eine Produktlinie mit professionelleren, teureren Werkzeugen an.  

Der Preisüberwacher hat im Frühling 2015 eine Untersuchung gegen die UFA gestartet wegen angeblich zu hoher Futtermittelpreise. Was ist dabei herausgekommen?
Die Untersuchungen laufen noch, weshalb wir dies nicht kommentieren. Wir blicken den Ergebnissen der Untersuchungen jedenfalls gelassen entgegen.

Kürzlich hat auch das Bundesamt für Landwirtschaft angekündigt, die Preise für Produktionsmittel genauer unter die Lupe nehmen zu wollen. Hat die Fenaco Angst davor?
Ganz und gar nicht. Es kann nicht schaden, wenn eine unabhängige Instanz das Preisgefüge der Schweizer Produktionsmittelanbieter untersucht.

Zum Betrieb

Betrieb von Pierre-André und Gladys Geiser, Tavannes BE. Bergzone I, 830 m ü. M.
Milchproduktion für die Tête-de-Moine-Käserei.
26 Milchkühe, ca. 24 Stück Jungvieh.
Fläche: 35 ha LN, davon 9 ha Brot- und Futtergetreide sowie 1 ha Grünmais. Sömmerungsfläche mit 54 Normalstössen.
Ein kleiner Campingplatz auf dem Hof
Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar und Sohn Alexandre. Lehrlinge bildet Geiser seit Kurzem nicht mehr aus, da er oft abwesend ist. Stattdessen wurden einige Arbeiten ausgelagert. gro

Wo liegen momentan die Prioritäten innerhalb der Fenaco?

Eines der wirtschaftlichen Ziele ist es, uns den 50 Prozent Eigenkapital anzunähern, um noch unabhängiger von den externen Finanzierungspartnern zu werden. Eine andere Priorität ist die Kommunikation gegenüber unseren Mitgliedern. Diese wird in einem so grossen Unternehmen immer wichtiger und soll gestärkt werden. Ein wichtiger Punkt ist auch, den Frauen mehr Platz im Unternehmen einzuräumen.

Wie soll das erreicht werden?

Ein Ansatz ist, dass wir an den Regionaltagungen interessante Referate anbieten, welche die Verantwortungsgebiete des weiblichen Publikums betreffen. Auch sollen vermehrt Frauen in verantwortungsvolle Positionen gewählt werden. Die diesjährigen Kandidaturen für die DV bieten diesbezüglich Interessantes.

Was wollen Sie als Fenaco-Präsident erreichen?

Meine Aufgabe spielt sich nicht an der Front ab. Ich sorge im Hintergrund dafür, dass wir die besten Leute am Start haben, die sich für die wirtschaftliche Entwicklung der Landwirtschaft einsetzen.

Wenn Sie heute als Junglandwirt neu in die Landwirtschaft einsteigen würden, wie würden Sie Ihren Betrieb ausrichten?
Ich bin sehr glücklich mit unserem Betrieb. Ich würde vielleicht versuchen, mehr mit den Nachbarn zusammenzuarbeiten. Aufgrund der betrieblichen Gegebenheiten würde ich weiterhin auf die Milchwirtschaft setzen. Unser Milchpreis bei der Tête-de-Moine-Käserei ist mit 70 bis 85 Rappen noch ziemlich gut. Deshalb und weil unser alter Milchviehstall nicht mehr ganz den Normen entspricht, investieren wir dieses Jahr in einen Laufstall. 

Zur Person

Pierre-André Geiser (55) ist verheiratet mit Gladys. Von ihren fünf Kindern zwischen 17 und 28 Jahren wird Alexandre den Betrieb übernehmen. Er macht zurzeit die Betriebsleiterschule und arbeitet nebenbei auf dem Betrieb mit. Pierre-André Geiser bewirtschaftet den Betrieb in Tavannes BE in dritter Generation. Er ist bilingue mit Muttersprache Französisch. Der Meisterlandwirt trat früh in den Landi-Vorstand der Region Tavannes ein. Nachdem er diesen elf Jahre präsidiert hat, wurde er zuerst in den Regionalausschuss Fenaco Mittelland gewählt und 2006 in die Verwaltung der Fenaco. Von 2010 bis 2012 war Geiser SVP-Grossrat des Kantons Bern, und seit 2010 ist er Gemeindepräsident von Tavannes. Zu seinen Hobbys gehören Wandern, Langlaufen, Velofahren und Reisen. gro

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