9.10.2014 09:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Sigrist
Zürich
Die grösste Mühle wird nun auch die höchste
Die Coop-Tochter Swissmill investiert in ihren Zürcher Standort und baut hier die grösste Mühle der Schweiz, die, wenn sie fertig ist, auch die höchste Mühle Europas sein wird. Im Winter 2015/ 2016 soll der Bau fertig sein.

Weil Grossprojekte im Raum Zürich zunehmend um Platz kämpfen müssen, strecken sie sich in die Höhe. So auch das Kornhaus der Coop-Tochter Swissmill, das bei planmässigem Verlauf im Winter 2015/16 ganze 118 Meter in den Himmel ragen wird.

Eine der letzten industriellen Betriebe der Stadt

Das sind nur acht Meter weniger als der stolze Prime Tower, der grün glänzende Büroturm im gleichen Quartier, bis heute Zürichs höchstes Gebäude und mit dem Restaurant im obersten Stock ein beliebter Aussichtspunkt. Der Entscheid zum Neubau fiel, nachdem Swissmill den Silostandort in Basel verloren hatte und beschloss, Lager und Verarbeitung an einem Ort zu konzentrieren.

«Wir sind mit unserer Mühle eine der letzten industriellen Betriebe in der Stadt Zürich», erklärt Romeo Sciaranetti, Leiter Swissmill. «Gleichzeitig sind wir die grösste Mühle der Schweiz.» Die Zahlen von Swissmill sind beeindruckend: Pro Jahr werden über 200'000 Tonnen Getreide verarbeitet, das entspricht im Schnitt 17 Bahnwagen pro Tag. «90 Prozent des Brotweizens beziehen wir aus Schweizer Produktion», so Sciaranetti.

«10 Prozent – vor allem Biogetreide – importieren wir.» Das laufende Jahr wird hier eine Ausnahme bilden: Wegen des regnerischen Wetters erzielten die Schweizer Landwirte zwar einen guten Weizenertrag, aber mit einem geschätzten Auswuchs von gegen 30 Prozent ist mit bedeutenden Qualitätseinbussen zu rechnen. Sciaranetti: «Wir werden ein zusätzliches Importkontingent anfordern müssen, um unseren Partnern die gewünschte Qualität bieten zu können.»

Nicht nur Computerdaten vertrauen

Ein Rundgang durch die diversen Gebäude von Swissmill macht klar, wie aufwändig und präzise an der Qualität der Mehle und anderen Endprodukten gearbeitet wird. Mit modernsten Computersystemen wird das Getreide von der Anlieferung im Bahnwagen bis zum Abtransport  überwacht. Ganz ohne Menschen geht es trotzdem nicht. So meint der Silochef Hans Schmid: «Ich vertraue nicht allein den Computerdaten. Oft gehe ich hinaus zu den Bahnwagen, rieche an der Lieferung und kaue einige Körner, um sicher zu sein, dass gute Ware angeliefert wird».

75 Mitarbeiter zählt die Swissmill, viele davon gelernte Müller, wie zum Beispiel Raimund Eigenmann, heute Leiter Produktion und Technik und Mitglied des Managements. Mit Begeisterung präsentiert er das Werden des neuen Kornhauses, beschreibt die bereits nicht mehr sichtbaren 40 Meter tiefen Betonpfeiler des zusätzlichen Fundaments, die neuen, erdbebensicheren Betonscheiben und den Betrieb, der trotz Neu- und Umbauten funktionieren muss.

Solarzellen an der Fassade

«Unser Kornhaus ist eine Meisterleistung von Architekten und Ingenieuren», lobt er. «Es wird über dem alten erstellt, welches schlussendlich 60'000 Tonnen auf sich tragen wird». Nach dem erfolgten Spatenstich im Mai 2013 wird zügig auf das geplante Bauende im Winter 2015/16 hingearbeitet. An der Fassade im Südwesten werden Solarzellen montiert, modern und umweltbewusst, bei Swissmill jedoch schon seit vielen Jahren Tradition.

«Unser Unternehmen ist – als Coop-Tochter – schon lange ökologisch ausgerichtet», erklärt Romeo Sciaranetti. «Die ersten Solarzellen wurden in den 90er-Jahren errichtet. Unser Fernziel ist eine CO2-neutrale Produktion im Jahr 2023.» Das bedeutet, dass vor allem der Abtransport der Waren neu überdacht werden muss, wobei das bei dem beschränkten Platz keine einfache Aufgabe sein wird.

Mit Loks nach Osten

Doch auch hierzu sind bereits Visionen am Entstehen. «Wenn wir von den SBB unabhängig wären, könnten wir unsere Schienentransporte selber regeln, und es wäre kostengünstiger», skizziert Raimund Eigenmann ein mögliches Zukunftsszenario. «Wir könnten mit unseren Loks nach Osten fahren, Ungarn, Rumänien, ja bis nach Russland und von dort das Getreide holen.»

Dieses Suchen nach eigenen Wegen, nach unkonventionellen Lösungen lässt sich vielleicht zu einem Teil aus der Geschichte der ehemaligen Stadtmühle erklären: 1843 als Getreidemühle an der Limmat gebaut, wurde sie 1913 Teil der Mühlengenossenschaft des Schweizerischen Konsumvereins. Sie ist noch immer eine Genossenschaft – «mit gewerkschaftlichem Bewusstsein», wie Eigenmann stolz erklärt. Beim Rundgang durch den Betrieb wird vor allem deutlich, wie sorgfältig und vorausschauend das Unternehmen von der jeweiligen Führung geleitet wurde. So muss für den Neubau nichts abgerissen werden, sondern er kann auf den Grundfesten gebaut werden, welche die Vorfahren gelegt haben.

Zellen trennen Getreide

Das neue Silo wird von aussen wie eine stilisierte Garbe in schlichtem Beton aussehen, sechs Teile schmal, acht Teile breit. Innen ist das Silo in viele Zellen aufgeteilt, damit die verschiedenen Getreide und Getreidemischungen getrennt eingefüllt werden können. Weil die Kundenwünsche eher zu- als abnehmen, werden Lagerung und Mahlung immer aufwändiger. «Die Siloaufteilung ist kompliziert», meint Raimund Eigenmann. «So viele Sorten, so viele Labels. Es ist ein Zeichen unserer Wohlstandsgesellschaft.»

Aber auch wenn er innerlich darüber stöhnen mag, umgehen lässt es sich nicht. Vorbei sind die Zeiten, als beim Müller Korn angeliefert und nur wenige Mehle produziert wurden. Vorbei sind definitiv die Zeiten, als Mühlräder sich beschaulich neben einem Fluss drehten. Swissmill hat das schon lange erkannt und mit dem neuen Kornhaus einen weiteren Stein auf dem Weg in die Zukunft gesetzt.

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