10.04.2019 08:40
Quelle: schweizerbauer.ch - Mathias Binswanger*
Markt
Darum ist die Wertschöpfung so gering
Warum ist die Wertschöpfung in der Landwirtschaft so gering? Das hat viel mit der Marktmacht der Grossverteiler Coop und Migros zu tun. So müssen die Bauern die ihnen gesetzten tiefen Preise akzeptieren.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat vor Kurzem mehrere Studien zur Landwirtschaft publiziert. Dort wurde die Wertschöpfung in der Lebensmittelproduktion der Schweiz unter die Lupe genommen und nach Ursachen der im Vergleich zum Ausland hohen Schweizer Lebensmittelpreise gesucht. Vor allem sollte auch die Rolle des Grenzschutzes für landwirtschaftliche Produkte beleuchtet werden. Denn gerne hätte man aufgezeigt, dass der Grenzschutz zwar für hohe Preise sorgt, aber den Bauern trotzdem nicht viel hilft. Das wäre dann ein Argument, um den Grenzschutz weiter abzubauen, da dieser diversen geplanten Freihandelsabkommen im Wege steht.

Viel bleibt beim Handel

Tatsächlich kommen hohe Lebensmittelpreise in der Schweiz nur zu einem geringen Teil den Bauern zu Gute, aber das liegt nicht am Grenzschutz. Die Studien zeigen vielmehr auf, dass diese hohen Preise in der Schweiz wenig mit der Landwirtschaft und viel mit dem Schweizer Handel zu tun haben. Die Wertschöpfungskette in der Schweizer Lebensmittelproduktion besteht zur Hauptsache aus den Stufen Landwirtschaft, Nahrungs- und Genussmittelindustrie sowie Handel.

Der Anteil der Landwirtschaft an der inländischen Wertschöpfung beträgt zwischen 10 und 15 Prozent, während der Anteil des Handels bei 50 Prozent liegt. Im internationalen Vergleich kommen die Schweizer Bauern damit speziell schlecht und der Handel speziell gut weg. Der hohe Wertschöpfungsanteil des Handels liegt vor allem daran, dass dieser in der Schweiz höhere Bruttomargen (Differenz zwischen Umsatzerlösen und Waren- bzw. Materialeinsatz) erwirtschaftet als im Ausland.

Weniger für Bauern, teurer für Konsumenten

Gemäss Zahlen der Beratungsfirma Deekeling Arndt Advisors beträgt die Bruttomarge bei der Migros rund 40 Prozent und bei Coop rund 30 Prozent. Diese Werte liegen weit über dem internationalen Durchschnitt, der weniger als 20 Prozent beträgt. Diese hohen Margen lassen sich zum Teil damit erklären, dass Migros und Coop nicht nur Händler, sondern auch Hersteller von Lebensmitteln sind und hohe Lohnkosten haben. Doch die überdurchschnittlichen Margen hängen auch mit der grossen Marktmacht von Migros und Coop zusammen, die gemeinsam rund 70 Prozent des Umsatzes im Lebensmittelhandel ausmachen.

Diese Marktdominanz wirkt sich zuungunsten der Bauern aus, da vielen kleinen Anbietern (den Bauern) wenige grosse Nachfrager wie Migros und Coop gegenüberstehen, welche die Bedingungen diktieren können. Das heisst, die Bauern müssen die von den Nachfragern gesetzten niedrigen Preise akzeptieren, ohne dass sie eine Ausweichmöglichkeit haben. Dies hat dazu geführt, dass Bauern heute für ihre Produkte rund 30 Prozent weniger bekommen als noch 1990, aber die Konsumenten andererseits höhere Preise bezahlen als 1990. Auf diese Weise hat sich die Wertschöpfung immer mehr weg vom Bauernhof hin in die Verarbeitung, vor allem in den Handel verschoben. Dies wird zwar teilweise kompensiert durch Programme wie «Aus der Region, für die Region», doch am generellen Trend hat dies nichts geändert.

Zwar produktiver

Wie sollen die Bauern auf diese Entwicklung reagieren? Die seit Jahrzehnten stereotype Antwort auf diese Frage lautet: Sie müssen innovativer und produktiver werden. Doch Innovation stösst in der Landwirtschaft schnell an Grenzen, wenn es um Produktinnovationen geht. Denn Verarbeiter und Handel wollen von den Bauern keine differenzierten Produkte, sondern homogene Rohstoffe wie Rohmilch oder eine bestimme Weizensorte, wo es keine Rolle spielt, ob das Produkt vom Bauer A, B oder C kommt.

Also konzentrieren sich Innovationen vorwiegend auf Produktivitätssteigerungen. Und tatsächlich sind die Landwirte in der Schweiz immer produktiver geworden. Und auch im Vergleich zu Österreich, wo die Landwirtschaft unter ähnlichen Bedingungen stattfindet, schneiden die Schweizer Landwirte bei einem Produktivitätsvergleich gut ab.

... aber in der Tretmühle

Doch leider hat ihnen dieser Fortschritt nicht geholfen. Stattdessen gerieten sie in die sogenannte landwirtschaftliche Tretmühle, wo Produktivitätsfortschritte vor allem zu Preissenkungen führen, da die Mehrproduktion auf keine erhöhte Nachfrage trifft. Auf diese Weise profitieren letztlich die Verarbeiter und der Handel von den Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft, da sie deren Erzeugnisse aufgrund höherer Produktivität zu geringen Preisen bekommen. Immer weniger Bauern produzieren so immer grössere Mengen, aber bekommen immer weniger Geld dafür.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus diesen Beobachtungen? Die Zahlen zeigen, dass nicht geringe Produktivität oder hohe Produzentenpreise, sondern die geringe Wertschöpfung auf dem Bauernhof das Problem der heutigen Landwirtschaft ist. Hier muss die Agrarpolitik in Zukunft ansetzen. Solange Bauern gezwungen sind, in erster Linie homogene Rohstoffe an einen marktmächtigen Handel zu verkaufen, ist eine Verbesserung der Einkommenssituation illusorisch. 

*Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Dieser Beitrag erschien zuerst in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 3. April 2019. 


SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE