5.08.2014 10:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Floeder-Bühler, lid
Einkommen
Bauernfamilien: Druck wächst
Die Lebensform auf dem bäuerlichen Familienbetrieb ist für viele Bäuerinnen und Bauern unentbehrlich. Wenn allerdings die Geldsorgen zu sehr drücken, ist es an der Zeit, etwas zu unternehmen: Aussteigen, innerbetrieblich wachsen oder sich mit anderen zusammentun. Noch hapert es bei der Teambildung und dem Konfliktmanagement.

Das Arbeitseinkommen der Standardarbeitskraft (SAK) beträgt pro Jahresarbeitseinheit (JAE) 11‘000 Franken (Lips, 2006). Wachstum bedeutet vielleicht mehr Einkommen, aber auch mehr Druck, mehr Stress. Im Kanton Graubünden wachsen Betriebe sehr stark.

Sandra Contzen, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie, stellt bei den Bündner Bauerfamilien einen hohen psychischen Druck fest, der sich unter anderem in Burnout und Scheidung manifestiert. Im Jahr 2013 haben sieben Bündner Bauern Suizid begangen, zwei davon auf Vorzeigebetrieben.

Betriebsaufgabe kaum attraktiv

In der Schweiz ist jeder Quadratmeter kultiviert, der Siedlungsdruck steigt. Damit die einen Betriebe ihre Fläche vergrössern können, müssen andere weichen. "Wann scheiden Landwirte aus?" fragt Stefan Mann, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie. Das Einkommen in der Landwirtschaft ist zwar tief, aber die staatliche Stützung ist, geschickt eingefädelt, nicht unerheblich.

Eine alternative Nutzung des Landeigentums ist aus rechtlichen Gründen kaum möglich. Die Fachkompetenz liegt in der Landwirtschaft, eine Tätigkeit der Landwirtin oder des Landwirts als Hilfskraft ausserhalb der Landwirtschaft ist nicht sehr lukrativ und unbefriedigend. Die Opportunitätskosten (Alternativertrag minus entgangener Ertrag) animieren nicht zum Wechsel.

Spätestens auf das 65. Altersjahr hin, wenn die Direktzahlungen gestrichen werden, steht die Nachfolgefrage an. Für die Nachkommen stellt sich nicht die Frage nach dem Ausstieg, sondern die Frage nach der Erwartung an den Nutzen des Landwirteberufs auf dem bestehenden Betrieb. Andere berufliche Laufbahnen als Fachkraft stehen offen. Für die Landwirtschaft spricht, dass die Realteilung der Vergangenheit angehört. Wenn dann noch die Produktpreise steigen oder der Betrieb durch Veränderungen, zum Beispiel durch neue überbetriebliche Zusammenarbeit oder Spezialisierung finanziell und als Arbeitsplatz attraktiver wird, entscheiden sich die Jungen eher für die Übernahme.

Beruf mit Berufung

"Ich denke, diesen Beruf muss man mit Freude machen, sonst bringt das nichts. Man muss diese Arbeit lieben, sonst kommt man zu kurz. Wenn man es nur als Arbeit sieht, um Geld zu verdienen … man muss sagen, dass wir viel zu viel arbeiten und viel zu wenig verdienen. Man muss das schon aus Überzeugung tun", zitiert Contzen aus einer Umfrage (Droz, 2014). Bäuerliches Ethos wiegt wirtschaftliche Überlegungen mit Lebensqualität auf.

Die Arbeit muss Freude machen, denn die wöchentliche Arbeitszeit der Bäuerinnen und Landwirte lag 2012 im Schnitt bei 60 Stunden, gefolgt von Wirten mit 55 Stunden und übrigen Gewerbetreibenden und Selbständigen mit 48 Stunden. Die Arbeitnehmenden in der Schweiz halten den Durchschnitt von 42 Wochenstunden. Der hohe Arbeitsaufwand auf dem Bauernhof wird nicht finanziell entlöhnt, im Gegenteil: Der Medianlohn (Bruttolohn aller Vollerwerbstätigen eines Landes) der Landwirte und Bäuerinnen ist weitaus unter demjenigen der übrigen Bevölkerung.

Selbstständigkeit hohes Gut

Menschen vergleichen sich mit jenen, denen es gleich gut oder schlechter geht. Sie schrauben ihre Erwartungen herunter und passen ihre finanziellen Erwartungen und Vorlieben ihrem Standard an. Diese Fähigkeit des Menschen zur Entwicklung adaptiver Präferenzen ermöglicht ein zufriedenes Leben, auch wenn es äusserst knapp zugeht. Eine Bäuerin, die eine sechsköpfige Familie mit monatlich 500 Franken Haushaltgeld durchbringen muss, weiss, dass sie nicht im Luxus lebt. Dennoch möchte sie sich nicht ausmalen, wie ihr Mann täglich auswärts arbeiten geht.

Das Schweizer Marktforschungsinstitut GFS erhebt in periodischen Umfragen zur Einschätzung der Situation der Bauernfamilien. Die Ergebnisse zeigen immer wieder, dass die Bauernfamilien die mit der bäuerlichen Situation verbundene Selbstständigkeit, die Arbeit in der Natur und mit Tieren, den Alltag im familiären Kontext und die Abwechslung besonders schätzen.

Wachsen hat mit Weichen zu tun

Die Agrarpolitik sollte eher den Ausstieg fördern als den Einstieg. Das Verharren in einer letztlich unerträglichen Situation über den Generationenwechsel hinweg tut weder den Menschen noch der Landwirtschaft gut. Resignation motiviert nicht zu Innovation und Wachstum. Künftige Massnahmen für den Ausstieg aus der aktiven Landwirtschaft müssen so gestaltet werden, dass sie nicht auf Kosten der Lebensqualität gehen. Das bestehende Umschulungsangebot für Ausstiegswillige wurde 2012 gerade einmal von einer Person genutzt.

Mit Flächenvergrösserung allein ist es auch nicht getan. Ökonomisches Wachstum, welches das Zurückholen von Fachkräften aus dem ausserbetrieblichen Nebenerwerb in den landwirtschaftlichen Betrieb beinhaltet, geht nur via überbetriebliche Zusammenarbeit in verschiedensten Formen. Trotz der Transaktionskosten, die ein Projekt für die Zusammenarbeit mit sich bringt, wurde bisher die Hälfte davon wieder rückgängig gemacht – nochmals mit Kostenfolgen. Hier fehlt die soziale Fitness. An diesem Punkt ist die Beratung aufgefordert, sich über den technischen, finanziellen und rechtlichen Bereich hinaus auf die sozialen Fragen der unternehmerischen Zusammenarbeit auszudehnen.

Literatur:
Droz, Y. (2014). AgriGenre. Von Gleichstellung der Geschlechter, Nationales Forschungsprogramm NFP 60
Lips, M. (2006). Einfluss der Standardarbeitskraft auf das Arbeitseinkommen. Agrarforschung 13, (7), S. 290-295

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