14.05.2018 17:29
Quelle: schweizerbauer.ch - Christof Hirtler
Uri
Bauern kämpfen für Notstrasse
Während im Urner Talboden die Bäume blühen, das Vieh weidet und Heu eingebracht wird, liegt im Meiental noch viel Lawinenschnee. Sieben Monate dauert hier oben der Winter. Und er ist gefährlich.

Fünf Grosslawinen bedrohten die Menschen im Meiental und verschüttete immer wieder die Strasse zwischen dem Weiler Husen und dem Dorf Meien. Tagelang war das Meiental abgeschnitten. Die Bewohner fordern seit 31 Jahren den Bau einer einspurigen Notstrasse mit drei Tunneln durch die zwei Kilometer lange Lawinenzone. 1987 wurde die Erstellung der wintersicheren Strasse in einer kantonalen Abstimmung beschlossen, doch gebaut worden ist sie nie.

Heliflug als Zückerli

Im Meiental wohnen auf fünf Weiler verstreut 60 Personen, sechs Familien leben von der Landwirtschaft. Die Bäuerin Verena Walker wohnt im untersten Weiler des Meientals, in Husen. «Wir werden immer ein wenig vergessen. Viel Geld wird im Urner Talboden investiert, bei uns passiert nichts.» Als CVP-Politikerin vertritt sie die Interessen des Meientals im Landrat, dem Kantonsparlament: «Wir verlangten 2013 mit einer Motion vom Regierungsrat die Realisierung der wintersicheren Notstrasse in einem Zeitraum von zehn Jahren.» 

Der Regierungsrat erstellte einen Bericht, die Kosten wurden auf 14,8 Millionen Franken berechnet. 2014 kam das definitive Aus. «Das Projekt stehe in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis», so das Argument des Landrates. Stattdessen bewillige der Regierungsrat Helikopterflüge sowie Unterkünfte für Schulkinder und Pendler während der Sperrzeiten. «Diese Alternativen bringen uns wenig», betont Verena Walker. «Der Heli ist nur ein Zückerli für uns.» 

Sperrungen führen zu Einkommensverlusten

Der Bauer Andreas Baumann sitzt am Küchentisch seines Hauses im Dörfli Meien und erzählt: «Wir haben sieben Monate Winter. Die Strasse war wegen Lawinengefahr oft geschlossen. Für uns Bauern bedeuten die vielen Sperrungen Einschränkungen und Einkommensverluste.» Er sei beim Label «Coop-Naturafarm» und sollte die Kälber nach 160 Tagen abgeben. Wenn die Tiere zu schwer seien, werde der Label-Zuschlag nicht bezahlt. 

«Darum müssen wir oft trotz des Fahrverbots fahren. Das geht auf die Dauer nicht.» Und weil der Besamer bei einer Strassensperrung nicht mit dem Heli ins Meiental fliegt, steht bei Andreas Baumann ein OB-Stier im Stall. Er muss auch bei der Zucht Kompromisse machen. «Nur eine Notstrasse mit Tunnel bietet hundertprozentigen Schutz. Wenn der Kanton kein Risiko eingehen will, muss er bald etwas unternehmen», sagt Baumann und fügt hinzu: «Die Schulkinder fahren vier Mal täglich durch die Lawinenzone.»

Wo bleiben Bewohner?

«Das Tal wird in seiner Entwicklung behindert», sagt Josef Baumann, Präsident von «Pro Meien», der Selbsthilfeorganisation des Meientals. «Ohne eine wintersichere Verbindung sind junge Leute gezwungen, das Tal zu verlassen. Kein  Arbeitgeber stellt Leute ein, die nicht regelmässig zur Arbeit erscheinen können.» Andreas Baumann erwartet von einer wintersicheren Verbindung eine Stabilisierung der Bevölkerungszahl: «Das Meiental würde als Wohnort für junge Familien wieder attraktiver. Leben käme ins Tal zurück.»

«Das Meiental wird langsam ein Museum», sagt Verena Walker nachdenklich. «Die traditionellen Meientaler Holzzäune werden erneuert, es gibt Geld für die Biotopaufwertung und für Landschaftsentwicklung. Auch für den Unterhalt der alten Sustenstrasse wird gesorgt, damit alles im Sommer für die Touristen bereit ist. Und wir? Wir leben das ganze Jahr hier, der Winter dauert sieben Monate. Bei der wintersicheren Notstrasse geht es um die Frage der dezentralen Besiedlung – oder anders ausgedrückt: Unterstützt der Kanton Uri eine lebenswerte Zukunft im Meiental?»

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