30.03.2015 16:49
Quelle: schweizerbauer.ch - ral/blu/sda
Bern
Bahnwerkstätte statt Hof - Bevölkerung erzürnt
Das Bahnunternehmen BLS, das mehrheitlich im Besitz des Kantons Bern ist, will im Westen der Stadt Bern eine neue Werkstätte bauen. Dafür müsste ein stattlicher, alter Bauernhof in einem idyllischen Weiler weichen - die Volksseele kocht.

Im Restaurant Bahnhöfli in Riedbach herrschte letzte Woche dicke Luft, als BLS-Chef Bernard Guillelmon die Bevölkerung über die Pläne seines Unternehmens informierte. Rund 200 Personen drängten sich in das «Sääli» - mit verschränkten Armen und einer Wut im Bauch sassen sie dort - ihnen gegenüber BLS-Chef Bernard Guillelmon, der vergeblich um Verständnis warb.

Rücksichtloses Bahnunternehmen

Dass die BLS eine neue Werkstätte bauen will, ist seit geraumer Zeit bekannt. Der heutige Standort in Bern wird neuen Gleisen weichen müssen. Inzwischen prüfte das Unternehmen neue Standorte - ganz im stillen Kämmerlein. Am 19. März dann platzte die Bombe: im beschaulichen Weiler Buech in Riedbach bei Bern soll das grosse Zugdepot mit 15 Gleisen im Jahr 2025 in Betrieb gehen.

In Buech wurden in den vergangenen Jahren etliche Neubauten realisiert. So wurde eine Recyclinganglage aus Stadt in das ländliche Gebiet ausgelagert. Auch wurde ein Standplatz für Fahrende erstellt.

Rund 20 Landeigentümer wären von der Werkstätte betroffen, die notfalls enteignet würden, wie die BLS von Anfang an klar machte. Unsensibel und diktatorisch sei dieses Vorgehen von der BLS, war man sich im «Bahnhöfli» einig. Für jeden Abfallkübel gebe es ein Mitwirkungsverfahren, aber wenn ein ganzer Bauernhof ausradiert werde, dann nicht.

Nur Riedbach soll geeignet sein

Infos «aus erster Hand» würden sie weitergeben, betonten BLS-CEO Bernard Guillelmon, Peter Fankhauser, Leiter Bahnproduktion, und Rudolf Abbühl als Verhandlungsleiter Landerwerb den Anwohnern. Dass die Räumlichkeiten in der Berner Aebimatt eng würden und dass deshalb eine neue Werkstätte für den Unterhalt der täglich 10'000 verkehrenden Züge gebaut werden muss, leuchtet ein.

«21 Standorte haben wir geprüft. Dieser hier in Riedbach ist aber der einzige, der geeignet ist», gibt Fankhauser zu verstehen. Im Weiler Buech sollen anstelle eines Bauernhofs ein 140x150 Meter grosses Gebäude sowie umfangreiche Gleisanlagen geplant werden. Der Betrieb wird im 24-Stunden-Turnus geführt. Man plane für die nächsten 50 Jahre, sei aber erst am Anfang. «Das hier ist erst eine Machbarkeitsstudie, es gibt noch keine Pläne.» Wo denn die anderen Standorte seien, wollte eine Votantin wissen. Das könne man hier nicht sagen, wichtig sei, dass die Betroffenen die Infos direkt und nicht aus den Medien erfahren sollten. Insgesamt werden über 20 Hektaren Kulturland benötigt.

«Wir kämpfen»

Der betroffene Hof liegt in der Tat in einem beschaulichen, grünen Weiler: ein altes Rieghaus mit ausladendem Dach, grosser Scheune und einer ordentlichen «Hostet». Der Blick schweift von dort über grüne Matten und Felder im Umland. Die Bauernfamilie Kohler reagierte sichtlich geschockt auf den Entscheid der BLS. Doch kampflos wollen die Kohlers nicht aufgeben, wie der Bauer in der «Berner Zeitung» zitiert wurde.

Mit ihrem Entschied stach die BLS in ein Wespennest. Bauernorganisationen, Landschaftsschützer und selbst die Stadt Bern reagierten verärgert über die Pläne, eine neue Bahnwerkstätte mitten ins Grüne zu bauen.

Schmidt punktet

Der Stadtberner Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) klappte sogleich das Visier herunter: er wolle nicht, dass der Weiler Buech der Bahnwerkstätte geopfert werden, sagte Schmidt kurz nach Bekanntwerden der BLS-Pläne. Umgehend versuchte Schmidt, der BLS-Spitze ein Areal weiter östlich beliebt zu machen.

Indirekt schoss Schmidt damit gegen Gemeinderatskollege Alexander Tschäppät (SP). Bei seinen Abklärungen fand Schmidt heraus, dass das zu Tschäppäts Direktion gehörenden Stadtplanungsamt eine Anfrage der BLS zu dem weiter östlich liegenden Areal abschlägig beantwortet hatte.

Stadt und BLS im Gespräch

Der ganze Wirbel sorgte dafür, dass sich Stadt und BLS am Montag zu einer ersten Aussprache trafen. Schmidt und Tschäppät liessen sich aus erster Hand informieren. Sie betonten, dass der Stadtberner Gemeinderat das von der BLS ausgewählte Areal im Weiler Buech in Riedbach für heikel halte. Das Gelände sei eine intakte und hochwertige Landschaftskammer von grossem Nutzen für die Landwirtschaft und für die Naherholung suchende Bevölkerung.

Konkret zum Projekt will sich die Berner Stadtregierung erst nach eigenen Abklärungen äussern. Die BLS-Spitze zeigte Verständnis für den Ärger des Stadtberner Gemeinderats. Die Gespräche sollten im Sommer fortgesetzt werden, liessen beide Seiten verlauten.

Unterdessen macht die BLS erst einmal weiter. Sie nimmt nach eigenen Angaben vom Montag Vorbereitungen an die Hand, um die gesetzesmässigen Verfahren abzuwickeln. «Die BLS wird alles daran setzen, mit den betroffenen Eigentümern eine einvernehmliche Lösung zu erzielen», wird Guillelmon in der Mitteilung zitiert.

Widerstand vorprogrammiert

Für die Besucher der Infoveranstaltung mag dies nur ein sehr schwacher Trost sein. «Das ist bis jetzt ein Lehrbubenstück», ereiferte sich Bauer Ruedi Hofmann im Bahnhöfli zu Riedbach. «Es gibt doch einige Flugplätze, die nicht mehr gebraucht werden.» Diese müssten aber gut erreichbar sein, dies sei eben im Beispiel Frutigen nicht der Fall, so Fankhauser.

Ebenfalls Anwohner, Bauer und Anwalt Daniel Lehmann braucht klare Worte: «Wir haben das Ziel, der BLS das Leben so sauer wie möglich zu machen», sagt er und verweist auf den Rechtsdienst des Berner Bauernverbands Lobag. «Fangt nochmals ganz von vorne an», forderte ein Votant. «Nochmals: Wir sind erst ganz am Anfang», beteuert Fankhauser erneut.

Bauer könnte Züge waschen

Aber: Der BLS-Verwaltungsrat hat entschieden, die entsprechenden Planungsarbeiten für den vorgesehenen Neubau in Angriff zu nehmen. Mit einem Baubeginn sei frühestens 2020 zu rechnen, die Inbetriebnahme sei per 2025 geplant, heisst es in einer Mitteilung. Ein Entscheid am Bürotisch oder nicht? «Mir si ja nid einisch uf em Bitz gsi», so Fankhauser.

Für Andreas Kohler, den Bauern, der bald ohne Hof dastehen könnte, hatte der BLS-Vertreter gemäss "Berner Zeitung" eine Alternative anzubieten. «Ich könne die letzten Jahre bis zur Pensionierung in der BLS-Werkstatt Züge waschen», erzählte Andreas Kohler unter Tränen.

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