12.06.2019 07:39
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Detailhandel
Aldi: Tüten kosten bald
Der Discounter Aldi will eine Vorreiterrolle im Kampf gegen die Plastiktütenflut übernehmen. Doch bei Umweltschützern und Wettbewerbern stösst der Vorstoss auf überraschend wenig Gegenliebe.

Die klassischen Plastiktüten sind im deutschen Lebensmittelhandel kaum noch zu finden. Doch dünne Plastikbeutel zur Verpackung von losem Obst und Gemüse werden nach wie vor milliardenfach verwendet. Dagegen will Aldi nun etwas tun. Der Discounter kündigte am Dienstag an, er werde im Interesse des Umweltschutzes die kostenlosen Obst- und Gemüsebeutel abschaffen.

Wer bei dem Billiganbieter beim Einkauf von Äpfeln, Birnen oder Tomaten nicht auf den sogenannten Knotenbeutel verzichten will, muss dafür vom Sommer an einen Cent pro Stück zahlen, wie das Unternehmen am Dienstag ankündigte. Dafür ist der Beutel dann aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Die «Süddeutsche Zeitung» hatte zuvor über die Aldi-Pläne berichtet. Bei Umweltschützern und anderen Handelsketten stiess der Vorstoss des Händlers allerdings auf Kritik.

Bisher bieten die grossen deutschen Lebensmittelhändler die dünnen Kunststoffbeutel in ihren Obst- und Gemüseabteilungen in der Regel noch kostenlos an. Aldi will dies Praxis jedoch beenden und damit eine Vorreiterrolle im deutschen Detailhandel übernehmen.

«Wir würden uns freuen, wenn andere Händler mitziehen. Denn nur durch eine branchenweite Lösung könne wir bei der Reduzierung der Plastiktüte einen grossen Schritt nach vorne machen», sagte Aldi-Managerin Kristina Bell. Die Erfahrung bei den normalen Plastiktüten habe gezeigt, dass Umdenken einsetze, wenn Geld dafür verlangt werde.

Während der Verbrauch an «klassischen» Plastiktüten in den vergangenen Jahren drastisch gesunken ist, wurden auch 2018 in Deutschland nach Angaben des Bundesumweltministeriums noch rund drei Milliarden der dünnen Knotenbeutel verbraucht, ähnlich viele wie in den Jahren zuvor.

«Reine Symbolpolitik»

Bei Umweltschützern stiess die Aldi-Initiative dennoch auf erhebliche Vorbehalte. Die Deutsche Umwelthilfe bewertete den Schritt als «reine Symbolpolitik». Ein signifikanter Lenkungseffekt sei bei einem derart niedrigen Preis nicht zu erwarten. Auch die deutsche Greenpeace-Sprecherin Viola Wohlgemuth bezeichnete die Initiative als «Augenwischerei».

Der Umstieg auf Bioplastik sei keine Lösung, denn auch diese Material brauche sehr lange, bis es verrotte. Wenn Aldi hier wirklich etwas tun wolle, müsse es das Einkaufen von unverpackten Produkten aktiv fördern. «Toll wäre es, wenn es einen Preisnachlass für unverpackt gekaufte Ware geben würde, statt mehr Geld für die Beutel zu nehmen. Das könnte gerade bei der preisorientierten Kundschaft von Aldi funktionieren», sagte sie.

Kritik an Aldis Vorstoss kam auch von konkurrierenden Detailhändlern. Ein Edeka-Sprecher verwies darauf, dass die sogenannten Knotenbeutel im Discount ohnehin kaum eine Rolle spielten, da dort nur wenige Produkte lose verkauft würden. Auch dass die Kunden künftig für die Beutel in die Tasche greifen sollen, kam bei der Konkurrenz nicht gut an.

«Bisher werden die Kontenbeutel dem Kunden frei zur Verfügung gestellt. Diesen Service lässt sich Aldi zukünftig bezahlen und verdient auch noch an der Massnahme», rügte der Edeka-Sprecher. Dabei sei es mehr als fragwürdig, ob es durch den 1-Cent-Aufschlag wirklich zu einem veränderten Verbraucherverhalten kommen werde. Edeka setze stattdessen auf einen ganzheitlichen Ansatz zur Plastikreduktion. Ähnlich äusserte sich die Edeka-Discount-Tochter Netto.

Weniger Plastiksäckli in der Schweiz

In der Schweiz ist derweil die Verwendung von Einweg-Plastiksäcklein im Detailhandel erneut stark gesunken, wie die Swiss Retail Federation und die IG Detailhandel Schweiz Anfang Juni mitgeteilt hatten. Sie ging im vergangenen Jahr um weitere 14 Prozent auf knapp 56,57 Millionen Stück zurück

Werden die Zahlen mit 2016 verglichen, als die Detailhandelsbranche auf freiwilliger Basis die «Raschelsäckli» nicht mehr gratis abgab, sind über 86 Prozent weniger Plastiksäcke zum Preis von fünf Rappen pro Stück abgesetzt worden.

Das ursprüngliche Reduktionsziel sei damit bereits erheblich übertroffen worden. Der Verbrauch von Einweg-Plastiksäcken an Kassen, an denen hauptsächlich Lebensmittel verkauft werden, sollte bis 2025 um rund 70 bis 80 Prozent verringert werden.

Im Oktober 2016 hatten die Swiss Retail Federation und die IG Detailhandel Schweiz eine «Branchenvereinbarung zur Verringerung des Verbrauchs von Einweg-Plastiksäcken» abgeschlossen, um anstelle eines Verbots einen pragmatischen zur Verringerung der Plastikabfälle zu finden.

Plastiksäckchen in den Gemüseabteilungen von Schweizer Detailhändlern sind von den Gebühren im Gegensatz zu denjenigen an der Kasse allerdings zumeist nicht betroffen.

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