8.05.2019 11:13
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Umfrage
Würden Sie aus dem ÖLN aussteigen?
Sie erhitzt die Gemüter: Die Trinkwasserinitiative. Der Schweizer Bauernverband warnt vor der Volksinitiative. Viele Betriebe würden nicht umstellen und aus dem ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) aussteigen. Die Initiative wäre für die Ökologie so insgesamt negativ. Wie würden Sie mit Ihrem Betrieb verfahren? Abstimmen und mitdiskutieren

2018 wurde die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» eingereicht. Sie fordert, dass Betriebe, die Pflanzenschutzmittel einsetzen oder Futter für ihre Tiere zukaufen, keine Direktzahlungen mehr erhalten. Landwirtschaftsbetriebe, die Antibiotika in der Tierhaltung prophylaktisch einsetzen und deren Produktionssystem einen regelmässigen Einsatz von Antibiotika nötig macht, sollen ebenfalls von Direktzahlungen ausgeschlossen werden.

Auch die landwirtschaftliche Forschung, Beratung und Ausbildung sowie Investitionshilfen sollen nur noch mit Bundesgeldern unterstützt werden, wenn sie einen wirksamen Beitrag an eine konsequent nachhaltige Landwirtschaft leisten. Das Begehren ist nach Einschätzung der Initianten dringlich. Denn der intensive Einsatz von Pestiziden, Antibiotika und riesigen Mengen an importierten Futtermitteln in der Landwirtschaft verschmutze die Gewässer und das Trinkwasser, zerstöre die Biodiversität, belaste die Böden und fördere die Entstehung der antibiotikaresistenten Bakterien.

6 von 11 würden aussteigen

Der Schweizer Bauernverband (SBV) schlägt jedoch Alarm. Die Initiative verfehle ihr Ziel. Nach einem Ja könnten Bauern auf Direktzahlungen verzichten und im Gegenzug ihre Produktion intensivieren. Deshalb wurde die Berner Fachhochschule für Agrar,- Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) mit einer nicht repräsentativen Fallstudie beauftragt.

Untersucht wurden elf Betriebe. Die Resultate untermauern die Befürchtung des SBV. 6 der 11 Betriebe würden aus dem Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) aussteigen und auf Direktzahlungen verzichten. Bei den Obst- und Weinbaubetrieben sei es die Forderung, ganz auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten, die dafür den Ausschlag gäbe. Für diese würde der vollständige Verzicht auf Pflanzenschutzmittel erhebliche Ertragseinbussen und nicht tragbare Produktionsrisiken mit sich bringen, heisst es in der Studie.

Brechen Biopreise zusammen?

Ein gleiches Bild hat sich bei Schweine- und Geflügelhalter ergeben. Für die meisten ist es unrealistisch, die Nutztiere ausschliesslich mit auf dem Betrieb produzierten Futter zu füttern. Auch diese Betriebe würden auf Direktzahlungen verzichten oder die Tierhaltung aufgeben. Die anderen 5 Betriebe, es sind Milchvieh- und Ackerbaubetriebe, würden ihre Produktion extensivieren und die Direktzahlungen behalten. Den Verlust der Zahlungen durch den Bund könnten sie nur schwer kompensieren.

Gegenüber einer Umstellung auf Bio ist Landwirt Urs Bürgi aus Limpach BE kritisch eingestellt. Er befürchtet, dass wegen einer Vielzahl neuer Biobauern die Biopreise zusammenbrächen, sagte er vor den Medien. Der Berner bewirtschaftet einen Betrieb mit 20 ha Ackerbau, davon fast 9 ha Kartoffeln, und 17 Milchkühen.

Jeder Landwirt, der Direktzahlungen erhalten will, muss zumindest den sogenannten "Ökologischen Leistungsnachweises" (ÖLN) erfüllen. Die Anforderungen des ÖLN entsprechen denjenigen der Integrierten Produktion aus dem Jahre 1996. Eingeführt wurde der ÖLN im Jahr 1997.

Die wichtigsten Anforderungen des ÖLN umfassen:

Tiergerechte Haltung von Nutztieren
Ausgeglichene Düngerbilanz
Ein angemessener Anteil ökologischer Ausgleichsflächen
Geregelte Fruchtfolge
Geeigneter Bodenschutz
Auswahl und gezielte Anwendung von Pflanzenbehandlungsmitteln
Vorgaben betreffend Pufferstreifen
Vorgaben betreffend Saat- und Pflanzgut

Weniger Einkommen für Bauern

Aus der Studie geht nicht heraus, ob die sechs auf Direktzahlungen verzichtenden Betriebe ihre Produktion massiv steigern, um zu überleben. Die Studie wirft die Frage auf, wie oft Bauern ohne Verpflichtung zum ökologischen Leistungsnachweis zu Pflanzenschutzmitteln greifen würden.

Eines ist gemäss der Studie aber klar: Alle elf untersuchten Betriebe müssten mit der Trinkwasserinitiative mit weniger Einkommen rechnen. Und bei einem Ja zur Initiative würden die Landwirte ihre Produktion anpassen würden, Kartoffeln oder Zuckerrüben würden durch weniger empfindliche Produkte ersetzt. In der Studie bleibt offen, ob Bauern und Bäuerinnen deshalb vermehrt einem Nebenerwerb nachgehen würden. Fraglich sei zudem, ob die Konsumenten bereit wären, für Produkte aus der Landwirtschaft mehr zu bezahlen, heisst es in der Studie.

Ritter: Fast alle Betriebe betroffen

«Die Analyse bestätigt, dass die Annahme der Trinkwasserinitiative einen erheblichen Teil der landwirtschaftlichen Betriebe aus dem Direktzahlungssystem verdrängen würde» , teilte der Schweizer Bauernverband in einer Mitteilung fest. Für Markus Ritter, den Präsidenten des Schweizer Bauernverbandes (SBV), zeigt die Studie, dass die Forderungen der Trinkwasser-Initiative zu extrem sind. Sie führen nicht zum gewünschten Resultat, warnt er.

Fast alle Schweizer Landwirtschaftsbetriebe wären von der Initiative betroffen, so Ritter. «Ich beispielsweise kaufe Gras und Silage von meinem Nachbarn zu, der ebenfalls Biobauer ist. Unter den Bedingungen der Trinkwasserinitiative würden mir deswegen alle Direktzahlungen gestrichen», macht der SBV-Präsident vor den Medien deutlich. Er bestünde Handlungsbedarf, fuhr er fort. Mit den Aktionsplänen Pflanzenschutz und Biodiversität, die Strategie gegen Antibiotikaresistenzen sowie die Branchenlösung «Stärkung des inländischen Futteranbaus» würde viel getan.

«SBV betreibt Angstmacherei»

Die Initianten werfen dem Bauernverband Angstmacherei vor. So seien von der Initiative zum Beispiel keine Pflanzenschutzmittel der Bio-Landwirtschaft betroffen. Sie sehe auch keinen Totalverzicht auf Futtermittelzukäufe vor, schreibt der Verein Sauberes Wasser. «Der Spielraum, den das Parlament bei der Umsetzung der Trinkwasserinitiative hat, wurde von den Autoren bewusst ignoriert», heisst es weiter.

Die Studie belege, dass Betriebe, die bei Annahme der Initiative aus dem Direktzahlungssystem aussteigen würden, ihre Produktion kaum weiter intensivieren könnten. «Der Behauptung des Bauernverbands, es komme durch die Initiative zu einer Intensivierung mit massiver Verschlechterung der Umweltbilanz, ist damit die Grundlage entzogen», machen die Initianten deutlich.

Wie würden Sie bei einer Annahme Ihren Betrieb ausrichten? Würden Sie auf Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) aussteigen und auf Direktzahlungen verzichten? Oder würden Sie sich den neuen Gegebenheiten anpassen? Abstimmen und mitdiskutieren

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE