9.10.2020 09:28
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Pflanzenschutz
«Verbote lösen Probleme nicht»
Verbote lösen das Pflanzenschutzmittel-Problem nicht, finden ETH-Forscher, denn Bauern müssen ihre Pflanzen schützen - das schleckt keine Geiss weg. Die Wissenschaftler haben nun in der Fachzeitschrift «Nature Food» Pfade zu einer ganzheitliche Pflanzenschutzmittel-Politik vorgeschlagen.

Die Landwirtschaft muss ein Dilemma lösen. Sie muss ihre Kulturen vor Krankheiten und Schädlingen schützen – doch einige Pflanzenschutzmittel gefährden potenziell die Umwelt und die Gesundheit. «Diese Risiken gilt es massiv und schnell zu senken», fordern die Forscher.

«Pflanzenschutz ist komplex»

Es gibt Alternativen zu umweltschädigenden Pflanzenschutzmittel. Landwirte ergreifen sie freilich nur, wenn es sich für sie auch lohnt, meint ein interdisziplinäres Wissenschaftler-Team rund um den ETH-Professor Robert Finger: «Lenkungsabgaben können den entscheidenden Anreiz geben, damit Landwirte gefährliche Pflanzenschutzmittel durch weniger schädliche Mittel ersetzen.»

Trotz ambitionierter Pläne habe bislang kaum ein europäisches Land Risiken beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern können, schreibt Finger in einer Mitteilung vom Freitag. Auch in der Schweiz würden regelmässig Grenzwerte überschritten. Mit der Trinkwasser- und der Pestizidinitiative stünden gleich zwei Volksbegehren an, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft massiv reduzieren oder gänzlich verbieten wollen. Freilich: «Pflanzenschutz ist komplex».

Transparenz schaffen

Zudem müsse eine wirksame Pflanzenschutzmittelpolitik messbare, transparente und verbindliche Ziele definieren, um die Risiken zu senken. Solche fehlen heute in vielen EU-Ländern und in der Schweiz, schreibt Finger. Doch das alleine genüge nicht, hält der ETH-Professor fest: «Wer Ziele setzt, sollte regelmässig überprüfen, ob sie erreicht werden, und die Ergebnisse öffentlich zugänglich machen». 

Wann, wo und in welchen Mengen Pflanzenschutzmittel genau zum Einsatz kommen, sei heute von den wenigsten Ländern bekannt. Hier will Finger mehr Transparenz. 

Um Risiken effektiv und effizient zu senken, brauche es eine umfassende Sicht: «Wir müssen Pflanzenschutz ganzheitlich betrachten und dazu von den Bauern über Behörden bis zu den Konsumentinnen alle Akteure einschliessen.» Wie das zu bewerkstelligen wäre, hat Fingers Team in «Nature Food» skizziert.

Alternative Ansätze nutzen

Erstmal müssten die ausgebrachten Pflanzenschutzmittel nicht nur - wie bisher üblich - mengenmässig gemessen werden, sondern auch bezüglich ihrer Toxizität. Risikobasierte Indikatoren sollen verwendet werden, um das Schadenpotenzial für Mensch und Umwelt zu berücksichtigen. Weiter gelte es, bereits bekannte Alternativen anzuwenden: artenreichere Anbausysteme mit breiteren Fruchtfolgen, die den Krankheits- ?und Schädlingsdruck verringern; Methoden, welche die verbleibenden Schädlinge biologisch bekämpfen; und die Züchtung resistenter Sorten mit molekularbiologischen Methoden. Letztere würden in der Schweiz wie in der EU restriktiv reguliert - das gelte es zu überdenken.

Ausserdem sollte die Skepsis gegenüber digitalen Hilfsmitteln überwunden werden. «Technologien für einen smarten Pflanzenschutz» sollten weiterentwickelt und gefördert werden, verlangen die Experten: Roboter und Drohnen etwa, die durch Ausbringung von Substanzen Schädlinge, Unkräuter und Krankheiten gezielt bekämpfen. Trotz des Potenzials setzen Betriebe solche Ansätze heute aber noch zu selten ein, so die Forscher

Finanzielle Anreize schaffen

«Neue Technologien, und seien sie noch so vielversprechend, sind wirkungslos, wenn Landwirte sie nicht annehmen. Heute sind Pflanzenschutzmittel generell zu billig, potenzielle Schäden für Mensch und Umwelt nicht in Preisen integriert», bemängeln die ETH-Fachleute. Dänemark habe es beispielsweise geschafft, die Risiken von Pflanzenschutzmitteln mit einer Lenkungsabgabe in fünf Jahren um mehr als 30 Prozent zu reduzieren. 

Für die Forscher braucht es eine Kombination von Lenkungsabgaben mit Direktzahlungen, spezifischen Versicherungen und unabhängiger Beratung, um Bauern zum Umstieg auf alternative Praktiken und neuen Technologien zu bewegen. Doch für die Forscher ist auch klar: Nachhaltiger Pflanzenschutz sollte aber auch von der Nahrungsmittelindustrie und Konsumenten mitgetragen werden.

Zielkonflikte überwinden

Bei der Einschränkung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes durch die Politik kommt es zu Zielkonflikten. Dieser kann den Ertrag schmälern oder die Klimabilanz verschlechtern. Verbote spezifischer Spritzmittel können Resistenzen fördern oder zu riskanteren Ersatzpraktiken führen, halten die Forscher fest.

Um diese Zielkonflikte zu überwinden, brauche es einen übergeordneten ernährungspolitischen Rahmen, der die wichtigsten Spannungsfelder berücksichtige. «Er sorgt für eine langfristige Perspektive und erlaubt es idealerweise, Akteure entlang der Wertschöpfungskette zusammenzubringen und gegenläufige Interessen auszutarieren», schreiben die Forscher.

Für die Schweiz könne die kürzlich von der EU präsentierte Strategie «From Farm to Fork» als Denkansatz dienen, finden die ETH-Experten. Der Plan sieht vor, nachhaltigere Nahrungsmittelsysteme zu schaffen und Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes massiv zu senken.

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